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Posts Tagged ‘Buddhismus’

Der härteste Winter seit langem hüllt die Nordhalbkugel in Kälte und Schnee – aber wir glauben an eine Erwärung des Weltklimas mit katastrophalen Folgen.  Die medizinischen Fortschritte haben eine Volksgesundheit und Heilungserfolge ermöglicht, die uns alle länger und besser leben lassen – aber das ist gefährliche „Schulmedizin“. Vorzuziehen ist ein Heilverfahren, das in keinem einzigen Fall wissenschaftlich bewiesen ist und das den Erkenntnissen der Physik diametral widerspricht – und dennoch gilt Homöopathie als „sanfte“ und wirkungsvolle Medizin. In den letzten 2 Jahrzehnten sind die Menschen sich auf dem Globus näher gekommen, kommunizieren und treiben Handel wie nie zuvor, in den meisten Fällen zum Vorteil der Beteiligten – aber es handelt sich um eine neoliberale Globalisierung, die zu bekämpfen ist. In keinem Fall hat der Sozialismus auf der Welt bisher anderes hervorgebracht als Staaten, deren Bürger möglichst schnell woanders leben wollen – und dennoch ist der Kapitalismus und alles „Neoliberale“, was ihn unterstützt, böse und der Sozialismus „eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt wurde„. Israel verteidigt sich seit 60 Jahren gegen die Armeen der umliegenden Staaten, gegen Terroristen aller Art und gegen Anfeindungen aus aller Welt – aber die Palästinenser sind die wahren Opfer und die Juden bleiben ewig schuldig.

Seit langem ist zu beobachten, dass wir in eine von Mythen und Aberglauben geprägte Zeit gehen, in eine Zeit, in der Tatsachen immer weniger eine Rolle spielen und in der Glaube, Legende und Beschwörung vorherrschend werden, wie im Mittelalter. Wie kann das sein? Sind wir nicht die aufgeklärteste und am besten informierte Generation der Menschheit bisher? Sind wir nicht rationale und moderne Menschen? Wir sind es nicht.

DENKEN UND NACHDENKEN

Kann die Realität mit Hilfe von mehr und besseren Informationen besser verstanden und interpretiert werden? Die oben genannten Beispiele scheinen nicht dafür zu sprechen. Je mehr Informationen vorhanden sind, desto mehr gibt es für jede These eine Antithese, für jede Denkwelt ein Reservat, für jeden Spleen eine Spielwiese. Mehr und bessere Informationen können helfen, die Realität zu verstehen, sie können auch hinderlich sein.

Wir erfassen die Realität mit unseren 5 Sinnen. Entscheidend ist, dass wir durch die Sinne keinen direkten Zugang zur Realität haben, weil das Denken sich dazwischen schaltet. Es gibt „Denken“ und „Nachdenken“. Permanent läuft in unserem Kopf ein Tonband, das wir nicht unter Kontrolle haben: ein inneres Selbstgespräch an Kommentaren, Gedankenfetzen und fiktiven Gesprächen. Es sind Fragen und Antworten, die nie existiert haben, Sätze, die wir gern gesagt hätten oder gern sagen würden, wirre Ideen, Bruchstücke, magisches Gemurmel, ständige Wiederholungen. Dieses unkontrollierte „Denken“ schafft einen Schleier, eine Nebelwand zwischen uns und der Realität. Wir glauben, die Realität zu sehen, doch wir sehen sie nur blass und sehr undeutlich. Was wir vor allem sehen, ist der Schleier, doch wir haben uns so sehr an ihn gewöhnt, dass wir nicht wissen, dass er da ist und dass wir die wirkliche Welt kaum (er)kennen.

WIR SIND BESESSENE

Bezeichnenderweise liefert das Wort „nachdenken“ eine andere Assoziation: etwas ist geschehen, meine Sinne haben etwas wahrgenommen und „nachher“ richten meine Gedanken sich auf das Erlebte. Dies ist zielgerichtetes, bewusstes Denken, Reflexion, die wunderbare Gabe, die uns Menschen einzigartig macht.

