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Posts Tagged ‘Ben Gurion’

Tja, die Independence Hall am Rothschild Boulevard… zwei Mal war ich zuvor in Tel Aviv – beide Male habe ich davor gestanden und bin nicht reingekommen, weil sie entweder gerade geschlossen war (nur bis 14.00 Uhr geöffnet!) oder ich doch anderes beabsichtigte, angesichts der knappen Zeit und der vielen Möglichkeiten, wie zum Beispiel ein Tag an einem der fantastischen Strände von Tel Aviv im ewigen israelischen Sonnenschein. Was soll hier auch zu sehen sein? – mag man denken. Hier hat Ben Gurion die Gründung des Staates Israel verkündet – das ist lange her, das klingt nach verstaubten Vitrinen und vergilbten Wänden. Man weiß davon, reicht das nicht? Ist der Ort selbst noch interessant oder relevant für das Leben der Stadt?

Nun, diesmal bin ich reingegangen und ich sage: sehr interessant und durchaus relevant.

Zunächst war das Interesse ohnehin größer diesmal, denn ich habe mich in diesen Tagen intensiv mit der Geschichte der Stadt beschäftigt und die Independence Hall ist ein wichtiger Teil davon. Tel Aviv ist keineswegs die „Stadt ohne Geschichte„, weiß ich nun, nach einigen hier verbrachten Tagen, und wenn sie es einmal war, dann ist sie es heute nicht mehr. Stadtgeschichte begegnet dem Besucher auf Schritt und Tritt. Das hundertjährige Jubiläum 2009, die Aufnahme ins Weltkulturerbe der UNESCO und der anhaltende Besucherstrom haben das Gedächtnis der Stadt wieder erweckt oder gestärkt? Oder war das Bewusstsein für die eigene Geschichte immer präsent? Ich weiß es nicht.

Wie oft habe ich in diesen Tagen das Foto gesehen, auf dem die Mitglieder der Siedlergemeinschaft „Achusat Bait“ in den Dünen stehen, als die gemeinschaftlich angekauften Grundstücke in einzelnen Parzellen an die 60 ersten Familien verlost werden? In Büchern, an Wänden, im Haus der Stadtgeschichte „Beit Ha-Ir“, im Shalom-Tower, in Restaurants und bei der „Bauhaus-Stadtführung“ – einfach überall ist es zu sehen. Auch im Eingangsbereich der Independence Hall taucht es wieder auf, über Eck gehängt, so dass der einzeln stehende Mann im Hintergrund in der Mitte noch einmal besonders hervorgehoben wirkt, der der Legende nach „Meschugaim! (Ihr seid verrückt!)“ gerufen haben soll, weil der Bau einer Stadt in den Dünen seiner Meinung nach (und nicht nur seiner) eine Tat des Wahnwitzes war.

Diese Verlosung, die legendäre Gründung von Tel Aviv, sie fand hier statt, genau auf dem Fleck, auf dem heute die Independence Hall steht. Bürgermeister Meir-Ditzengoff erhielt zufällig diese Parzelle für sein Privathaus, es war genau die, auf der er selbst bei der Verlosung stand. Hier baute er sein Haus, das das erste politische Zentrum der neuen Stadt wurde. In den letzten Jahren seines Lebens aber ließ er es abreißen, um ein Museum errichten zu lassen. Als er 1936 starb, bat er seine Mitbürger testamentarisch, „sein jüngstes Kind“ zu ehren und zu pflegen – das Museum. Und 12 Jahre später, acht Stunden bevor das britische UN-Mandat in Palästina endete, wurde es zur Stätte der historischen Staatsgründung. So viel zur Stadt „ohne Geschichte“.

Von außen betrachtet scheint es schwierig, Ditzengoffs Bitte mit Leidenschaft nachzukommen: ich muss länger nachdenken, bis ich mich erinnere, wann ich jemals ein hässlicheres Gebäude gesehen habe. Vielleicht hält auch das – außer der Aussicht auf vergilbte Wände und verstaubte Vitrinen – manche Besucher der Stadt vom Besuch des Hauses ab.

