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Posts Tagged ‘Stadthaus’

Tel Aviv gilt als „Stadt ohne Geschichte“. In der einschlägigen Literatur ist zu lesen, sie habe von Anfang an eine Stadt der Gegenwart sein wollen, der Zukunft, der Dynamik, der Entwicklung. Ewige Rückbesinnung auf eine lange Geschichte – das war die Diaspora. Mit der massenhaften Rückkehr ins Land sollte es um das jüdische Leben heute und hier gehen – und es wurde Tel Aviv.

So hatte die Stadt ohne Geschichte folgerichtig keine Informationsstätte über die Stadtgeschichte. Erst mit dem hundertsten Jubiläum im Jahr 2009 wurde dies geändert und es wurde ein historisches Gebäude dafür umgebaut und einer neuen Nutzung zugeführt. Das ist deshalb bemerkenswert, weil man in der Vergangenheit auch mit den heiligsten Symbolen der Stadtgeschichte nicht zimperlich umgegangen ist.

Das eklatante Beispiel hierfür war das hebräische Gymnasium: „Im Anfang Tel Avivs war <das Wort>; das ist wörtlich zu verstehen, denn die Stadt wuchs um eine Schule herum“, berichtete der schwedische Schriftsteller Marcus Ehrenpreis. Das hebräische Gymnasium war das Zentrum der frühen Siedlung und der neuen Stadt. Doch 1965 musste das Gebäude dem Shalom-Tower weichen, dem zu jener Zeit höchsten Gebäude Europas.

Ein anderes Beispiel ist die „Mograbi Oper“, das erste kulturelle Zentrum der modernen Stadt der dreißiger Jahre. Hierzu muss man sich die Bedeutung der Musik für die jüdischen Einwanderer und neuen Einwohner von Tel Aviv vergegenwärtigen: „Wer aus dem Flugzeug steigt und keinen Geigenkasten dabei hat, ist ein Pianist“ lautete eine volkstümliche Redensart. Aber auch das historische Gebäude der Oper musste weichen, nachdem eine neue Oper errichtet wurde. An der alten Stelle steht nun das „Opera-Building“, ein beeindruckender Riesenkomplex mit Geschäften und Lokalen im unteren Bereich und, ja was weiter oben? Es werden wohl Büros und Luxusappartements sein, wie in diesen Fällen üblich.

Das neue Haus der Stadtgeschichte aber ist im alten Stadthaus untergebracht, das nicht beseitigt wurde, um Platz für Neues und Moderneres zu machen, sondern das nach langer Vergammelung 2009 renoviert wurde. Der Name wurde für die neue Funktion einfach beibehalten: „Beit Ha-Ir“ – Haus der Stadt.

Ich entdecke es zufällig, denn in meinen Reiseführern mit Stand 2008/2009 (Du Mont, Lonely Planet, Baedecker) ist es noch nicht erwähnt. Aber es befindet sich am Ende der Bialik-Straße, die manch einer ohnehin besuchen wird, da dort die Häuser des Nationaldichters Chaim Nachman Bialik und des Malers Rubin zu besichtigen sind. Das prominent auf einer Anhöhe am Ende der Straße stehende Gebäude erschließt sich zunächst nicht sofort dem Zuschauer. Man versteht nicht so recht, worum es sich handelt und ob man hinein kann?

Ich wage es, finde die Tür geöffnet und bin positiv überrascht. Helle Räume empfangen mich. Der Pförtner am Eingang ist redselig. Auf meine Begrüßung erklärt er, dass er dem dort schon stehenden Herrn, einem Reisenden aus den USA, bereits einige einleitende Erläuterungen gibt und ich könne gern zuhören, wenn ich Englisch verstehe. Ich höre also zu und er erläutert.