Leider haben viele Menschen das „Nachdenken“ weitgehend verlernt, weil sie im „Denken“ verfangen sind. Das ungesteuerte, wirre „Denken“ erschafft eine Vorstellung von uns selbst, ein „Ego„, das uns normalerweise vollständig beherrscht und beschäftigt. Fast alle von uns sind „Besessene“. Dieses „Ego“ scheut den Kontakt mit der wirklichen Realität wie der Teufel das Weihwasser. Es ist raffiniert, es wehrt sich gegen jeden Versuch seiner Demontage, und es wehrt sich durch fortgesetztes unkontrolliertes Denken. Deshalb können wir das Ego nicht überwinden, indem wir darüber nachdenken.

Der Buddhismus erforscht diese Geistesmechanismen seit 2600 Jahren. Ein Satz, der Buddha zugeschrieben wird, lautet: „It’s your mind that creates this world“. Er ist durchaus wörtlich zu verstehen. Die Welt, die wir wahrnehmen, ist nicht die Welt. Es ist nur die Welt, die wir wahrnehmen. Wer in seinem gedanklichen Ego und in dem Gedankenschleier, den es produziert, verinnerlicht hat, dass eine gefährliche Klimaerwärmung stattfindet, der wird dieselbe sehen und hören und fühlen und riechen und schmecken, ganz gleich, wieviel Schnee er wegschippen muss. Er sieht die Realität nicht. Er sieht den Schleier.

WIE LANGE BLEIBT DAS INTERNET FREI?

Die Ego-Identifizierung und kollektive geistige Verwirrung hat sich in den letzten Jahren genauso vervielfacht und beschleunigt wie der Fluss der Informationen, die Globalisierung der Kommunikation. Andererseits hat sich auch die Anzahl an Menschen vervielfacht, die den Schleier durchstoßen, die „erwacht“ sind, sich in Richtung auf das Erwachen bewegen oder zumindest der allgemeinen Legendenbildung misstrauen. Es gibt einerseits so viel Verleugnung der offensichtlichen Realität wie noch nie, die vor allem in den traditionellen Medien stattfindet, weil diese gleichsam Produkte des Ego sind, und andererseits sind die Inhalte der neuen Kommunikationskanäle, das Internet und die „vernetzte Welt“ selbst bereits teilweise Produkte eines neuen Geistes, basierend auf individueller Entfaltung fern von Massenmanipuation. Das führt zu einer Prognose: wenn es zu einem endgültigen Kampf, zu einem Armageddon zwischen altem Ego-Bewusstsein und neuem Geist kommen würde, dann würde er um das Internet geführt werden. Man würde ein traumatisches Ereignis benutzen oder herbeiführen, einen atomaren 11. September etwa, um das Internet zu begrenzen, zu regulieren, zu beherrschen und im Sinne der Manipulation zu nutzen, wie es so schön mit den alten Medien möglich war. Wenn der alte Mainstream tatsächlich durch die derzeitige Gegenöffentlichkeit abgelöst wird, dann werden diejenigen, die gegenwärtig von der Manipulation profitieren, nicht kampflos aufgeben. Und dieser Kampf wird, falls er stattfindet, um ein freies Internet geführt werden. Möge er uns erspart bleiben.

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In der Schweiz gibt es kein Silvesterfeuerwerk. Man trifft sich mit Freunden oder der Familie und feiert gemütlich und leise. Um Mitternacht läuten die Glocken. Als Kind und junger Mensch war mir Silvester immer sehr wichtig – der Beginn einer neuen Zeit, eine neue Chance. Heute hat sich das gelegt, das Leben lehrt, das es nur eine Wiederholung des ewig Gleichen gibt. Im Buddhismus nennen wir das Samsara: das Rad des Leidens, die ewige Wiederkehr im Leiden.

Ich erinnere mich, wie ich vor ein paar Jahren erfolglos durch die Geschäfte zog, hier in Lugano, in den Tagen vor Silvester, um „Knaller“ und Raketen zu suchen, denn ich mag Feuerwerk und ich habe zwei Jungs, die das auch mögen. Aber ich mag auch die Stille, je älter ich werde, desto mehr mag ich sie. Je länger ich meditiere, desto mehr erkenne ich, dass die Stille alle Wahrheit, alle Klarheit, alle Einheit enthält. Erst unser Denken, unser Sprechen unser Handeln im Samsara durchbricht die Stille, teilt sie ein, schafft den Lärm, schafft das Leiden – aber aller Lärm, alles Leiden kehrt wieder zurück in die Stille. Die Stille ist eine große Chance, die einzige Chance.