Als ich die historisch-weltpolitische Halle des historisch-symbolischen Hauses an historisch-legendärer Stelle betrete, überrascht mich ein unerwarteter Anblick und ein unerwarteter Klang: Gesang. Die israelische Nationalhymne erklingt, gesungen von einer japanischen Reisegruppe, die auf die Stühle vor dem Podium platziert wurde, von dem Ben Gurion die Unabhängigkeitserklärung verlas. Als ich näher trete und die Szene beobachte, stelle ich fest: es ist nicht irgendeine japanische Reisegruppe – es sind japanische Juden. Gibt es in Japan Juden? – frage ich mich und beschließe, das so bald wie möglich zu recherchieren. Aber dass es japanische Juden geben muss, wird mir schon jetzt klar, denn ich habe sie ja vor mir. Mit einer Weste mit Davidstern und einem Israelfähnchen pro Person ausgestattet lauschen sie ergriffen, bewegt, zu Tränen gerührt den Worten des Führers, der die Begebenheiten an jenem Maitag vor 62 Jahren auf Hebräisch erläutert, was dann vom Dolmetscher, der auch Reisegruppenleiter ist, auf Japanisch übersetzt wird. Auch ich lausche beglückt, weil der israelische Sprecher alles so schön langsam und artikuliert für den Dolmetscher ausspricht und dann die Pause für die Übersetzung macht, weshalb auch ich fast jedes Wort verstehe.

Japanische Juden in der Independence Hall – diese Überraschung und die fühlbare Wichtigkeit des Besuches und des Ortes für diese Menschen, ihre Rührung und tiefe Bewegung erwecken den Ort zum Leben und geben ihm für den Moment meines Besuches eine aktuelle Bedeutung, die er sonst so nicht haben könnte. Während ich mit den Japanern lausche, beginne ich den Raum sozusagen mit ihren Augen zu sehen. Es ist nicht nur die noch weitere Reise, die sie zurück zu legen haben, es ist ihr Glaube, als winzige Minderheit in Japan, ihr Heimkommen nach Israel und an den Ort der Staatsgründung, die keinem Juden in der Welt gleichgültig sein kann, egal wie er zu dem Land steht, es ist ihre Dankbarkeit, hier sein zu dürfen, ein Vaterland zu haben – das alles ist spürbar und sichtbar in ihren Gesichtern und ihren staunenden Augen.

Der israelische Führer weist auf die Bilder hin, die hier 1948 im Original hingen und heute durch Kopien ersetzt sind. Sie erzählen von den Leiden der Diaspora. Der „Jew with Tora“ von Marc Chagall zum Beispiel ist zu sehen, der im Schwarz-Weiß seiner Welt seine rote Tora in den Armen hält – sein einziger Besitz, seine Sicherheit, er hält sie wie sein Kind und sie ist sein Kind, denn sie ist nicht nur seine Vergangenheit sondern auch seine Zukunft. Besonders berührt mich „After the Progrom“ von Maurycy Minkowski. Es ist Ratlosigkeit vor allem und Müdigkeit, was in den Gesichtern dieser Familie zu sehen ist, Ratlosigkeit nach dem überstandenen Progrom, die Frage nach dem „Warum“, nach dem „Wie lange noch“, nach dem „Wohin“. Und die Antwort auf dieses „Wohin“ musste nach 2000 Jahren Verfolgung lauten: nach Israel.

Tel Aviv, die erste jüdische Stadt der (modernen) Welt, Israel als der Staat der Juden – das waren keine Entscheidungen, die auch anders hätten ausfallen können. Sie sind schlicht die Verkörperung, die notwendige Manifestierung eines jahrhundertealten Wunsches, eines Bedürfnisses, eines Dranges, der getrieben von Sehnsucht, von Angst, von Tatkraft diese Stadt und dieses Land schaffen musste. Auf diesem Fleck, an diesem Ort wurde der Traum Realität und dies ist noch deutlich spürbar – mit oder ohne japanische Juden und trotz vergilbter Wände und verstaubter Vitrinen – hier in der Independence Hall, dem hässlichsten Haus der Stadt.

