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Posts Tagged ‘Weltmeisterschaft’

Es gibt eine gute und eine gute Nachricht. Die gute: der Divan ist nach einem Vierteljährchen Pause zurück. Und die andere: Deutschland wird Fußball-Weltmeister 2010.

Ich hätte ja Israel oder die Schweiz als persönliche WM-Favoriten vorgezogen. Aber man sollte realistisch bleiben: Israel ist in der Qualifikation tapfer kämpfend erwartungsgemäß ausgeschieden – unter anderem gegen die Schweiz – und die Schweiz selbst wird es sehr schwer haben: in der Gruppenphase ist mehr als ein zweiter Platz gegen Spanien nicht drin. Und wenn man den schaffen sollte, dann warten bereits im Achtelfinale entweder Brasilien oder Portugal. Viel Glück!

Der Ekel über die deutschsprachige Berichterstattung über die Hamasfreunde, die die israelische Seeblockade durchbrechen wollten, damit bald wieder anständige Waffenlieferungen nach Gaza möglich sind, ist noch nicht verklungen und so fällt es derzeit etwas schwer, nationale Begeisterung für die Fußball-WM zu mobilisieren. Aber schon Settembrini sagt im „Zauberberg“, als er Hans Castorp verabschiedet:  „Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet. Mehr kann jetzt niemand tun.“

Nun denn, so wollen wir versuchen, noch einmal mit kindlich naiver Begeisterung für die Helden der eigenen Nation in eine Fußball-WM zu gehen – wer weiß wie lange das noch möglich sein wird, wer weiß, ob es beim nächsten Mal im Jahre 2014 noch einen Euro, noch eine halbwegs demokratische EU geben wird? Indessen schätze ich generell diese Anlässe postmoderner nationaler Begeisterung in Europa, wenn der EU-Größenwahn und die multikulturelle Gleichmacherei von echter Identifikation mit den jeweiligen kulturellen Wurzeln in die Schranken gewiesen werden, es ist Begeisterung für eine organisierte Groß-Torheit zwar, aber immerhin Begeisterung. Ganz klassisch. Für das eigene Land und gegen die anderen, wer auch immer das jeweils ist, meistens ist es Italien. Ein Festival des kollektiven Egowahns. Wunderbar.

So ist die WM jetzt also da und der Divan hat die Chancen der deutschen Fußballnationalmannschaft streng wissenschaftlich analysiert. Ich bin zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: diesmal wird es klappen und dafür gibt es vier Gründe:

Grund Nr. 1: Der historische Zyklus

Bei den 11 Weltmeisterschaften seit 1966 (vor 44 Jahren) hat Deutschland in 73% der Fälle das Halbfinale und in 55% das Finale erreicht (6 von 11 Mal). Ein Titelgewinn gelang im selben Zeitraum in folgenden Zeitintervallen: 1774 (Weltmeister) bis 1980 (Europameister): 6 Jahre, 1980 bis 1990 (Weltmeister): 10 Jahre, 1990 bis 1996 (Europameister): 6 Jahre; der Zeitraum 1996 bis 2006 hätte den fälligen 10-Jahresintervall wieder hergestellt, doch das wurde von Herrn Grosso in Dortmund verhindert. Wenn wir uns aber jenen WM-Sieg der Italiener einmal in Erinnerung rufen, was stellen wir dann fest? Es gab nie eine bedeutungslosere Weltmeisterschaft als die Italiens 2006: ein Team von überführten Wettbetrügern reist zur WM an, spielt vom ersten Tag an schlecht und gewinnt im Achtelfinale gegen die armen Australier nur wegen des absurdesten Elfmeters der WM-Geschichte in der buchstäblich letzten Minute. Hübsch auch, wie Herr De Rossi einem amerikanischen Spieler mit voller Absicht den Ellenbogen ins Gesicht rammt, so dass dieser blutend das Feld verlässt. Im Viertelfinale schlägt Italien die Ukraine, das war ihr einziges wirklich gutes Spiel. Im Halbfinale gegen Deutschland gewinnen sie mit einem Kunstschuss, einem Sonntagstreffer, der Spielverlauf war ausgeglichen. Und im Finale wird immer unvergesslich bleiben, wie der große und bekanntlich leicht reizbare Zidane bewusst beleidigt wurde, damit er in seinem letzten Nationalspiel vom Feld muss und im Elfmeterschießen fehlt, in dem Italien dann noch das unverdiente Glück hat, das jeder braucht, um ein schmutziges Geschäft zu Ende zu bringen. Wir Deutschen haben es vom ersten Moment an gespürt: hier wurde das Schicksal manipuliert, hier geschah etwas, was ungerecht und unsauber war, was den Weltenplan durchkreuzte, die Gestirne zum Stehen brachte, das Universum erschauern ließ. Der wahre Weltmeister waren wir, in den Herzen und im eigentlichen und statistisch nachvollziehbaren Willen der Götter. Welche satanische Kraft 2006 die Vorbestimmung verändern konnte, wissen wir (noch) nicht aber eines wissen wir, denn es offenbart sich in der Rückschau klar und deutlich: der Titel für Deutschland ist 2010 fällig und überfällig.

