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Posts Tagged ‘Turin’

Als Dolmetscher hat man eine Sonderstellung im Geschäftsleben: man betreut einen Kunden, meistens eine Gesellschaft oder auch eine Einzelperson, die ihrerseits ausländische Kunden, Partner oder Lieferanten trifft. Nach einiger Zeit bildet man mit seinem Kunden ein Team, man wird zur Stimme desjenigen, den man vertritt und seine Gesprächpartner werden „die anderen“. Dennoch bleibt man immer etwas außen vor: man nimmt Teil an den Besprechungen und Präsentationen auf hoher und höchster Ebene und man ist doch nicht beteiligt, bleibt draußen und betrachtet alles auch wie ein Besucher.

Mein Kunde hatte heute einen Termin in Turin, und natürlich – möchte man meinen – bei Fiat. Turin ist Fiat aber Fiat ist nicht nur Turin. Fiat ist Italien: „Fabbrica Italiana Automobili Torino“. Bei der Werksbesichtigung fiel mir auf, dass jeder der Arbeiter eine deutlich sichtbare italienische Fahne auf seiner Arbeitsmontur hat, an der Schulter, fast als wäre es eine Uniform.

In der Werkshalle fahren Roboter umher, die selbstständig Dinge von einem Ort zum anderen bewegen. Menschen gibt es in einigen Bereichen der Halle nur noch wenig, zur Steuerung der Montageroboter und zu Kontrollarbeiten. In anderen Bereichen gibt es noch das klassische Produktionsband und es stehen viele Arbeiter und Arbeiterinnen hintereinander, die Armaturenbretter oder Windschutzscheiben einsetzen, Verschraubungen vornehmen, ihren jeweiligen Part der großen Produktionsmaschine darstellen. Dann steht irgendwann alles still, Lichter erlöschen, es wird dunkel und Ruhe kehrt ein: Mittagspause.

Fiat Mirafiori ist ein modernes italienisches Heiligtum, eine Kultstätte, das Symbol für industrielle Weltgeltung und für echte Arbeiter und echte Kapitalisten, wie es sie früher einmal gab. Als ich Anfang der neunziger Jahre nach Italien kam, faszinierte mich die Tatsache, dass über den frühen und unglücklichen Todesfall eines jungen Sprößlings der Agnelli-Familie, der an einer schweren und seltenen Krankheit gelitten hatte, berichtet wurde, wie über einen Todesfall im Königshaus. Und das war es auch in gewisser Weise. Turin ist die alte Residenzstadt der Savoia, des italienischen Königshauses.

Vor dem Termin hatte ich noch etwas Zeit und schlenderte in den umliegenden Straßen um das Werksgelände umher: Graffiti scheint ja ein italienisches Wort zu sein, was es wohl – soviel ich weiß – nicht ist (jedenfalls nennt man sie hier nicht so), aber es könnte eine italienische Erfindung sein, so wie das Mobiltelefon eigentlich eine italienische Erfindung ist, auch wenn es ganz woanders erdacht wurde. Die Wandkritzeleien jedenfalls haben hier den besonderen Reiz, dass sie ungewöhnlich oft von verzweifelter Liebe künden oder von politischen Extremen und schönen alten Grabenkämpfen von richtigen Kommunisten gegen traditionelle Faschisten. Eigentlich sind dies Kämpfe, die unter Denkmalschutz gestellt werden sollten, weil sie etwas konservieren, was in diesen Erscheinungsformen keine praktische Rolle mehr spielt aber einmal von großer Wichtigkeit war. Italien ist nicht nur das Land der historschen Stadtkerne, es ist auch das Land der historischen Politfehde, die sich noch ganz der Mittel und Symbole der zwanziger Jahre bedient. Matteotti und Mussolini könnten heute wiederauferstehen und gleich weitermachen, man würde sie kaum für überholt halten.

Und dann stellt Fiat sich selbst aus und dar, in den Straßen um Mirafiori: mit der Plakatausstellung „La fabbrica della città“ (Die Fabrik der Stadt), die kluge Sachen und Historisches verbreitet. Und Wahlkampf ist wohl auch, in Italien ist immer Wahlkampf, warum auch nicht? Die Straßen um das Werk erscheinen wie ermüdet von so viel Geschichte und Industrie und Klassenkampf und Kultstatus: es ist diese besondere italienische Tristesse, in der alles grau und staubig wird, ermattete Fußballplätze und lustlose Kirchen in einer Wüste aus ewiggleichen Straßen und Wohnhäusern.

Zum Essen lädt man meinen Kunden in das Restaurant auf dem Dach des alten Werksgebäudes im Stadtzentrum ein, das heute nicht mehr zur Autoproduktion dient, sondern Messehalle und Einkaufszentrum geworden ist. Die Fabrik funktionierte hier einstmals vertikal: unten begann die Herstellung, dann gelangten die Autos Etage für Etage weiter hinauf, je weiter sie in der Produktion voran schritten und oben kann man noch heute die Teststrecke mit den Steilkurven betrachten, auf der früher jedes Auto getestet wurde. Eine verrückte Idee. Ob Gianni Agnelli, von dem es heißt, dass er sich die vom Kokain zerstörte Nasenscheidewand aus Platin nachbilden ließ, auf die Idee wohl im Vollrausch gekommen ist? Ich weiß es nicht, aber es könnte passen, denn an so einem graublauen Wintertag wie heute wirkt die ganze Stadt wie verkatert, wie nach einem langen Rausch ermüdet.

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