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Posts Tagged ‘Allenby’

Wenn man im „Lonely Planet“ liest, dass es nicht zu leugnen sei, dass eine Stadt hässlich ist, dann wird sie dadurch schön, dass man seine Erwartungen herunterschraubt und sich dann über jede schöne Kleinigkeit freuen kann. Ich bin gern an Orten, an denen echtes Leben stattfindet. Vor ein paar Tagen wurde mir das wieder klar. Wir besuchten auf dem Weg nach Haifa die berühmte Ausgrabungsstätte Cäsarea, mit altrömischem Amphitheater, Hafen, Pferderennbahn, Mosaiken, Ruinen etc. Wir sind unserer Freunde Marcello und Angela zuliebe dort hingefahren. Beachtliche Ausgrabungen – kein Zweifel, aber bald schon auf unserem Rundgang begann ich mich zu fragen, was ich dort eigentlich wollte? Entweder ich interessiere mich für Archäologie, beschäftige mich mit der römischen Kultur der Antike oder ich gehöre nicht dahin.

Diese Orte, an sonnigen Wochenendtagen von Menschenmassen aus Bussen und Autos überschwemmt, werden ohne momentanes archäologisches oder historisches Interesse zu dem, was man auf Italienisch einen „non luogo“ nennt, einen „Nicht-Ort“. Damit werden Parkhäuser, Flughäfen oder Shopping-Center bezeichnet, anonyme Zweckbauten, die überall stehen könnten, die keine Identität haben. Auch ein altrömisches Cäsarea kann dazu werden, oder jede andere „Sehenswürdigkeit“, also etwas, was würdig ist, gesehen zu werden. Dieses Wort impliziert, dass der Sinn des Ortes das Betrachten selbst ist. Der Ort hat vorgeblich eine derartige Wichtigkeit, dass er betrachtet werden muss, dass das Betrachten allein zum Sinn wird, auch ohne persönliche Motivation. Kein Wunder, dass viele Menschen sich an diesen Orten verloren vorkommen, sich langweilen, keinen Zugang finden. Aber keiner gibt es zu. Wer wollte schon so dumm erscheinen? Man fährt ja schließlich hin, weil man sich und anderen bescheinigen will, dass man „Kultur“ hat, Kultur braucht und deshalb Sehenswürdigkeiten ablatscht.  Besonders bei Kindern sehr beliebt. Ein Spaß für die ganze Familie.

In Beer Sheva am Rande der Negev-Wüste hat man diese Probleme nicht. Wie gesagt: keine Erwartungshaltung – kein Problem. Wir haben die Stadt nicht gezielt angefahren, sie lag auf dem Weg nach Sde Boker, von wo aus wir zwei Tage den Negev erkunden möchten.

Es handelt sich immerhin um die viertgrößte Stadt Israels nach so klangvollen Namen wie Tel Aviv, Jerusalem und Haifa. Außerdem ist sie eine Universitätsstadt von erheblicher Wichtigkeit. Näheres und Besseres über das Leben dort kann man dem interessanten Blog „Blick auf die Welt – von Beer Sheva aus“ entnehmen.

Auf unserem harmlosen Spaziergang sahen wir ein lebendiges Städtchen in der Abendsonne, nicht schön aber echt. Wir aßen zunächst etwas bei einem russischstämmigen Kellner, der kein Wort Englisch konnte, weshalb ich mein ganzes Hebräisch mobilisieren musste, um alles zu regeln, was auch funktioniert hat. An einer Ecke mit Allenby-Statue hält ein Fremdenführer seiner Reisegruppe eine flammende zionistische Kampfrede. Seine Gruppe lauscht, er redet und gestikuliert. Aus einer Kaserne kommen Soldatinnen, die sich in einer Bar erfrischen, an der Bushaltestelle sitzen, in kleinen Gruppen in Geschäfte gehen, die kurz vor der abendlichen Schließung zu sein scheinen, obwohl es erst halb fünf am Nachmittag ist. Bei einem Bäcker an der Straße kaufen wir zwei Flaschen Wasser. Ob wir Touristen seien? Als ich bejahe sagt er freundlich: welcome to Isael. Dann erklärt er weiter auf Hebräisch: Beer Sheva sei hässlich, wir sollten nach Haifa fahren. Ich widerspreche höflich doch der Herr winkt ab: es sei zu heiß hier. Aber jetzt ist es nicht heiß, gebe ich zu bedenken und er sagt: „Machar“. Morgen werde es heiß werden: 34 Grad. Ich zahle das Wasser, wir danken und verabschieden uns.

Wir verlassen Beer Sheva auf der Straße Richtung Elat, an der Südspitze Israels, wo man die Füße schon ins Wasser des Indischen Ozeans taucht. Aber wir wollen nicht so weit, wir wollen nur nach Sde Boker, etwa 30 Km südlich von Beer Sheva.  Schon kurz hinter der Stadt wird die Vegetation tatsächlich sehr spärlich. Das erste Warnschild vor Kamelen an der Straße halten wir fast noch für einen Scherz, doch dann sehen wir sie tatsächlich an mehreren Punkten an der Straße stehen. Beduinenkinder sitzen auf ungesattelten Pferden, verschleierte Frauen suchen Feuerholz an der Straße, Schafherden warten darauf, dieselbe überqueren zu können. Im Westen geht die Sonne hinter den kargen Hügeln unter. Nach einigen weiteren Kilometern ist es nicht mehr zu leugnen: Wüste. Zum ersten Mal in meinem Leben. Ich bin neugierig. Morgen mehr.

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