Grund 2: Bei Weltmeisterschaften gibt es keine Überraschungen – Weltmeister werden immer dieselben

Der üblicherweise kritische Leser des Divans wird sich jetzt fragen: aber die Gegner? Treten nicht weit stärkere Nationalmannschaften an, als diese deutsche Mannschaft, die vom Verletzungspech verfolgt wird und kaum anständige Stürmer zu haben scheint? Nun, ein Blick auf den Spielplan zeigt, was Deutschland zu erwarten hat und: was die anderen zu erwarten haben! Und der Spielplan spielt eine große Rolle: er war überaus günstig für Italien 2006 und er ist durchaus günstig für Deutschland 2010. Denn die Überraschungen im Sinne des unerwarteten Erfolges vermeintlich schwacher Mannschaften halten sich bei Weltmeisterschaften in klaren Grenzen. Es gibt sie immer, irgendwie, irgendein Kamerun oder Süd-Korea oder Dänemark wird auch diesmal wieder für Aufregung sorgen. Aber der Titelgewinn der Dänen bei der Europameisterschaft 1992 oder derjenige der Griechen 2004 waren nur die historischen Ausnahmen, die die Regel bestätigen und die Regel lautet: letztlich gewinnen die entscheidenden Spiele fast immer die Mannschaften, deren Sieg wahrscheinlich ist. Dies gilt weit mehr bei Weltmeisterschaften als bei Europameisterschaften und einen überraschenden Titelgewinn gab es bei Weltmeisterschaften noch nie. Weltmeister werden nur Brasilien, Italien, Deutschland, Argentinien, Frankreich oder vielleicht doch noch einmal England. Nur Spanien könnte in der näheren Zukunft vielleicht einmal in diesen illustren Kreis eintreten.

Bei der WM 2006 gab es am Ende der Gruppenphase in sieben von acht Gruppen vollkommen erwartungsgemäße Gruppensieger. Überraschungen gab es nur bei 3 Zweitplatzierten aber das wurde im Achtelfinale korrigiert, wo es wieder in sechs von acht Fällen erwartungsgemäße Siege gab, während zwei Partien sehr ausgeglichen waren (Portugal gegen Holland und Spanien gegen Frankreich). Ab dem Viertelfinale waren die Favoriten unter sich. Alles bleibt also im Endergebnis ziemlich vorhersehbar und um vorhersehen zu können, muss man den Spielplan und die Wahrscheinlichkeiten des Ausgangs der einzelnen Spiele betrachten. Und der Spielplan ist – bei näherem Hinsehen – günstig für Deutschland.

Grund 3: Der Lena-Effekt der gegenseitigen Eliminierung der Widersacher

Der Spielplan der WM teilt die 32 Nationalmannschaften in 2 große Blöcke von jeweils 16. Diese beiden Blöcke kommen erst im Halbfinale miteinander in Kontakt. Man könnte es auch so ausdrücken: es werden 2 Turniere gespielt, die jeweils 2 Sieger haben, welche dann die letzten 4 Spiele untereinander austragen: die beiden Halbfinals, das Spiel um Platz 3 und das Finale. Und hier zeigt sich: Fünf sehr starke Teams, nämlich Brasilien, Spanien, Portugal, die Niederlande und Titelverteidiger Italien haben mit Deutschland bis zum Halbfinale nichts zu tun. Oder anders gesagt: bis Deutschland mit einer dieser Mannschaften in Kontakt kommt, haben sich untereinander bereits mindestens 3 dieser 5 Mannschaften eliminiert. Auf der anderen Seite hat Deutschland nur 3 wirkliche Widersacher im eigenen Block, nämlich Argentinien, England und Frankreich, von denen wiederum 2 – wahrscheinlich England oder Frankreich – einen der beiden gegenseitig eliminieren, ohne dass Deutschland etwas mit ihnen zu tun hätte.

