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Posts Tagged ‘Sechstagekrieg’

In Ramat Ha-Sharon, einer nördlichen Vorstadt von Tel Aviv, sah ich eine jener Gedenktafeln für die gefallenen Söhne der Stadt, wie wir sie auch aus Europa kennen. Bei uns sind dort die Namen der gefallenen Soldaten der Weltkriege zu lesen und diese Kriege liegen bekanntlich mindestens 65 Jahre zurück.

Hier in Ramat Ha-Sharon werden mehr Kriege als nur zwei aufgeführt und sie liegen nicht so weit in der Vergangenheit: der Unabhängigkeitskrieg von 1948, der Sechtagekrieg von 1967, der Jom Kippur-Krieg von 1973, die erste Libanonkrise von 1982, die zweite Libanonkrise…. Es fällt auf, dass die Überschriften mit den Namen der Kriege jeweils noch die Worte „w-achreah / …und danach“ enthalten. Es ist offenbar nicht einfach, die Toten eindeutig den Kriegen zuzuordnen, denn auch die Zeit zwischen den Kriegen ist keine Zeit des Friedens.

Dann aber, am Ende der langen Liste für so ein kleines Städtchen, fällt der Blick auf den freien Raum, den die Gedenktafel denen einräumt, die da noch kommen werden. Hier ist noch etwas Platz für zukünftige Kriege, für zukünftige Tote. Der Platz bleibt einfach frei, so als wolle man gelassen und resigniert abwarten, wer hier noch einzutragen sein wird.

In kaum einer Kultur hat das menschliche Leben so einen hohen Stellenwert, wie in der jüdischen. „Wer ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt“, lehrt der Talmud. „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ hält der islamische Fundamentalismus dem entgegen (Erklärung von Al Quaida nach den Anschlägen in Madrid mit 191 Toten). Seit über 4 Jahren verhandelt Israel mit der Hamas um die Freilassung des Soldaten Gilad Shalit, der in Gaza als Geisel gehalten wird und weder Post von seiner Familie noch Besuche von UN-Mitarbeitern empfangen darf. Es heißt, man werde sich für seine Freilassung auf einen Austausch mit 1000 gefangenen Palästinensern einigen.

Dem Leben wird unterschiedlicher Wert beigemessen, in verschiedenen Kulturen und Religionen. Die Juden messen dem Leben den höchsten Wert bei. Die Geschichte jedoch lehrte sie, dass sie vorbereitet sein müssen auf die möglichen Angriffe derjenigen, die den Wert des Lebens andes einschätzen, sei es in Europa, sei es hier, im Umfeld des Landes, mit dem sie seit 3000 Jahren verbunden sind. Und sie sind vorbereitet, so scheint es bei der Betrachtung der Gedenktafel in Ramat Ha-Sharon. Sie sind es in jeder Hinsicht.

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Es gibt Orte, die gibt es nur in den Fernseh- und Radionachrichten. Es kann sie eigentlich nicht wirklich geben, sie sind zu sehr Nachrichtenware, zu medial, zu schauerlich entrückt, um wahr zu sein. Ein Witz in meiner Jugend, in den achtizer Jahren lautete: „Billiges Grundstück zu vergeben: Golanhöhen, selbst verteidigen.“

Die Golanhöhen und Beirut, Belfast und Tel Aviv, dass waren damals die Orte, denen jetzt Bagdad und Afghanistan entsprechen. Heute jedoch habe ich gesehen, dass es die Golanhöhen wirklich gibt. Und es gibt viele Spuren, die zeigen, dass man tatsächlich an jenem Ort ist, der in den Nachrichten seinerzeit Synonym für Grauen war.

Zunächst trafen wir auf eine völlig zerschossene Moschee, die zwischen die Fronten geraten war, was ihr nicht gut bekam. Ein Volltreffer hat eine Ecke des Gebäudes komplett aufgerissen, am Turm sieht man Hunderte von Einschusslöchern. Im Innern hebräische und arabische Graffiti, ein großes Loch klafft in der Decke und wirft einen bizzaren Lichtschein an die Wand. Solcherart verwundet scheint diese Moschee heute im Nichts an einer staubigen Straße zu stehen. Erst beim Wegfahren sahen wir auch die Reste eines ebenfalls zerstörten Dorfes.

Drei Mal hat Syrien Israel angegriffen, im Unabhängigkeitskrieg 1948, im Sechstagekrieg 1967 und – zum vorläufig letzten mal – im Jom Kippur Krieg 1973, als sie nach den zwei vorherigen üblen Niederlagen versuchten, Israel feige an seinem höchsten Feiertag zu überfallen. Aber auch das ging schief. Die syrische Offensive wurde gestoppt und die israelische Gegenoffensive verschob die Front bis auf 20 km in syrisches Territorium hinein.

Im Rahmen der Waffenstillstandsvereinbarung zog Israel sich dann wieder zurück, behielt aber das schon 1967 eroberte Territorium und annektierte es. Vor dieser Eroberung waren die Golanhöhen der strategisch entscheidende Vorteil der Syrer gewesen: von hier aus hat syrische Artilerrie regelmäßig Galiläa beschossen.

