Feeds:
Beiträge
Kommentare

Die Erinnerung aus meinen ersten beiden Besuchen in Tel Aviv ist nicht die, dass diese Stadt sich zum Fahrradfahren anbietet: der Verkehr ist so chaotisch wie in anderen Großstädten, die Straßenführung ist bisweilen abenteuerlich, die Fahrweise unterschiedlich. Radwege gibt es am Strand und an einigen prominenten Strecken. Und sie schienen mir den Radwegen nicht unähnlich, die ich aus Italien kenne: dort sind sie gern pompös beschildert und bezeichnet, so als wolle man allen zeigen: „seht her, was für tolle Radwege wir haben“, nur damit sie zwei Ecken weiter gegen die Wand enden.

Aber ich bin schon in einigen Ländern Fahrrad gefahren und nie habe ich es bereut. Warum es also nicht auch hier probieren? Es muss ja nicht mitten durch die Stadt gehen.

In der Ben Jehuda-Straße, fußläufig nur ein paar Minuten entfernt von den Hotels der Hayarkon-Straße, wo die meisten Touristen – so wie ich – eingelagert sind, befinden sich 2 Fahrradverleihe (Cycle und O-Fun), die für 55 oder 60 Schekel (ca. 12 Euro) pro Tag Fahrräder zur Verfügung stellen.

Die Fahrrad-Anmietung folgt streng dem israelischen Grundprinzip „warum einfach wenn es auch kompliziert geht?“. Ohne Kreditkarte, so informiert mich die freundliche Verleiherin, könne sie mir kein Rad geben. Sie brauche die Kreditkartennummer oder wenigstens eine Passkopie zur Sicherheit. Also nochmals zu Fuß zurück zum Hotel und wieder hin zum Verleih mit Kreditkarte und Pass. Jetzt aber ist dort viel Betrieb, einige Kunden bringen Fahrräder zurück, andere leihen, wieder andere wollen ihr Rad reparieren lassen. Ich habe mir vorgenommen, mich vom ersten Tag an in orientalischer Geduld zu üben und warte. Eine „Minutenmeditation“ aber gelingt nicht recht, denn es wird warm und wärmer in der Sonne; ich bewege mich in den Schatten aber dort ist es genauso warm und ich warte. Dann endlich lassen sich die Formalitäten mit Unterschrift unter den Vermietungsvertrag regeln, auch einen Stadtplan gibt es noch gratis dazu und los geht´s.

Ich wende mich zunächst Richtung Meer und folge dann dem Küstenweg nach Norden Richtung Hafen. Der ehemalige Hafen von Tel Aviv wurde um die Jahrtausendwende schick gemacht, nachdem er zuvor seine eigentliche Bedeutung an Ashdod und Haifa verloren hatte und still vor sich hin verrottete, bis man sich an ihn erinnerte und ihn zu einer coolen Flaniermeile mit Clubs, Restaurants, Kleidungsgeschäften, Sportgeschäften und dergleichen umbaute. Das Konzept ist voll aufgegangen. Der Hafen ist heute praktisch immer gut besucht, am Shabbat ist er voll, die Bars und Restaurants sind wirklich gut und die Immobilienpreise inzwischen kaum zu bezahlen. Das alles steht diesem Hafen auch zu, denn seine Bedeutung für die Stadt in der relativ kurzen Zeit seiner Existenz war enorm. Der Hafen von Tel Aviv stellte nichts weniger als die Hinwendung der Juden in Israel zum Meer dar. Die Juden sind traditionell kein Seefahrervolk und auch als sie Tel Aviv 1909 in den Dünen nördlich von Jaffa gründeten und aus dem Nichts, oder besser aus dem Sand diese Metropole schufen, da geschah dies rund einen Kilometer vom Meer entfernt. Erst später schloss man durch weitere Landkäufe von arabischen Grundbesitzern die Lücke zum Meer.

Der Hafen machte die erste rein jüdische Stadt der Welt unabhängig vom arabischen Jaffa. Nun war es möglich, selbst neue Einwanderer aufzunehmen. Der Bau des Hafens geschah unter der Leitung des legendären Bürgermeisters Meir-Dizengoff, eines jener visionären Zionisten, die diese Stadt und das ganze Land mit eisernem Willen und ungeheuerlicher Dynamik errichtet haben. Von ihm ist die Anekdote überliefert, dass er bei Baubeginn zur Grundsteinlegung einen Stein ins Wasser warf und sich dann an die Umstehenden wandte mit den Worten: „Mitbürger! Ich erinnere mich noch an die Zeit, als Tel Aviv keinen Hafen hatte…“.

Weiter nördlich hinter dem Szenehafen überquere ich die Mündung des Yarkon-Flusses und erreiche das Elektrizitätswerk und den zweiten Flughafen von Tel Aviv, Sde Dov. Der Weg ist durchweg sehr schön, ich folge bei bestem Wetter – bei was auch sonst? – dem Radweg am Meer und fahre bei leichtem Gegenwind stetig Richtung Norden, wo in der Ferne bereits die Hotels des noblen Städtchens Herzliya zu sehen sind. Ich beschließe erst jetzt, wohin es eigentlich gehen soll und entscheide, bis Herzliya durchzufahren, um den Ort wiederzusehen, an dem ich schon im Februar ein paar Tage verbracht habe, als wir zu jener tanzintensiven Hochzeit eingeladen waren.

