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Posts Tagged ‘Sde Boker’

Man muss seinen Blick an die Wüste erst gewöhnen, logischerweise, so wie man alles Neue erst erlernen muss. Wir waren wir heute beim Krater von Mizpe Ramon und es ist nicht leicht, die Wüste zu beschreiben, wenn man sie erst gestern an einem anderen Ort völlig anders erlebt hat. Der Blick, wie gesagt, ist nicht geschärft: die Farben des Gesteins wechseln, aber was ist das für Gestein? Der Wind war stetig und stark aus einer Richtung, er war warm und daher ganz anders als gestern, als er erfrischend war. Aber was für ein Wind ist das?

Bei Mizpe Ramon gibt es einen Krater, er ist 30 Kilomenter lang, 10 Kilomenter breit und 300 Meter tief. „Like the Grand Canyon“ stellten die Amerikaner an der Aussichtsplattform fest und mir scheint, sie haben Recht, obwohl ich den Grand Canyon nie gesehen habe. Es fehlt mir die Sprache für dieses Naturschauspiel hier, denn es fehlt mir Wissen und vielleicht fehlt mir Zeit und Ruhe. Ich habe zwar zwei volle Tage mitgebracht aber diese Wüste ist größer als zwei volle Tage. Die Wüste liegt nur da, wenn man sich nicht die Zeit nimmt, seine innere Dimension an ihr auszurichten, wenn man keine innere Weite schafft, die dieser äußeren Weite entspricht.

Was also tun? Erst einmal Mittagessen und zwar im reizlosen Ort Mizpe Ramon, im Städtchen hinter der Aussichtsterasse. Straßenverkauf von Fallafel und Salat, Plastikstühle vor den einfachen Restaurants, aus denen es frittiert riecht. Aber alle sind freundlich, antworten mir auf Englisch auf meine hebräischen Bestellungen, es schmeckt scharf und gut. Auch den Soldatinnen und Soldaten schmeckt es, die zahlreich kommen, in hellen und in oliven Uniformen. Wir fragen und lernen, dass die Hellen der „Air Force“ angehören und die Olivgrünen der Infanterie. Überall in Israel sieht man junge Soldatinnen und Soldaten. Oft bewaffnet. Die Soldatinnen aber sind nicht, wie woanders, überwiegend burschikose Frauen ohne Makeup, viele von ihnen sind bildhübsch und haben zarte Gesichtszüge. Aber die Wehrpflicht gilt für alle: 3 Jahre für Männer und 2 Jahre für Frauen.

Man gewöhnt sich an das Bild, es wird normal. Man gewöhnt sich auch daran, dass hinter Schulklassen auf Ausflügen immer ein bewaffneter Lehrer oder eine bewaffnete Lehrerin hergeht, mit dem Gewehr über der Schulter. Es gibt dabei kein Cowboy-Gehabe, es ist kein Eindruck einer angriffslustig militarisierten Gesellschaft, kein Eindruck, dass dies irgend jemand so will. Es ist pure Notwendigkeit. Vor wenigen Tagen wurde bei Nablus ein Jude in seinem Wagen im Stau erstochen, von einem palästinensischen Polizisten! Das sind die besetzten Gebiete der Westbank, wird man einwenden, aber während der zweiten Intifada wurden so überall im Land Menschen getötet, vorzugsweise unbewaffnete und wehrlose Menschen, in Bussen, Restaurants, auf offener Straße. Erst mit der Abriegelung der Westbank konnte Israel diesen Wahnsinn stoppen. Eine Abriegelung, die heute aus Deutschland gern mit der Berliner Mauer verglichen wird, was ignorant und unangemessen ist. Aber wir Deutschen erteilen den anderen gern Lehren, wir fühlen uns dazu berufen, vielleicht weil unsere eigene Geschichte ein so beeindruckender Siegeszug des Friedens und der Demokratie ist?

