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Posts Tagged ‘Lugano’

Die Schweizer haben nicht oft Grund, beim großen internationalen Fußball so richtig zu feiern, umso mehr lassen sie es im Moment krachen. In diesen Minuten spielen sich auf den Straßen in Lugano Szenen ab, die es hier wegen Fußball sicher noch nie gegeben hat.

In den letzten Minuten des Spiels herrscht in der Stadt noch gespannte Stille. Die Schweiz führt 1:0, Spanien greift an und greift an und greift an. Jede Minute rollt eine neue Welle auf das Tor von Diego Benaglio. Dann die Nachricht: es gibt 5 Minuten Nachspielzeit. 5 Minuten! Noch einmal 300 Sekunden totale Verteidigung gegen alles, was die Spanier zu bieten haben, die nicht zu Unrecht als die derzeit beste Mannschaft der Welt gelten und bekanntlich Europameister sind. Dann ist auch diese Frist abgelaufen und der Kommentator des Schweizer Fernsehens fleht den englischen Schiedsrichter an: „Mach die Vuvuzela! Blas endlich in deine Pfeife!“ Und er tut es.

Ich wohne in Lugano etwas oberhalb des Stadtzentrums und gehe zur nahe gelegenen Via Besso, in der Nähe des Bahnhofs, um mir die Feierlichkeiten anzusehen. Lugano ist – wie die ganze Schweiz – sehr international. Bei der letzten EM haben hier vor allem die anderen gefeiert: die Portugiesen, die Spanier, am Anfang auch die Italiener. Nur als auch wir loszogen, zum Autokorso nach dem Sieg im Halbfinale gegen die Türkei, da waren wir fast allein: Deutsche gibt es hier nicht so viele, zumindest keine, die verrückt genug sind, um nach einem gewonnenen Fußballspiel hupend durch die Straßen zu fahren.

Heute jedoch ist alles anders: an der Straße fällt mir sofort auf, dass auch die Fahrer der Linienbusse hupen. Überall Fahnen, eine rot-weiße Feier beginnt, lächelnde Gesichter bei den Fußgängern, winkende Menschen auf den Balkonen. Ich hatte zunächst nur hier ein wenig schauen wollen, jetzt jedoch werde ich neugierig und gehe weiter die Straße hinunter Richtung Stadtzentrum.

Die Feier schwillt weiter an, das Hupen wird lauter, die Fahnen nehmen ständig zu. Andere in den Autos schauen eher verdutzt, es ist Berufsverkehr in Lugano, viele kommen genau jetzt aus den Büros und werden vom plötzlichen Rummel überrascht.

Die Feier hat etwas Schockartiges: niemand war davon ausgegangen, dass man ausgerechnet gegen Spanien zum Auftakt gewinnen wird. Gegen Spanien! Die Anzahl der Fahnen an den Autos war nicht groß in den letzten Tagen. Alex Frei, Kapitän und Leistungsträger war verletzt, man rechnete nicht gerade heute mit der großen Party.

Unten an der Uferpromenade des Luganer Sees ist das Zentrum des Festzuges. Hier spielen sich Szenen ab, die ich in Lugano noch nicht gesehen habe: jedes Auto muss unter einer großen ausgebreiteten Schweizer Fahne durchfahren. Einige Jungs halten Autos an, setzen sich mit ihren Fahnen auf die Kühlerhauben und ziehen so weiter, unter dem Jubel der Umstehenden, wie auf einer großen Welle der Begeisterung surfend.

Andere tragen ein Bierfaß von Wagen zu Wagen und verabreichen jedem Fahrer durch das heruntergelassene Fenster einen kräftigen Festschluck, bevor es weitergeht in diesem Stop and Go, in dem sich der Berufsverkehr mit dem Autokorso vermischt, verbindet, vereint.

Ein starker Regen setzt ein und ich flüchte mich unter den Schirm eines netten jungen Mannes, Mitte dreißig, Typ Banker, der mir erzählt, dass er das Spiel nicht hat sehen können, weil er noch im Büro gewesen war. Ich erzähle ihm die wichtigsten Fakten aus dem Spiel und sage ihm, dass ich es beachtlich finde, wie man hier feiert. Er meint, in der Zentralschweiz sei bestimmt noch mehr los. Ich wende ein, dass man doch hier das südländische Blut habe. „Ja“, sagt er, „aber die dort fühlen sich noch schweizerischer.“

Der Regen wird stärker und irgendwie wird die Feier auch stärker. Dann wird der Regen richtig stark, es prasselt nieder und die Feier wird ekstatisch. Weil jetzt jeder durchnässt ist, ist alles egal und es macht noch mehr Spaß. Polizisten stehen an der Straße und schauen etwas besorgt auf diejenigen, die sich im strömenden Regen besonders halsbrecherisch aus den Fenstern der fahrenden Autos hängen.