Leider endet der gemütliche Radweg schließlich an einer großen Düne, auf der oben Stacheldraht und Wachtürme auf eine Militäranlage schließen lassen. Aber noch gibt es eine Straße, die sich bald vom Meer entfernt und es scheint mir angeraten, einer Stichstraße zu einem Hotelneubau zu folgen, die wieder zum Strand zurück führt. Von dort, so die Annahme, wird es wieder einen Weg am Meer geben. Weit gefehlt, wie sich bald zeigt. Die Auskunft eines entgegen kommenden Radlers, der auf meine hebräische Frage nach der Qualität der Wegstrecke auf Englisch erläutert, dass es „OK, just a little bit rocky“ sein würde, bestätigt sich etwas über das „little bit“ hinaus: es wird sehr steinig und der steinige Weg ist nicht kurz, bis nach Herzliya, er ist eher lang, er hört nicht auf, er scheint zwischenzeitlich endlos, während die vorbeifahrenden Autos mich in Staub hüllen aber dann ist Herzliya doch erreicht und es geht auf Asphalt weiter.

Ich lege eine nostalgische Mittagspause in meiner Stammstrandbar in Herzliya ein und genieße den Blick auf den israelischen Winter: Schwimmen, Sonnenbaden, Wellenreiten. Dann geht es weiter. Die Idee ist die, den Rückweg jetzt in einem Bogen von der Küste weg durchs Land zu nehmen, um ein wenig die nördlichen Vororte kennen zu lernen und um nicht auf demselben Weg zurück zu fahren, auf dem ich gekommen bin. Ein weiterer Fehler und diesmal ein verhängnisvoller, wie sich bald heraus stellt!

Von dem Strand „Chof Ha-Sharon“ beim Sharon-Hotel in Herzliya fahre ich nach Osten, überquere die Nord-Süd-Bahnlinie und erreiche den Ort Ramat Hasharon: das Niveau nimmt etwas ab aber es bleibt hübsch – aus Villenvierteln werden Einfamilienhaussiedlungen, gepflegte Gärten, ruhige Straßen, so weit so gut. Im Ortszentrum von Ramat Hasharon nimmt der Verkehr nun aber stark zu und als ich mich nach Süden wende, um wie geplant parallel zur Küste nach Tel Aviv zurück zu fahren, stehe ich bald in einem Gewirr von Autobahnen und autobahnähnlichen mehrspurigen Straßen, Auf- und Abfahrten, grünen Schildern (Autobahn) mit Hinweisen Richtung Jerusalem und Haifa. Dazwischen Kasernen und Militäranlagen und auch mal ein großes Shopping Center, das eigentlich nur von der Autobahn aus erreicht werden soll, das ich aber mit meinem Mietrad erreicht habe und nun nicht mehr weiß, wie ich hier wieder weg kommen soll.

Die Befürchtung, dass ich nur genau den Weg wieder zurück fahren kann, den ich gekommen bin, also in großem Bogen nach Nordwesten zurück ans Meer, was den Tagesausflug nicht verlängert sondern verdoppelt, wird allmählich zur Gewissheit, als ich plötzlich einen Radfahrer sehe, der nach Süden, Richtung Tel Aviv auf die Auffahrt zufährt, vor der ich gerade kapituliert habe. Ich frage ihn per Zuruf über die Straße hinweg, ob man tatsächlich in seiner Richtung mit dem Rad nach Tel Aviv kommt. „Nach Tel Aviv nicht aber nach Ramat Gan„, erklärt er mir und das ist wunderbar, denn Ramat Gan ist so gut wie Tel Aviv. Diese Ansiedlung ist zu einer wichtigen Business- und Industrie-, aber auch Wohnvorstadt mit heute 130.000 Einwohnern geworden, mit Tel Aviv de facto zusammen gewachsen und das Zentrum des israelischen Diamantenhandels. Das ist nicht ganz unerheblich, denn das kleine Israel ist der größte Diamantenexporteur der Welt.

Ich also folge meinem Retter, der eine orangene Schutzweste mit Leuchtfarben, ähnlich einem Straßenarbeiter trägt. Ich frage mich, ob er sie noch von seiner Arbeit am Leib behalten hat oder ob er sie trägt, um die lebensgefährliche Strecke zu überstehen, die wir jetzt fahren. Denn meine Vermutung, dass es hier auf die Autobahn geht, war zwar nicht ganz richtig, weil eine dritte Straße zwischen den beiden Auffahrten im Bogen nach Ramat Gan und also nicht auf die Autobahn führt, aber auch diese Straße ist sechsspurig und keine Idylle für den Radfahrer. Schließlich hält mein Vordermann mit der Schutzweste an einer Art Kreuzung, an der wir nun irgendwie vier Fahrspuren im dichtesten Verkehr (Nachmittag, Rush Hour) überqueren sollen und das scheint auch nach minutenlangem Warten schlicht unmöglich: der Strom der Autos ist unaufhörlich, lückenlos und die Geschwindigkeit zu hoch. Schließlich, nach sicher nicht weniger als 10 Minuten, erwische ich doch eine Lücke und stürze mich nach vorn über die vier Fahrspuren hinweg auf die Linksabbiegerspur, die wir erreichen müssen. Mein Begleiter ist überrascht, ruft mir noch etwas Anerkennendes ob meiner schnellen Reaktion zu, bleibt aber selbst zurück. Ich überquere die Kreuzung und warte dann auf ihn. Aber er hängt weiter fest. 2 Minuten vergehen, 4 Minuten, 6,8,10 Minuten. Er kommt nicht weg. In der Ferne hinter einem Ozean aus Autos, Lastwagen und Bussen sehe ich ihn winken und das heisst: du musst nicht warten, vielleicht übernachte ich hier. Ich fahre.