Das bedeutet, dass Deutschland sein entscheidendes Spiel am 3. Juli 2010 in Kapstadt haben wird, nämlich im Viertelfinale gegen Argentinien. Dies könnte als eine Revanche erscheinen, die Argentinien nutzen will, um die Viertelfinalniederlage gegen Deutschland 2006 wett zu machen. Aber die Dinge liegen etwas anders. Die argentinische Superstartruppe um Milito (hat gerade das Triple in Europa gewonnen), Messi (gilt als bester Spieler der Welt und ist es vielleicht auch) und Teves (spielte eine Super-Saison beim reichsten Verein der Welt, Manchester City) steht einem jungen und mental unverbrauchten deutschen Team gegenüber, das einerseits gegen diese Weltstars nichts zu verlieren hat und andererseits als U-21 Europameister oder zum Beispiel als Torwart von Vizemeister Schalke 04 (man denke an Derbys in Dortmund und den Druck, den man dort auszuhalten hat) auch genug Erfahrung und Kaltschnäuzigkeit hat, um einen Traum wahr werden zu lassen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Deutschland kann dieses Viertelfinale gegen Argentinien leicht verlieren aber wenn es gewinnt, dann ist alles möglich und der Vorteil wird bei den Deutschen liegen, da sie jung und unverbraucht sind und die Chance ihres Lebens nutzen wollen. Der Druck wird auf den Argentiniern lasten, die eine schlechte Qualifikation gespielt haben, einen drogensüchtigen Clown als Trainer haben und mit ihren Weltstars nicht schon wieder gegen Deutschland im Viertelfinale verlieren dürfen. Und genau deshalb werden sie verlieren. Ähnliches gilt für das Halbfinale (gegen Spanien) und das Finale (gegen Brasilien). Die Weltstars und Favoriten auf der anderen Seite werden sich an Neuer, Khedira, Özil und Marin die Zähne ausbeißen, weil diese wissen, dass sie nur diese zwei entscheidenden Spiele gewinnen müssen, dass sie nur dieses eine entscheidende Mal treffen müssen, um ewig in die Geschichte einzugehen. Normalerweise haben die Deutschen ein Problem damit, dass ab einem bestimmten Punkt nicht mehr die Leistung, sondern die Leidenschaft entscheidend ist. 2006 war der Erwartungsdruck zu groß. Diesmal ist genau diese Erwartung so nicht da, diesmal steht nicht das eigene Land um die Mannschaft herum Kopf, diesmal können sie es schaffen. 2006 wollten sie es, diesmal können sie es, denn das Wollen steht dem Können im Weg, wie wir aus dem Zen wissen.

Beim Grand-Prix-Sieg hatte Lena einen Vorteil, der zu beobachten war, wenn man das Eintreffen der Stimmergebnisse aus den Teilnehmerländern verfolgte, so wie ich dies an jenem Abend zum ersten Mal in meinem Leben und völlig zufällig tat: die Songs auf den Plätzen 2,3,4 u.s.w. blieben lange Zeit alle ungefähr auf dem gleichen Punkteniveau, es gab nicht einen klaren Konkurrenten gegen Lenas „Satellite“, es gab eine Handvoll davon und die eliminierten sich gegenseitig, weil die Punkte sich nicht auf einen Song konzentrierten, sondern sich auf viele Verlierer verteilten. Dasselbe wird bei der WM 2010 für Deutschland gelten. Deutschland muss sein schweres Viertelfinale gegen Argentinien bestehen, schafft es das, dann sind vermutlich Holland, Italien, Portugal, Frankreich und eben Argentinien bereits zu Hause bei Muttern wenn Deutschland sein Halbfinale gegen Spanien spielt, während Brasilien im anderen Halbfinale England eliminiert.

