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Posts Tagged ‘Azrieli Center’

Wer Tel Aviv von oben sehen möchte, der sollte nicht zum Shalom-Tower fahren. Entgegen den Angaben in den gängigen deutschsprachigen Reiseführern ist die Aussichtsplattform des ältesten Wolkenkratzers der Stadt nun endgültig geschlossen. Aber es gibt das wesentlich höhere Azrieli Center mit seinen drei Türmen, von denen einer quadratisch, einer dreieckig und einer rund ist. Der runde Turm hat im 49. Stock eine Aussichtsetage mit Restaurant.

Als ich die Aussichtsetage erreiche, muss ich feststellen, dass gerade renoviert wird. Es riecht nach Farbe, die Fenster sind staubig – trotz erkennbarer Bemühungen, das zu verhindern – und hier und da mit Farben bekleckst. Die Reiseführer versprechen, dass man Kopfhörer-Guides bekommt, die in verschiedenen Sprachen erläutern, was es zu sehen gibt. Auch von einem Film über die Stadtentwicklung war die Rede. Nichts davon ist während der Renovierungsarbeiten vorhanden. Und doch sehe ich sofort, dass es sich gelohnt hat – denn der Blick durch die Scheiben hinab auf die – tatsächlich! – weiße Stadt ist atemberaubend.

Tel Aviv hat Power. Die Stadt ist nicht immer schön, sie ist nur an wenigen Stellen romantisch, aber sie ist lebendig! Und sie strahlt eine Kraft und Energie aus, wie ich sie so noch nie an einer Stadt wahr genommen habe. Die Schubkraft, Schnelligkeit, Intensität des Lebens ist auch auf den Straßen leicht spürbar, hier oben aber wird sie manifest in den Bildern der Straßen, der umliegenden Hochhäuser, der weiten Bereiche weißer Gebäude und ganzer Stadtviertel und Vorstädte in weiß, die sich aneinander reihen, als wolle Tel Aviv nicht enden, als wolle die Welt Tel Aviv werden.

Es ist nicht so sehr der Blick Richtung Meer, der mich fasziniert. Es ist die Sicht in den Körper der Stadt hinein, auf seine Verkehrsarterien, auf die Organe und das Zellgewebe der Gebäude. Alle pulsiert, alles atmet Hitze, Leben und Bewegung. Die Azrieli-Towers sind nicht mehr die höchsten Türme hier, seit 2001 der Moshe Aviv Tower nebenan in Ramat Gan gebaut wurde und auch in der Nähe entstehen neue hohe, sehr hohe Bauten. Die Energie der Stadt ist nicht am Boden zu halten, sie strebt nach oben, sie strebt weiter und weiter und man meint, der Azrieli Turm würde ein weiteres mal überholt werden, noch während man hier steht und hinabschaut.

Haifa ist in der Ferne im Norden deutlich zu sehen, Ashdod im Süden im Sonnendunst, wahrscheinlich müsste Jerusalem auszumachen sein – doch mein Blick bleibt unten bei Tel Aviv, bei dieser vitalen Kraft. Tel Aviv war von Anfang an mehr als eine Stadt. Es war ein Traum, eine Idee, eine Wahnsinnstat, eine Unmöglichkeit, ein vorhersehbarer Fehler, ein Glücksfall und ein unansehnlicher Riesenerfolg. Und für die Menschen dort unten ist das alles Normalität. Pulsierende Normalität in der Hitze eines Novembernachmittags.

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