Nach dem Mittagessen verabschieden wir uns aus Mizpe Ramon und fahren zurück nach Norden, zum Kibbutz Sde Boker, um die Hütte von David Ben Gurion zu sehen, dem Mann, der 1948 die Gründungserklärung des Staates Israel in Tel Aviv verlesen hat. Es war sein testamentarischer Wille, dass seine Hütte, die Möbel, die Gegenstände unverändert bleiben, nach seinem Tod. Ein eigenartig egomanischer Gedanke für einen Mann, der als so bescheiden gilt, der sich 1953 freiwillig aus der Politik zurückzog, um sich der wirklich wichtigen Aufgabe zu widmen: der Kultivierung der Wüste im Negev, in dem er Israels Zukunft sah. Das Museum bei seiner Kibbutz-Hütte ist sehenswert, es beschreibt die Stationen eines außergewöhnlichen jüdischen Lebens des zwanzigsten Jahrhunderts, eines großen Visionärs, der an das Unmögliche gleich zwei Mal glaubte: im Falle der Gründung Israels und im Falle der Nutzbarmachung der Wüste des Negev, die allerdings noch im Gange ist.

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Der Nationalpark des Canyons von En Avdat direkt bei Sde Boker ist nicht nur einen Besuch wert, er ist ein unvergessliches Erlebnis. Aber kommen Sie früh morgens: wir hatten das Glück, den Canyon zu betreten, als außer uns nur ein weiteres Ehepaar unterwegs war. So konnten wir die Schönheit der Schlucht nicht nur sehen, sondern auch hören: Stille, herumfliegende Insekten, Wasserrauschen oder Plätschern, Vogelschreie, Wind.

Wir fahren zunächst vom Ben Gurion-Institut in Sde Boker das Tal hinab bis zum unteren (nördlichen) Parkplatz am Anfang des Wanderweges. Dann geht es zu Fuß weiter, immer den Wasserlauf hinauf. Bald wird die Schlucht enger, die Felswände rechts und links steiler. Der Bach bildet Teiche, in denen sich die Felsen spiegeln. Morgens legt man noch einen großen Teil des Weges im Schatten zurück, was angenehm ist, gegen Mittag steht die Sonne senkrecht über dem Tal.

Am Wasserfall weitet die Schlucht sich noch einmal und macht eine Biegung, die ihre ganze majestätische Höhe erkennen lässt. Jetzt heisst es sich beherrschen, denn es ist verboten in den Teichen zu Baden und es ist wahrscheinlich auch besser, der Versuchung zu widerstehen: das Wasser ist eiskalt, der Temperaturunterschied könnte den erhitzten Wanderer leicht überfordern. Denn es wird steiler.

Hinter dem Wasserfall steigt man die Talwand hinan, über steile Wege, serpentinenartig, und über Treppen und Stahlleitern. Der Weg wird jetzt anstrengender aber er ist nicht sehr schwer zu bewältigen und mit etwas Vorsicht mit Kindern ab 8-10 Jahren kein Problem.

Oben angekommen erreicht man den südlichen Eingang des Canyons, mit Parkplatz und Toiletten. Es lohnt, von hier aus den Weg des Wasserlaufs noch etwas weiter nach Süden zu verfolgen. Hier hat es in den letzten Wochen einmal stark geregnet und auch oderhalb der Quelle fanden sich Tümpel und Wasserreste. Die Einheimischen erzählen, dass es jetzt außergewöhnlich grün sei.

Je weiter wir uns vom Canyon entfernen, desto spärlicher wird das Wasser und desto mehr geraten wir hier in der Ebene über dem Canyon in eine reine und typische Wüstenlandschaft: Stille, Hitze, Trockenheit, Insekten, Wind und Weite.

Nach ungefähr einem Kilometer kehren wir um und treten den Rückweg zum Canyon an, es ist inzwischen Mittag, die Hitze wird drückend und wir wollen uns ausruhen.

