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Posts Tagged ‘Templer’

Sehr zu empfehlen in Haifa ist das Hotel „Colony“, wo wir Quartier bezogen haben. Deutsche sind hier besonders willkommen: der Hotelmanager meint, man solle die Tradition fortsetzen, denn die Deutschen hätten dies hier ja schließlich alles geschaffen. Die „Templer“ aus Württemberg, die nichts mit dem Templerorden zu tun haben, haben die Häuser an dieser Straße, die heute das Prachtstück von Haifa ist, im neunzehnten Jahrhundert gebaut und obwohl sie im zweiten Weltkrieg von den Briten verjagt wurden: die Straße und ihre Häuser gibt es noch und über den Eingängen sieht man ihre frommen deutschen Schriftzüge, meist Bibelzitate.

Die Straße ist heute eine der besten Restaurant- und Kneipenstraßen der Stadt, die David Ben Gurion-Avenue. Im Eingangsbereich des Hotels sieht man die Fotos der Familie Appinger, die das Hotel eröffnete und betrieb. Es wurde erst im Sommer 2009 nach langem Umbau neu eröffnet und bietet gemütliche Zimmer und gutes Frühstück in bürgerlich-deutschem Ambiente in Haifa.

Diese Templer wollten sich selbst und das Heilige Land auf die Wiederkehr Jesu vorbereiten. Die Fotos im Eingangsbereich des Hotels sind aber aus mehr als einem Grund interessant, denn sie zeigen Haifa zur Zeit der Templer (1890) und rund sechzig Jahre vor Gründung des Staates Israel: außer der von ihnen geschaffenen Siedlung, die im Wesentlichen aus der einen Straße bestand, gab es hier nämlich nichts. Auch bauten die deutschen Siedler die erste Straße nach Nazareth, die mit Kutschen befahrbar war. Dies ist eine interessante Bestätigung der Reiseberichte zum Beispiel von Mark Twain oder der vorhandenen Fotografien aus der Zeit vor der jüdischen Einwanderung, die belegen, dass das Land äußerst dünn besiedelt war, nicht kultiviert wurde, weitgehend brach lag und keine Infrastruktur, Schulen oder Ähnliches hatte. Viele der Araber, die sich später beschwerten, die Juden hätten ihnen das Land weggenommen, sind erst wegen dieser Juden aus Syrien und dem Libanon hier her gekommen: weil die Juden das Land fruchtbar machten, Siedlungen errichteten und Arbeitskräfte brauchten.

Die Araber in Haifa sind heute in der Mehrzahl Christen und leben mit den Juden und Moslems der Stadt erstaunlich problemlos zusammen. Es steht in den Reiseführern und wer ein bißchen mit den Leuten ins Gespräch kommt, stellt fest: es stimmt. Jacky, der jüdische Polizist, den wir bei seinem Freund, dem arabischen-muslimischen Friseur im Stadtteil Wadi Nisnas darauf ansprechen, sagt schlicht: hier klappts gut, weil hier gute Menschen sind. Er selbst kommt aus Syrien und sieht aus wie ein Araber, während sein arabischer Freund, der Friseur, vollkommen europäisch erscheint. Jackie erläutert uns, dass er sehr wohl gläubig sei. Im Dienst dürfe er keine Kippa auf dem Kopf tragen aber da gäbe es ja Lösungen: er lüftet die Dienstmütze, unter der die Kippa versteckt ist. Dann lacht er und erzählt uns von dem großen Festival im Dezember, bei dem Ramadan, Chanukah and Weihnachten gemeinsam gefeiert werden.

Wir bedanken uns bei den freundlichen Herren und ich verlasse mit stolzgeschwellter Brust diesen Friseurladen, weil ich das ganze Gespräch auf Hebräisch bestreiten konnte. Ich habe nicht jedes Wort verstanden aber es ging. Zehn Monate harte Arbeit waren nicht umsonst.

Haifa erscheint uns extrem interessant. Groß und lebendig, aber nicht ganz so stressig und laut wie Tel Aviv, vielfältig und farbig, tolerant und gelassen. Ein  großer offener Geist scheint die Stadt zu durchwehen, vielleicht haben die toleranten Bahai deshalb hier ihr Weltzentrum errichtet, ich weiß es nicht, ich hatte zu wenig Zeit hier, um mich in diesem Gemisch der Kulturen, Religionen und Sprachen – Russisch ist seit 1990 zu einer der wichtigsten Sprachen hier geworden – auch damit noch zu befassen. Wir sind jedenfalls auf den Geschmack gekommen, wir werden wiederkommen. Vielleicht im Dezember. Warum nicht?

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