Er erläutert, dass das ganze Haus weiß gehalten ist, weil Tel Aviv „die weiße Stadt“ sei. Es handle sich um das alte Stadthaus, dass man zum hundertsten Jubiläum wieder zum Leben erweckt habe. Dies sei lange das Zentrum der Stadt gewesen, vor dem Gebäude hätten die großen Versammlungen, Festzüge, Demonstrationen und Wahlkundgebungen stattgefunden. Jetzt habe man hier vor allem eine Fotoausstellung zu bieten. Aber es sei keine normale Ausstellung, es seien ausschließlich Fotos von Privatpersonen. Diese Fotos würden nun die Geschichte der Stadt dokumentieren, aus persönlicher Sicht, man könne die Stadt sozusagen mit den Augen ihrer Bewohner sehen. Ich beginne mich zu entspannen. Diese Erläuterungen werden wohl länger dauern.

Im unteren Teil der Haupthalle, so fährt der redselige Pförtner fort, habe man den Boden aus alten Fliesen gestaltet, die man aus dem Bauschutt historischer Gebäude hervor gezogen habe. Manchmal kämen Leute und würden die Fliesen ihrer früheren Küche wiederentdecken. Im Bereich der Freitreppe sei ein ständig laufender Film über die Stadtgeschichte zu sehen, der – ausschließlich mit Bildern und Musik – 100 Jahre Stadtgeschichte in 15 Minuten zeige. Aber das sei nicht alles: weiter oben habe man das Büro des legendären Bürgermeisters Meir-Ditzengoff rekonstruiert, mit den Originalmöbeln und Bildern. Er sei, wie wir sicher wüssten (wir nicken eifrig) lange Bürgermeister gewesen, bis auf eine kurze Unterbrechung von ein paar Jahren.

Mein amerikanischer Genosse beginnt sichtlich nervös zu werden. Er bestätigt mehrfach, dass dies alles „extremly interesting“ sei und sagt: „we´ll have a look“. Auch holt er das Portemonnaie hervor, um seine Absicht deutlich zu machen, jetzt zu zahlen und hineinzugehen. Aber so einfach ist das nicht. Der Pförtner hat noch etwas hinzuzufügen, und er fragt, ob wir Hebräisch könnten? Wir weisen uns als mehr oder weniger kundig aus, worauf er uns dringend auffordert, uns in diesem Fall die interaktive Multimediashow an den Computern im Untergeschoss nicht entgehen zu lassen. Man könne dort jedes einzelne Jahr anklicken und zu verschiedenen Themen historische Film-, Foto und Tonaufnahmen sehen. Zum Beispiel sei zu hören, wie Ben Gurion 1948 die Gründung des Staates Israel verkündet.

Wir bekunden nun mit allen körpersprachlichen Mitteln unser vollständiges und lebhaftes Interesse und vor allem unser Interesse, hinein zu gehen, aber der Pförtner befürchtet offenbar, ein Mangel an Vorinformationen könnte bleibende Schäden bei uns hinterlassen. Deshalb fügt er hinzu, dass auch der kleine Ausstellungsbereich um das Ditzengoff-Büro herum sehr interessant sei. Dort gebe es zum Beispiel ein Wahlplakat in Versform. Und schließlich – hat er schließlich gesagt?, kommt er zum Ende? – solle man nicht versäumen, auf die Aussichtsterrasse hinauf zu gehen. Das Haus sei auf einer sehr hohen Düne erbaut worden und biete einen schönen Rundblick auf das, was einmal das Zentrum von Tel Aviv war.

Dann vollzieht sich das lang Erhoffte, Ersehnte, kaum noch Erwartete: wir bezahlen, erhalten eine Eintrittskarte, geben unsere Taschen ab und gehen hinein.

Und das sollten Sie unbedingt auch tun, wenn Sie nach Tel Aviv kommen. Denn wenn man einmal den Pförtner überwunden hat – man kann im Zweifelsfall vielleicht behaupten, leider nur der litauischen Sprache mächtig zu sein – dann findet man bestätigt, was er erläutert hat. Und noch einiges mehr.

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