Ich habe damals keine „Knaller“ gefunden und man belehrte mich freundlich, dass der Feuerwerkstermin hier der 1. August ist, der schweizer Nationalfeiertag. Früher wurden zum 1. August große Feuer auf den Bergen entzündet, auch heute macht man das noch, aber es sind die Feuerwerke hinzugekommen, die privaten und diejenigen, die die Städte veranstalten, wenn sie hier zum Beispiel in Lugano ein beachtliches Spektakel über dem See abfeuern.

Wir gingen damals dennoch zum See um Mitternacht, an Silvester,  und tatsächlich gab es doch ein paar Raketen: Italiener, die Feuerwerkskörper und Raketen aus Italien herübergebracht hatten und das Verbot, sie zu entzünden nicht kannten oder ignorierten. Natürlich regt sich niemand hier darüber auf. Man ist gelassen hier und tolerant gegenüber Fremden und auch gegenüber anderen Religionen. Ich bin Fremder hier und gehöre einer anderen Religion an. Ungefähr ein Viertel der Einwohner des Tessins sind Ausländer, die meisten Italiener. Im Kanton Genf liegt der Ausländeranteil bei fast 40%, in der ganzen Schweiz sind es etwa 20%, gegenüber 8,8% in Deutschland oder 6,2% in der EU.

Als die Schweizer sich vor einigen Wochen gegen Minarette entschieden haben, haben sie sich nicht gegen Moslems, nicht gegen Moscheen, nicht gegen Fremde entschieden. Sie haben sich gegen Gebietsmarkierungen einer Religion entschieden, die leider teilweise auch aggressive Züge trägt, was man vom Judentum oder von Buddhisten nicht sagen kann, weshalb einzelne Bauelemente an Synagogen oder Meditationszentren kein Aufsehen erregen. Sie haben sich gegen Parallelgesellschaften entschieden. Sie haben gesagt: du bist hier willkommen, als Fremder, als Moslem, als was auch immer. Aber nimm Teil am Leben aller, werde ein Teil unserer Gemeinschaft, bilde kein Ghetto. Es war eine Entscheidung für Integration, nicht dagegen. Wer hier lebt, versteht langsam immer besser die pragmatische Einstellung der Menschen hier.

Man philosophiert weniger, zum Beispiel über „Leitkultur“, wie in Deutschland oder Österreich, sondern man versucht, pragmatische Lösungen zu finden. Und diese Lösungen findet das Volk bei den wichtigen Fragen selbst. Welche Lösungen würde man in Deutschland finden, wenn das Volk entscheiden dürfte? Eine Entscheidung treffen und dazu stehen, auch wenn sie nach außen nicht gut ankommt – ist das nicht etwas sehr Erwachsenes? Aber was bedeutet es, wenn man eine Entscheidung des Nachbarn sieht und dann beklagt, dass dort das Volk selbst entscheiden kann, etwa in dieser Form: „Außerdem ist das Ergebnis eine Art Kollateralschaden der direkten Demokratie. So kann es kommen, wenn das Volk nicht nur über Turnhallen oder Transrapidbahnen abstimmt, sondern über alles.“ (Thomas Kirchner in der Süddeutschen Zeitung vom 30.11.2009)? Es bedeutet, dass das große europäische Volk, das zwei Weltkriege verursacht hat und dem man die Demokratie 1945 mit Gewalt bringen musste, heute zu wissen glaubt, warum die Schweiz, die seit 1291 einen Weg der Selbstbestimmung und Demokratie geht, einen Fehler gemacht hat.

Ich werde heute Abend in aller Stille zum neuen Jahr anstoßen mit ein paar Tessiner Freunden, ohne Feuerwerk. Ich lebe gern hier. Ich wünsche der Schweiz, dass sie 2010 und in Zukunft bleibt, wie sie ist: demokratisch, tolerant, gelassen, pragmatisch und flexibel. Ein modernes Land mit großer Tradition. Ich glaube, man kann von der Schweiz viel lernen. Ich bin dabei. Und ich danke meiner Wahlheimat hiermit einmal, bei dieser Gelegenheit.

Allen Lesern des Nord-Südlichen Divan wünsche ich ein schönes Jahr 2010!

Werner

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