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Man muss seinen Blick an die Wüste erst gewöhnen, logischerweise, so wie man alles Neue erst erlernen muss. Wir waren wir heute beim Krater von Mizpe Ramon und es ist nicht leicht, die Wüste zu beschreiben, wenn man sie erst gestern an einem anderen Ort völlig anders erlebt hat. Der Blick, wie gesagt, ist nicht geschärft: die Farben des Gesteins wechseln, aber was ist das für Gestein? Der Wind war stetig und stark aus einer Richtung, er war warm und daher ganz anders als gestern, als er erfrischend war. Aber was für ein Wind ist das?

Bei Mizpe Ramon gibt es einen Krater, er ist 30 Kilomenter lang, 10 Kilomenter breit und 300 Meter tief. „Like the Grand Canyon“ stellten die Amerikaner an der Aussichtsplattform fest und mir scheint, sie haben Recht, obwohl ich den Grand Canyon nie gesehen habe. Es fehlt mir die Sprache für dieses Naturschauspiel hier, denn es fehlt mir Wissen und vielleicht fehlt mir Zeit und Ruhe. Ich habe zwar zwei volle Tage mitgebracht aber diese Wüste ist größer als zwei volle Tage. Die Wüste liegt nur da, wenn man sich nicht die Zeit nimmt, seine innere Dimension an ihr auszurichten, wenn man keine innere Weite schafft, die dieser äußeren Weite entspricht.

Was also tun? Erst einmal Mittagessen und zwar im reizlosen Ort Mizpe Ramon, im Städtchen hinter der Aussichtsterasse. Straßenverkauf von Fallafel und Salat, Plastikstühle vor den einfachen Restaurants, aus denen es frittiert riecht. Aber alle sind freundlich, antworten mir auf Englisch auf meine hebräischen Bestellungen, es schmeckt scharf und gut. Auch den Soldatinnen und Soldaten schmeckt es, die zahlreich kommen, in hellen und in oliven Uniformen. Wir fragen und lernen, dass die Hellen der „Air Force“ angehören und die Olivgrünen der Infanterie. Überall in Israel sieht man junge Soldatinnen und Soldaten. Oft bewaffnet. Die Soldatinnen aber sind nicht, wie woanders, überwiegend burschikose Frauen ohne Makeup, viele von ihnen sind bildhübsch und haben zarte Gesichtszüge. Aber die Wehrpflicht gilt für alle: 3 Jahre für Männer und 2 Jahre für Frauen.

Man gewöhnt sich an das Bild, es wird normal. Man gewöhnt sich auch daran, dass hinter Schulklassen auf Ausflügen immer ein bewaffneter Lehrer oder eine bewaffnete Lehrerin hergeht, mit dem Gewehr über der Schulter. Es gibt dabei kein Cowboy-Gehabe, es ist kein Eindruck einer angriffslustig militarisierten Gesellschaft, kein Eindruck, dass dies irgend jemand so will. Es ist pure Notwendigkeit. Vor wenigen Tagen wurde bei Nablus ein Jude in seinem Wagen im Stau erstochen, von einem palästinensischen Polizisten! Das sind die besetzten Gebiete der Westbank, wird man einwenden, aber während der zweiten Intifada wurden so überall im Land Menschen getötet, vorzugsweise unbewaffnete und wehrlose Menschen, in Bussen, Restaurants, auf offener Straße. Erst mit der Abriegelung der Westbank konnte Israel diesen Wahnsinn stoppen. Eine Abriegelung, die heute aus Deutschland gern mit der Berliner Mauer verglichen wird, was ignorant und unangemessen ist. Aber wir Deutschen erteilen den anderen gern Lehren, wir fühlen uns dazu berufen, vielleicht weil unsere eigene Geschichte ein so beeindruckender Siegeszug des Friedens und der Demokratie ist?

