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Posts Tagged ‘Marcello Lippi’

Seit Anfang der neunziger Jahre beobachte ich Italien und den italienischen Fußball. Nie, so habe ich in dieser Zeit oft gesagt, habe ich erlebt, dass man in Italien eine Niederlage im Fußball einfach anerkennt. Schuld sind immer die anderen: der Schiedsrichter vor allem, das Abseitstor, das fälschlich abgepfiffen wurde, der Elfmeter, den es nicht hätte geben dürfen oder den es hätte geben müssen, und so weiter. Für dieses Nachkarten und Rummäkeln gibt es in den entsprechenden Fernsehsendungen die Institution der „Moviola“. Dieses Wort bedeutet „Zeitlupe“ und ist an sich nichts Besonderes. Doch diese Zeitlupen werden nicht nur während des Spiels gezeigt, sondern sie werden nach dem Spiel zu einer Art eigener Sendung, die das alleinige Ziel hat, Niederlagen in Siege umzudeuten und die Schuld irgendwem zu geben aber nie der eigenen Mannschaft.

Heute ist Italien auf dramatische Weise aus der WM geflogen und daher interessierte mich: wie wird das heute sein? Welche Erklärungen wird es geben? Wer hat Schuld? Wie ist die Reaktion?

Erste Reaktion: Schockstarre

Die erste Reaktion in der RAI nach dem Schlusspfiff war die eines Schocks: Starre, Sprachlosigkeit, Suche nach Worten. Italien ist in der Vorrunde nie brillant. Italien beginnt eine WM immer erst, wenn es ernst wird und normalerweise geht das sogar gut. Diesmal haben sie allerdings sehr spät angefangen: in den letzten 10 Minuten des letzten Vorrundenspiels, in denen sie zwar noch 2 Tore machen aber die 2:3 Niederlage gegen die Slowakei nicht abwenden konnten.

Nach dem Schock ist die zweite Reaktion der RAI-Journalisten im Studio die eines wüsten Geschimpfes: „die Mannschaft war nicht fit, die falschen Spieler wurden ausgewählt, wenn das unser Spiel ist, dann verdienen wir nichts Anderes als auszuscheiden.“ Sieh an! Zumindest im ersten Moment geht es also nicht um das dritte italienische Tor, das wegen Abseits abgepfiffen wurde, oder um den Ball, der von einem Slowaken auf der Linie (hinter der Linie?) abgewehrt wurde.

Keiner der italienischen Spieler aus der Mannschaft, die auf dem Feld stand, stellt sich einem Interview. Auch von Trainer Marcello Lippi ist nichts zu sehen. Dann taucht wenigstens Alt-Torwart Buffon auf, der wegen eines Rückenproblems nach dem ersten Spiel nicht mehr spielen konnte. Aber er sagt eigentlich nichts. Ratlosigkeit im RAI-Studio. Man beginnt sich gegenseitig zu interviewen, um die Zeit zu überbrücken bis zur FIFA-Pressekonferenz, bei der der Trainer ja verpflichtet ist aufzutreten, wie der Moderator der RAI etwas verzweifelt erläutert.

Lippis Flucht in die Pseudo-Verantwortung

Dann kommt endlich Lippis Pressekonferenz. Er sagt: „Wenn eine Mannschaft so spielt, dann heißt das, dass der Trainer sie nicht richtig vorbereitet hat. Ich übernehme die ganze Verantwortung. Ich bin Schuld. Tut mir Leid. Ich wünsche meinem Nachfolger viel Erfolg.“ Es kommen noch ein paar belanglose Fragen, auf die Lippi belanglose Antworten gibt. Er wiederholt, dass er sich selbst die ganze Schuld gibt. Dann ist die Pressekonferenz beendet. Arriverderci.