Am südlichen Zugang angekommen empfangen uns Klänge, die wir beim Aufstieg nicht gehört haben: Schreie, Rufe, Lachen, Gesänge. Mehrere Busladungen an Schulklassen befinden sich im Anstieg aus dem Canyon hinauf zu uns. Und in der Schlucht hallt alles wieder wie in einem Fußballstadion. Wir danken dem Himmel, dass wir das Privileg zu einem Aufstieg in Stille hatten. Da unser Erlebnis kein Einzelfall gewesen sein dürfte, ist unbedingt zu empfehlen: besuchen sie den Nationalpark En Avdat aber kommen Sie früh, um die Stunden vor 11.00 Uhr zu genießen, wenn diese Gruppen noch nicht da sind.

Eine kuriose Erkenntnis dann beim Abstieg: es ist offenbar nicht vorgesehen, dass man den Weg vom nördlichen Parkplatz bei Sde Boker durch den Canyon und hinauf zum südlichen Ausgang auch so wieder zurückgeht. Der Weg ist als Einbahnstraße gedacht: man soll allen Ernstes vom südlichen Ausgang per Bus (alle 1,5 Std.) oder irgendwie über die Straße zum Ausgangspunkt zurückkehren. Allerdings wird dies nicht von Anfang an klar gemacht: erst oben nach dem Aufstieg sahen wir ein Schild, auf dem „Hinabsteigen verboten“ steht. In der offiziellen Broschüre heißt es: „Those walking this route should arrange for a car to be waiting for them at the upper parking lot“. Abgesehen davon, dass dies Unsinn ist, weil kein Tourist das so einfach organisieren kann, ist es auch kein Verbot. „Should arrange“ klingt nach einer Empfehlung, die man auch missachten kann. Wir aber wurden beim Abstieg von einem Herrn ziemlich barsch zurecht gewiesen. Wer sein Auto unten am nördlichen Eingang hat, der soll offensichtlich nur den kurzen Weg bis zum Wasserfall und wieder zurück gehen, ohne hinauf zu steigen. Eine unsinnige Regelung, da ja alle den gleichen Eintrittspreis von 25 NIS (ca. 5 Euro)  zahlen. Daher meine Empfehlung: missachten Sie die unsinnige Regelung und achten Sie beim Abstieg nur darauf, dass Sie auf den engen Stufen und Treppen niemandem den Weg blockieren, der gerade hinaufgeht, indem Sie einfach abwarten, bis der Weg frei ist.

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Wenn man im „Lonely Planet“ liest, dass es nicht zu leugnen sei, dass eine Stadt hässlich ist, dann wird sie dadurch schön, dass man seine Erwartungen herunterschraubt und sich dann über jede schöne Kleinigkeit freuen kann. Ich bin gern an Orten, an denen echtes Leben stattfindet. Vor ein paar Tagen wurde mir das wieder klar. Wir besuchten auf dem Weg nach Haifa die berühmte Ausgrabungsstätte Cäsarea, mit altrömischem Amphitheater, Hafen, Pferderennbahn, Mosaiken, Ruinen etc. Wir sind unserer Freunde Marcello und Angela zuliebe dort hingefahren. Beachtliche Ausgrabungen – kein Zweifel, aber bald schon auf unserem Rundgang begann ich mich zu fragen, was ich dort eigentlich wollte? Entweder ich interessiere mich für Archäologie, beschäftige mich mit der römischen Kultur der Antike oder ich gehöre nicht dahin.