Ich bin inzwischen völlig durchnässt und begebe mich wieder auf den Weg zurück. Ich würde gern die Seilbahn nehmen, die aus dem Zentrum hoch zum Bahnhof führt, habe aber keinen Pfennig Geld bei mir, doch kein Problem: kurze Anfrage beim Schaffner und er lässt mich rein. Wer wollte gerade heute kleinlich sein!

Oben in der Nähe unserer Wohnung treffe ich meinen Sohn, der mit seinen Freunden und Vuvuzela feiernd durchs Viertel gezogen ist. Er berichtet mir, dass man sich erzählt, die Migros, der größte Schweizer Lebensmitttelmarkt, würde zur Feier des Tages alles 10% billiger verkaufen.

Noch immer ist der Lärm an der Straße groß. Hier entlädt sich etwas, was sich lange aufgestaut hat. Bei der EM vor 2 Jahren im eigenen Land hat es nicht sollen sein – aber jetzt hat es geklappt: die kleine Schweiz schlägt das große Spanien.

Wieder zu Hause trockne ich mich ab und ziehe mich erst mal um. Meine Frau erzählt mir, dass der Busfahrer alle gratis mitgenommen hat. Die bestellte Pizza kommt mit einem zusätzlichen Gratisbier „um die Schweiz zu feiern“, wie der Mann vom Pizzadienst strahlend erklärt. Im Fernsehen werden wieder und wieder die letzten Minuten des Spiels gezeigt, mit Originalkommentar. So ist jetzt auch einmal hier Ausnahmezustand, im Land der Ordnung, der Gelassenheit, der Vernunft.

Egal, was passiert: die Schweizer haben ihre WM schon gewonnen. Denn schöner kanns eigentlich nicht werden.

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Wenn man wie ich aus dem Rheinland kommt, dann war Basel als Kind so weit weg, dass man gar nicht genau wusste, ob das noch Deutschland oder schon Schweiz war. Diese geographische Unkenntnis wurde durch Italienfahrten behoben, bei denen Basel zur Wegmarke wurde: man war schon sehr weit weg von zu Hause und doch noch lange nicht da. Huntertmal vorbeigefahren – nie angehalten, in diese Kategorie fällt die Stadt für mich.

Inzwischen betrachte ich deutsche oder deutschschweizer Städte aus einem quasi-italienischen/tessinerischen Blickwinkel. Das bedeutet, dass ich, wie die Italiener, über Fahrradtiefgaragen staune und über eine augenscheinlich fast vollständig autofreie Innenstadt, in der Straßenbahnen aus allen Richtungen kommen und es einem teilweise lange und immer wieder verwehren, die andere Seite zu erreichen.

Keine Ampeln, nirgends. Freier Gehweg für freie Schweizer. Im Vergleich dazu sind wir in unserem beschaulichen Lugano so richtig schön traditionell: eine durchweg autogerechte Stadt, vierspurige Trassen mitten durchs Stadtzentrum, keine Radwege oder höchstens mit gelben Strichen rechts an der Straße in reiner Alibifunktion angedeutet und doch lebensgefährlich. Keine Fahrradmitnahme in der städtischen Seilbahn vom Stadtzentrum hoch zum Bahnhof, trotz des erheblichen Höhenunterschieds mit steilem Anstieg.

Und noch eines fällt dem (Wahl-)Tessiner auf: es wird geraucht in den Kneipen und Cafes in Basel, zumindest zu gewissen Uhrzeiten. Hier hatte sich das Tessin ja an Italien gehängt, um so schnell wie möglich so streng wie möglich zu verbieten, zu regulieren, zu bestrafen, zu schützen und zu verhüten. Vielleicht hat dabei eine Rolle gespielt, dass die Gastroszene im Tessin ohnehin weitgehend bedauernswert schlecht ist. Aber jetzt genug mit den Vergleichen, typisches Touristenverhalten: aussteigen, schauen, mit dem Gewohnten vergleichen und dann: bewerten, Noten verteilen, beurteilen. Unser Ego braucht das, es braucht Unterscheidung und Trennung, Idealbild und Feindbild, um sich dann damit zu beschäftigen, das Ganze zu bedenken, innerlich zu bereden und zu besprechen, im ewigen Hamsterrad des inneren Dialogs, den ganzen Tag, ohne Pause und Kontrolle, permanentes Gequatsche im Kopf.

Davon will ich mich morgen freimachen, nach einer schönen ausgiebigen Morgenmeditation, um dann mit wachem und offenem Geist hier zu sein. Morgen abend kann ich deshalb voraussichtlich tiefsinnigeres berichten, als diese allerersten Eindrücke. Wenn ich den Straßenbahnen ausweichen kann.

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