Zurück im Studio. Erboste Reaktionen: „der macht es sich zu einfach! Es gab keine einzige fachliche Frage. Warum zum Beispiel hat er den Stürmer Quagliarella, der heute als einziger richtig gut gespielt hat, nur im letzten Spiel eingesetzt? Warum nicht früher?“

Tatsächlich ist diese Übernahme der Verantwortung seitens Lippi nichts anderes als eine Ausflucht. Wenn einer sagt: „ich habe alles falsch gemacht“, aber nichts erklärt, dann macht er es sich wieder sehr einfach. Wenn er die Mannschaft nicht richtig vorbereitet hat, wie er sagt, was heißt das? Wie hätte er sie denn vorbereiten sollen? Er sagt nichts Konkretes. Er führt keine Diskussion. Insgesamt wirkt sein Auftritt arrogant und kalt, auch weil vorher schon klar war, dass er nach der WM aufhört. Da lässt sich leicht Verantwortung übernehmen. Lippi wurde schon vor der WM in Italien nicht geschätzt, irgendwie hoffte man aber trotzdem, er könnte das Wunder von 2006 wiederholen und noch einmal das Unmögliche möglich machen. Das aber ist gründlich schief gegangen. Italien ist bei dieser WM nicht nur geschlagen worden, Italien ist untergegangen wie eine sehr armselige Titanic, die gar nicht richtig versucht hat, dem Eisberg auszuweichen. Und dieser Eisberg war wohl eher ein Eishügelchen, denn die Slowakei hat zwar heute sehr gut gespielt, hat aber in den Spielen vorher gegen Neuseeland auch nur ein Unentschieden erreicht und gegen Paraguay 2:0 verloren.

„Ätsch“ und „Arriverderci Italia“

Im Studio wirft man jetzt einen Blick auf die Internetseiten der ausländischen Presse. Die Reaktion in Spanien ist OK: ein höfliches „Arriverderci Italia“ wird  wohlwollend aufgenommen. Dann Erzfeind Frankreich, es wird eine Überschrift gezeigt: „Italien: Ein weiteres Fiasko“. Diese schüchterne Andeutung einer Kritik wird sofort mit wütender Häme beantwortet: „die haben sich doch gegenseitig zerfleischt. Wenigstens hatten wir keine internen Streitereien!“ Dann die Bild-Überschrift: „Ätsch!“, die nachvollziehbarerweise nicht verstanden wird. Die Journalistin übersetzt das falsch mit „Accidenti“, was einem „verflixt“ entsprechen würde. Vielleicht ist es besser so.

Dann kommt die Moviola. Das Abseitstor war abseits. Die Abwehr des Slowaken mit dem Knie auf der Linie war auf der Linie. Keine Diskussionen, alles klar. Nur bei der Rauferei im Tor nach dem 2:1 verlangt man einstimmig eine rote Karte gegen den Torhüter der Slowakei wegen Tätlichkeit.

Zwei Stunden nach dem Abpfiff gibt es jetzt doch die ersten Interviews mit italienischen Spielern: Enttäuschung, Sprachlosigkeit, Trauer. Am ausführlichsten äußert sich Quagliarella: er berichtet von Tränenszenen in der Kabine, wo Leute wie Cannavaro uns Gattuso verzweifelt geweint haben sollen.

Italiens Niederlage ist zu miserabel, um sie schön zu reden

Mein Eindruck ist insgesamt, dass man heute im ersten Moment auf Ausflüchte, Entschuldigungen und Schuldzuweisungen verzichtet, weil Italiens Ausscheiden bei dieser WM einfach zu miserabel ist, um es schön zu reden. Auch war man innerlich bereits drauf vorbereitet – niemand hat wirklich an diese Mannschaft geglaubt. Und jetzt ist die Sache zu eindeutig: 2 Unentschieden und eine Niederlage gegen Gegner wie Neuseeland, Paraguay und Slowakei. Wie ich die Italiener kenne, werden die Erklärungen und Rechtfertigungsgeschichten schon noch nachkommen. Aber im ersten Moment sind sie zumindest nicht übertrieben zu Tage getreten.

Italien ist bei dieser WM ausgeschieden, nachdem es 2006 mit mehr Glück als Verstand Weltmeister geworden ist. Frankreich ist ausgeschieden, nachdem es sich nur mit einem widerlichen Betrug gegen die bedauernswerten Iren in der Qualifikation durchsetzen konnte. Gott ist groß und seine Ratschlüsse sind unergründlich. Doch heute hat er in der Fußballwelt für etwas Gerechtigkeit gesorgt. Und in der RAI hat man ihm – bisher – nicht sehr heftig widersprochen.

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