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Posts Tagged ‘neoliberal’

Es ist kalt in Basel, Anfang Januar. Kalt und sehr sonnig. Nachdem mich die Straßenbahnen im Hotel am Bahnhof in der Nacht kaum haben schlafen lassen, fahre ich jetzt am Tag selbst in ihnen umher. Sie sind allgegenwärtig und ich sehe ein: der beste Weg, sich vor ihnen zu schützen, ist sie zu benutzen. Sie sind beheizt, was wir aus Mailand nicht kennen, obwohl es dort auch sehr kalt werden kann. Die tief stehende Sonne wirft lange Schatten auf die Fassaden und immer wieder an den Haltestellen bittet jemand um Geld. Man gibt etwas oder auch nicht und die Stadt verschluckt den Menschen wieder.

Es gibt hier die „Offene Kirche Elisabethen„, den „Ereignisort im Basler Zentrum“. Am 16. Januar findet dort die Benefizdisko „Oldies but Goldies“ statt, am Tag danach der „Öffentliche Gottesdienst der lesbischen und schwulen Basiskirche“, für den 28.1.2010 ist eine „Mahnwache für die Opfer der neoliberalen Globalisierung“ vorgesehen. Hierzu heißt es im Programm „Wenn Unrecht Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Deshalb erheben wir unsere Stimme, deshalb schweigen wir miteinander, um Kraft zu schöpfen. Wir wollen ein Zeichen der Hoffnung setzen für ein Leben vor dem Tod.“

EINE WELT

Ich praktiziere meine Spiritualität mehrfach täglich und suche oft Kirchen auf, um einen Moment der Ruhe zu haben, um durchzuatmen, um meditativ den ungesteuerten Gedankenfluss zu unterbrechen. Ich bin kein Christ aber ich bin christlich erzogen, im christlichen Kulturraum aufgewachsen, von ihm geprägt. Ich habe tiefen Respekt vor Orten, an denen Menschen ihren Glauben praktizieren. Es sind Orte, an denen Kinder getauft, Ehen geschlossen, Tote betrauert werden; es sind Orte, die von Menschen zum Beten aufgesucht werden, nicht selten wegen eines plötzlichen Krankheitsfalles in der Familie oder weil Vater vielleicht seinen Arbeitsplatz verliert. Muss man hier „Oldies but Goldies“ auflegen? Ist das fortschrittlich? Es gibt unzählige Hallen und Räume, wo Diskos möglich sind, müssen die christlichen Kirchen nördlich der Alpen sich bereits in so hohem Maße bei dem Publikum anbiedern, dass sie für spaßsüchtig, für die „Spaßgesellschaft“ halten?

Ich bevorzuge Kirchen als Orte der Stille und werde am 16. Januar nicht zugegen sein, wenn die Oldies – bei vermutlich unmöglicher Akustik! – durch die neugotischen Gewölbe dröhnen. Ich könnte allerdings Stille finden bei der Mahnwache für die…., ja für wen? Ach ja, für die Opfer der Globalisierung, selbstverständlich. Aber wer wird das sein, die Opfer der Globalisierung? Die Inder, Polen, Chilenen, Vietnamesen oder Chinesen, die in der übergroßen Mehrheit reicher und zufriedener geworden sind, in den letzten 15 Jahren, seit die technologische Entwicklung eingesetzt hat, die wohl mit Globalisierung gleich gesetzt wird und ohne die Sie diese Zeilen nicht lesen könnten? Globalisierung…., die Menschen kommen näher zusammen, die Kommunikation ist global und blitzschnell: ist das nicht die EINE WELT, von der immer die Rede war? (siehe Dirk Maxeiner in dem wunderbaren Buch „Schöner Denken“).

EMOTIONEN FUNKTIONIEREN BESSER ALS KLARHEIT

Es ist der Zusatz „neoliberal“, welcher der Globalisierung ihren Schrecken verleihen soll. „Liberal“ wollen heute alle sein, und deshalb musste man das Wort verändern, um damit „böse Kapitalisten“ bezeichnen zu können. So entstand „neoliberal“. Eigentlich könnten sie in der Elisabethenkirche auch gegen böse Kapitalisten anschweigen aber so klar will man das wohl nicht sagen, trotz der Forderung von Bertolt Brecht, man möge das Böse mit Vor- und Nachnamen bezeichnen. Klarheit ist nicht so wichtig, Klarheit scheint zu stören. Es ist mir zumindest weder klar, was an der „Globalisierung“ genau schlecht sein soll, noch was „neoliberal“ heißt. Vielleicht wissen das viele nicht, die die „offene Kirche“ zum Tanzen oder zu einer Modenschau besuchen. Ideologie ist immer emotional: es ist nicht wichtig – oder störend – genau zu wissen, was in Bukarest oder Hanoi geschieht, wichtig ist, dass „neoliberale Globalisierung“ „gefühlsmäßig“ so sehr mit „Unrecht“ assoziiert wird, dass „Widerstand“ zur „Pflicht“ wird.

Über den Rhein kann man hier mit der „Fähri“ fahren, die an einem Drahtseil entlang läuft, das über den Fluss gespannt ist. Die Fähri funktioniert lautlos mit der Strömungsenergie und ganz ohne Hinweis auf die Erdenrettung. Stünde in Deutschland „dem Klima zuliebe“ daran?

BASELS SCHORNSTEINE RAUCHEN NOCH

Das neue Stadion, der St. Jakob Park, hat unter dem Rasen ein Einkaufszentrum, in dem die Waren des globalisierten Weltmarktes angeboten werden, mit 10 Restaurants und dem Altersheim „Tertianum“ im selben Gebäudekomplex. Ein Herr erklärt mir auf Nachfrage, das die Altenheimbewohner in der eigenen Loge „Joggeliblick“ die Spiele verfolgen können.

Auf der Rückfahrt – selbstverständlich in der beheizten Straßenbahn – blicke ich den Rhein entlang auf Novartis und auf die rauchenden Schornsteine der Stadt. „Die Schornsteine müssen rauchen“, war ein Standardsatz in meiner Jugend, als man im industriell geprägten Rheinland der siebziger Jahre noch Positives mit qualmenden Schloten verband. In Basel rauchen noch vergleichsweise viele Schornsteine, zumindest an kalten Wintertagen, trotz der Konzentration in der Pharmabranche. Aber an keinem steht „dem Klima zuliebe“ dran. Wird da nicht Widerstand zur Pflicht?

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