Nach dem Mittagessen verabschieden wir uns aus Mizpe Ramon und fahren zurück nach Norden, zum Kibbutz Sde Boker, um die Hütte von David Ben Gurion zu sehen, dem Mann, der 1948 die Gründungserklärung des Staates Israel in Tel Aviv verlesen hat. Es war sein testamentarischer Wille, dass seine Hütte, die Möbel, die Gegenstände unverändert bleiben, nach seinem Tod. Ein eigenartig egomanischer Gedanke für einen Mann, der als so bescheiden gilt, der sich 1953 freiwillig aus der Politik zurückzog, um sich der wirklich wichtigen Aufgabe zu widmen: der Kultivierung der Wüste im Negev, in dem er Israels Zukunft sah. Das Museum bei seiner Kibbutz-Hütte ist sehenswert, es beschreibt die Stationen eines außergewöhnlichen jüdischen Lebens des zwanzigsten Jahrhunderts, eines großen Visionärs, der an das Unmögliche gleich zwei Mal glaubte: im Falle der Gründung Israels und im Falle der Nutzbarmachung der Wüste des Negev, die allerdings noch im Gange ist.

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Endlich angekommen in Herzliya bei Tel Aviv: nach 14 Stunden Reise. Wir wären gern gestern um 12 Uhr von Mailand Malpensa abgeflogen, wie vorgesehen, aber das war nicht möglich. Kaum hatten wir die umfangreiche Sicherheitsprozedur von El Al durchlaufen, dann noch das Gepäck eingecheckt und die allgemeine Sicherheitskontrolle passiert, waren an unserem Gate angekommen und bereit, ins Flugzeug einzusteigen, als der Flughafen für mehrere Stunden geschlossen wurde: Nebel.

Mailand Malpensa liegt in einem absoluten Nebelloch. Die Poebene ist allgemein sehr nebelanfällig, doch diesen Flughafen hat man sicherheitshalber direkt neben den Fluss Tessin gesetzt, damit das mit dem Nebel garantiert immer klappt. Das ist nun der zentrale norditalienische Flughafen, der ständig wegen Nebels blockiert ist. Aber das ist Italien und ein anderes Thema, ab heute geht es um Israel, wie jeden Tag in den nächsten 2 Wochen.

Die Sicherheitsprozedur von El Al ist wie gesagt umfangreich. Man muss 3 Stunden vor Abflug am Flughafen sein. Dann wird mit jedem Passagier ein persönliches Gespräch geführt und anschließend das Gepäck genauestens mit Sprengstoffscannern kontrolliert, das heißt: das eingecheckte Gepäck, denn das Handgepäck liegt in der Zuständigkeit des Startflughafens. Und in Mailand Malpensa kann man beobachten, wie gelangweilte Sicherheitsleute Hunderte von Bildschirmbildern nahezu im Sekundentakt vor sich ablaufen lassen, um hin und wieder mal nachzuschauen, aber nicht zu häufig, denn dafür müsste man sich vom Stuhl erheben.

Abends in Israel treffen wir mit unseren Tessiner Freunden zusammen, nennen wir sie hier mal Marcello und Angela, und plaudern über die Reise. Sie sind schon 2 Tage vorher angereist und Marcello war ziemlich geschockt, als er im Hotel den länglichen Gegenstand aus seinem Rucksack holte, den er im Handgepäck hatte: sein großes Schweizer Klappmesser. Er hatte völlig vergessen, das es darin gewesen war. Werden die Sicherheitskontrollen an den Flughäfen eigentlich getestet? In Mailand Malpensa wohl eher nicht. Aber das ist Italien und ein anderes Thema.

El Al ist die sicherste Fluglinie der Welt, Tel Aviv Ben Gurion ist der sicherste Flughafen und das ohne jeden „Nacktscanner“. Man setzt den Verstand ein, statt technologischen Schwachsinn und unangebrachte politische Korrektheit, wonach jeder gleich zu kontrollieren ist, egal wer er ist und wie alt er ist. So hat man es seit 60 Jahren bisher erfolgreich geschafft, jeden Attentatsversuch abzuwehren.

Was den Nebel in Mailand Malpensa betrifft, so hatten die Passgiere der Israir-Maschine, die eine Stunde vor uns hätte starten sollen, das ganz große Los gezogen: sie durften noch eine Stunde länger warten, um dann zu erfahren, dass sie mit dem Bus nach Genua gebracht werden, um dann von dort abzufliegen. Warum El Al von Mailand abfliegen konnte, weiß ich nicht aber ich werde künftig weiter mit ihnen fliegen. Sicher ist sicher. Und vielleicht lieber von Zürich als von Mailand Malpensa. Aus mehr als einem Grund.

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