Diese Orte, an sonnigen Wochenendtagen von Menschenmassen aus Bussen und Autos überschwemmt, werden ohne momentanes archäologisches oder historisches Interesse zu dem, was man auf Italienisch einen „non luogo“ nennt, einen „Nicht-Ort“. Damit werden Parkhäuser, Flughäfen oder Shopping-Center bezeichnet, anonyme Zweckbauten, die überall stehen könnten, die keine Identität haben. Auch ein altrömisches Cäsarea kann dazu werden, oder jede andere „Sehenswürdigkeit“, also etwas, was würdig ist, gesehen zu werden. Dieses Wort impliziert, dass der Sinn des Ortes das Betrachten selbst ist. Der Ort hat vorgeblich eine derartige Wichtigkeit, dass er betrachtet werden muss, dass das Betrachten allein zum Sinn wird, auch ohne persönliche Motivation. Kein Wunder, dass viele Menschen sich an diesen Orten verloren vorkommen, sich langweilen, keinen Zugang finden. Aber keiner gibt es zu. Wer wollte schon so dumm erscheinen? Man fährt ja schließlich hin, weil man sich und anderen bescheinigen will, dass man „Kultur“ hat, Kultur braucht und deshalb Sehenswürdigkeiten ablatscht.  Besonders bei Kindern sehr beliebt. Ein Spaß für die ganze Familie.

In Beer Sheva am Rande der Negev-Wüste hat man diese Probleme nicht. Wie gesagt: keine Erwartungshaltung – kein Problem. Wir haben die Stadt nicht gezielt angefahren, sie lag auf dem Weg nach Sde Boker, von wo aus wir zwei Tage den Negev erkunden möchten.

Es handelt sich immerhin um die viertgrößte Stadt Israels nach so klangvollen Namen wie Tel Aviv, Jerusalem und Haifa. Außerdem ist sie eine Universitätsstadt von erheblicher Wichtigkeit. Näheres und Besseres über das Leben dort kann man dem interessanten Blog „Blick auf die Welt – von Beer Sheva aus“ entnehmen.

Auf unserem harmlosen Spaziergang sahen wir ein lebendiges Städtchen in der Abendsonne, nicht schön aber echt. Wir aßen zunächst etwas bei einem russischstämmigen Kellner, der kein Wort Englisch konnte, weshalb ich mein ganzes Hebräisch mobilisieren musste, um alles zu regeln, was auch funktioniert hat. An einer Ecke mit Allenby-Statue hält ein Fremdenführer seiner Reisegruppe eine flammende zionistische Kampfrede. Seine Gruppe lauscht, er redet und gestikuliert. Aus einer Kaserne kommen Soldatinnen, die sich in einer Bar erfrischen, an der Bushaltestelle sitzen, in kleinen Gruppen in Geschäfte gehen, die kurz vor der abendlichen Schließung zu sein scheinen, obwohl es erst halb fünf am Nachmittag ist. Bei einem Bäcker an der Straße kaufen wir zwei Flaschen Wasser. Ob wir Touristen seien? Als ich bejahe sagt er freundlich: welcome to Isael. Dann erklärt er weiter auf Hebräisch: Beer Sheva sei hässlich, wir sollten nach Haifa fahren. Ich widerspreche höflich doch der Herr winkt ab: es sei zu heiß hier. Aber jetzt ist es nicht heiß, gebe ich zu bedenken und er sagt: „Machar“. Morgen werde es heiß werden: 34 Grad. Ich zahle das Wasser, wir danken und verabschieden uns.

Wir verlassen Beer Sheva auf der Straße Richtung Elat, an der Südspitze Israels, wo man die Füße schon ins Wasser des Indischen Ozeans taucht. Aber wir wollen nicht so weit, wir wollen nur nach Sde Boker, etwa 30 Km südlich von Beer Sheva.  Schon kurz hinter der Stadt wird die Vegetation tatsächlich sehr spärlich. Das erste Warnschild vor Kamelen an der Straße halten wir fast noch für einen Scherz, doch dann sehen wir sie tatsächlich an mehreren Punkten an der Straße stehen. Beduinenkinder sitzen auf ungesattelten Pferden, verschleierte Frauen suchen Feuerholz an der Straße, Schafherden warten darauf, dieselbe überqueren zu können. Im Westen geht die Sonne hinter den kargen Hügeln unter. Nach einigen weiteren Kilometern ist es nicht mehr zu leugnen: Wüste. Zum ersten Mal in meinem Leben. Ich bin neugierig. Morgen mehr.

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