Vom Aussichtspunkt Mitzpe Quneitra aus sieht man die Siedlung der UNDOF, die den Waffenstillstand in der entmilitarisierten Zone bewacht, und das Dorf Quneitra im Niemandsland, das völlig zerstört wurde und von den Israelis als Geste des guten Willens zusätzlich zu den Verpflichtungen des Waffenstillstands geräumt wurde. Es wurde hinter der Pufferzone auf syrischer Seite neu errichtet. Zwischen dem verlassenen Dorf und der UN-Siedlung gibt es einen Grenzübergang, den nur einige drusische Bauern und die Grenzwächter selbst passieren dürfen. Zwei österreichische UN-Soldaten, die am Aussichtspunkt herumstehen, erzählen uns auf Nachfrage, dass es sich bei diesen Drusen mit Übergangserlaubnis um nicht mehr als eine Handvoll Personen handelt.Es gibt einen Erläuterungstext des Panoramas, den man sich per Knopfdruck vom Band anhören kann. Es heisst dort, seit dem Jom Kippur Krieg wäre diese Grenze die friedlichste, die Israel hat. Wir fragen die Österreicher, ob sie das so bestätigen würden und sie lachen: so ganz solle man das besser nicht glauben, gibt man uns zu verstehen.

Einer der Soldaten lässt mich durch sein Fernglas den Grenzverlauf betrachten, der der alten DDR-Grenze schockierend ähnlich ist: Sandstreifen, Minengürtel, eine ins Land geschnittene Grenze, die niemand passieren kann. Ein drusischer Händler bietet am Mitzpe Quneitra sein Fladenbrot mit Joghurtfüllung an. Er sieht die Dinge gelassener und erklärt mir und einem der zahlreichen israelischen Ausflügler an diesem Shabbat-Nachmittag auf Hebräisch, dass der Golan „Gan Ha-Eden“ wäre, der Paradiesgarten Eden. Auch wir haben davon gehört und fahren nach Gamra weiter, wo es einen Naturpark und Wasserfall zu bestaunen gibt.

Aber auf dem Weg dorthin bleibt jedoch zunächst Kriegerisches im Vordergrund: ein Hinweisschild an der Straße macht uns neugierig. Wir halten, ein schmaler, genau bezeichneter Weg führt zu einem ausgebrannten israelischen Panzer, der zum Mahnmal geworden ist. Eine Gedenktafel und eine Fahne rahmen in ein, ein inzwischen mächtiger Nadelbaum ist genau aus seiner Mitte empor gewachsen und zeigt, dass dieser bisher letzte Krieg doch schon eine Weile vergangen ist. Ein etwas genauerer Blick auf den Weg, den wir hierher von der Straße nahmen, belehrt uns, warum er so genau bezeichnet ist: wir sind in einem Minenfeld. Diese syrischen Landminen haben die Israelis liegen lassen, damit sie im Falle eines erneuten Angriffes den Syrern selbst zum Hindernis werden. Aber wenigstens sind die Minenfelder genau bezeichnet, sodass man als Ausflügler hier nicht in Gefahr gerät, wenn man sich genau an die Anweisungen hält und die Warnschilder beachtet.

Etwas weiter an der Straße sehen wir wieder Panzer, diesmal neuere, die in einem gegenwärtig genutzten Übungsgelände stehen, auch sie zerschossen und beschädigt, aber nicht im Jom Kippur-Krieg sondern offenbar als Zielscheiben oder Attrappen bei den Manövern der Israel Defence Force. Etwas weiter stehen neue und funktionstüchtige Panzer an der Straße, mit einem Soldaten darauf liegend, der mit der Kippa auf dem Kopf in einem Buch liest: Shabbat an der Waffenstillstandslinie.

Schließlich erreichen wir Gamla, den Naturpark und sehen, dass der drusische Händler nicht Unrecht hatte. Die Hochebene des Golan wird hier von zwei Schluchten zerschnitten, in denen sich tatsächlich ein Naturparadies ausbreitet. Nicht nur ca. 700 prähistorische Dolmen sondern auch die Überreste eines byzanthinischen Klosters und die Ruinen des altjüdischen Dorfes Gamla selbst sind hier zu sehen, auf einem pyramidalen Berg an dem Punkt, an dem die beiden Schluchten zusammenstoßen. Aber selbstverständlich gibt es auch hier eine tragische, nationaljüdische Geschichte, die der von Massada ähnelt: die letzten Juden nach der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem, die von den Römern belagert und schließlich getötet werden. Zudem ein prachtvoller Wasserfall und Adler soll es auch geben, wir haben sie allerdings nicht gesehen. Wir haben auch genug gesehen, Kriegerisches und Friedliches, aber jedenfalls sehr viel für einen Tag und wir kehren zurück zum Kibbutz En Gev am See Genezareth, wo wir Quartier bezogen haben.

Den Tag lassen wir beim Sonnenuntergang am Seeufer ausklingen. Man möchte das Klischee ja vermeiden aber dennoch: eine mystisch silbrige Stimmung liegt auf dem fast spiegelklaren See, als die Sonne hinter den Hügeln am westlichen Ufer, oberhalb von Tiberias versinkt. Nur millionenfach herumschwirrende winzige Fliegen stören die Mystik etwas. Auf dem Wasser geht derzeit niemand, nur am Wasser gehen und stehen die Vögel und beobachten uns, wohl in der Hoffnung auf Krümel. Ich nutze die letzte Sonnenwärme und nehme ein Bad im kühlen Seewasser, das tut gut nach einem ziemlich heißen Tag auf den Golanhöhen, von denen ich jetzt weiß, dass es sie wirklich gibt.

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