Grund 4: Die junge Mannschaft und die Tragik des Michael Ballack

Übergehe ich hier zu leichtfertig die „schwere Vorrundengruppe“ der Deutschen? Vielleicht. Aber Serbien, Ghana, Australien und vermutlich im Achtelfinale die USA sind schlagbare Gegner für Deutschland – keine leichten Gegner aber schlagbare Gegner. In der Vorrunde kann ja ein Unentschieden und sogar – falls nötig – eine Niederlage verdaut werden. Allerdings ist eine Niederlage in der Vorrunde keine gute Idee, sonst droht England als Gegner bereits im Achtelfinale. Doch England würde in diesem Fall gegen Deutschland verlieren. England hat dieses Jahr eine sehr starke Mannschaft aber England verliert gegen Deutschland. Punkt. Das ist ein Gesetz im Fußball und es scheint, als ob dies als Strafe für das Wembley-Tor von 1966 ein Jahrhundert Gültigkeit behalten soll. Aber so weit wird es vermutlich nicht kommen, denn normalerweise ist auf die Deutschen in der Vorrunde Verlass. Sie  gehen gemeinhin so gut vorbereitet in eine WM wie kaum eine andere Mannschaft. Schon die vermeintlich schwachen Gegner der Vorrunde sehr ernst zu nehmen ist eine der so genannten „deutschen Tugenden“. Der Weg ist nicht einfach aber er die Schwierigkeiten sind auch nicht unüberwindlich. Entscheidend ist hier die Frage: was für eine deutsche Mannschaft spielt?

Es spielt eine sehr junge Mannschaft. Es spielt eine Mannschaft aus Spielern, die – wie oben bereits gesagt – die Chance ihres Lebens nutzen wollen und nutzen werden und: Michael Ballack spielt nicht. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: ich mag Michael Ballack. Er ist unser einziger Weltstar, zwar hat er bei Chelsea diese Saison für einen Weltstar ziemlich viel auf der Bank gesessen, aber er bleibt unser einziger Weltstar. Andererseits ist er leider auch derjenige, der internationale Titel nicht gewinnen kann, der internationale Turniere und Finalspiele bisher immer verloren hat. Brutal gesagt: Michael Ballack ist kein Siegertyp. Er ist ein ehrlicher Arbeiter, ein bescheidener und korrekter Mensch, ein fairer Spieler und talentierter Spieler aber ihm fehlt der Killerinstinkt, die Sieger-DNA, die Mischung aus gemeiner Frechheit und bunter Genialität, die südeuropäische oder südamerikanische Stars haben. Er ist immer ein ehrlicher ostdeutscher Fußballarbeiter geblieben. Er hat nationale Titel gewonnen, in Deutschland und in England und dabei wird es bleiben. Die tragische Ironie seiner Karriere wird wie eine Verhöhnung des Schicksals erscheinen: Deutschland wird am 11.7.2010 Fußball-Weltmeister werden, weil eine junge Mannschaft im Viertelfinale sensationell die argentinischen Superstars schlägt und im Halbfinale und Finale seine einmaligen Chancen nutzt. Die jüngste deutsche  Mannschaft seit den dreißiger Jahren wird Weltmeister werden obwohl Michael Ballack nicht auf dem Feld steht? Nein, sie wird Weltmeister werden, weil Michael Ballack nicht auf dem Feld steht.

Damit ist also alles klar. Der wissenschaftliche Nachweis ist erbracht: Deutschland schafft es aus den oben genannten Gründen und der Divan kann für sich reklamieren, es gewusst und bereits am 6. Juni, 5 Tage vor WM-Beginn bis ins Detail vorausgesagt zu haben. Irrtum unmöglich. Noch Fragen?

Der Nord-Südliche Divan wird die WM weiter begleiten, mit Konzentration auf seine traditionellen Themen der Ideologie und der Reservate der Freiheit im Ozean der Lügen und Scheinwelten, die selbstverständlich auch den Fußball beherrschen (Irland!). Viel Spaß also allen Lesern des Divan bei der Fußball-WM 2010 und bei der Lektüre dieser Artikel, die ab jetzt wieder häufiger erscheinen werden.

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