Den Abschluss des Tages bildet dann noch der Yarkon-Park, den ich nun erreiche. Hier beginnt wieder Tel Aviv und ich folge dem Fluss zurück zum Hafen und zur Stadt. Radfahren in Israel: es scheint eine durchwachsene Angelegenheit zu sein, zumindest im Umkreis von Tel Aviv. Schön, interessant und riskant liegen nah beieinander. Nun, es ist Israel.

Advertisements

Heute mal an dieser Stelle nur eine einfache Frage: wenn einer mit seinen Thesen so viel Staub aufwirbelt wie Thilo Sarrazin, muss er dann nicht Recht haben? Wenn es einfach Unsinn wäre, dann bräuchte niemand sich darum zu kümmern. So geschieht es ja auch: täglich wird sehr viel Unsinn verbreitet, um den sich zurecht niemand kümmert.

Deshalb empfehle ich folgenden einfachen Test. Wenn Ihnen das nächste mal jemand in der Diskussion vehement widerspricht, wie ist dann ihre innere, emotionale Reaktion? Nach meiner Erfahrung gibt es zwei Möglichkeiten: wenn ich sachlich von den Argumenten des anderen keineswegs überzeugt bin, dann gelingt es in aller Regel, innerlich ruhig zu bleiben und die Diskussion sachlich fortzuführen. Wenn ich mich aber über die heftige Kritik noch heftiger aufrege, wenn sie Wut erzeugt, dann sehr oft deshalb, weil ich weiß, dass mein Gegenüber Recht hat oder zumindest haben könnte. DAS ist es, was mich aufregt, nicht die Meinung des Anderen. Wäre es nur seine Meinung, würde ich gelassen bleiben und einfach meine besseren Argumente dagegen anführen.

Demnach ist jede dieser erregten Reaktionen aus Welt, SPD, Faz, CDU, Taz, FDP, SZ, ARD, Grünen, ZDF, etc. nicht nur die beste Werbung für Sarrazins Thesen und sein Buch, sie sind auch eine indirekte Zustimmung, ein Eingeständnis, dass er – zumindest im Grundgedanken – Recht hat oder haben könnte. Ansonsten würde man achselzuckend über ihn hinweg sehen.

Insofern könnte man fast sagen: weiter so mit Kritik und Beschimpfung, mit dem Gebrüll: „menschenverachtend“, „rassistisch!“ – wenn da nicht die Nazifalle wäre, wenn nicht die Suggestivfragen in den Interviews wären, mit denen man ihm den EINEN Kommentar entlocken will, den EINEN Halbsatz, mit dem man ihn dann doch – trotz aller Sympathie und Zustimmung in der Bevölkerung – schlachten kann.

Wir sollten es uns nun eingestehen, wir sollten die Konsequenzen ziehen: die Meinungsfreiheit ist ein Hindernis für die Informationshygiene. Solang es Meinungsfreiheit gibt, sind Fälle wie Sarrazin nie auszuschließen. Wir brauchen keine Meinungsfreiheit, wenn sie dazu führt, dass jeder öffentlich aussprechen darf, was viele denken. Denn das ist ja das Problem: viele Menschen denken wie Herr Sarrazin! Sein neues Buch ist auf Platz 1 der Amazon-Vorbestellungen. Jeder kann sich ausmalen, wohin das führen kann! Wenn wir dieser Entwicklung jetzt nicht Einhalt gebieten, dann ist nicht auszuschließen, dass diese Leute, die wie Herr Sarrazin denken, zuletzt womöglich Einfluss auf Wahlergebnisse nehmen. Die Veränderung in den Parlamenten wäre zunächst nicht so tragisch aber sie würde zu veränderten Rundfunkräten führen und somit letztlich zu einer veränderten Information in den Einbahnstraßenmedien, die – noch! – das Denken der meisten Menschen beherrschen.

Sarrazin muss weg – das ist das Thema!

Noch gelingt es, sicher zu stellen, dass nicht über die Fragen diskutiert wird, die Sarrazin aufwirft, sondern über ihn selbst. Noch sind nicht die Ausländer-, Sozial- und Bildungspolitik und die durch sie geschaffene Situation im Land das Thema der öffentlichen Diskussion in den Massenmedien, sondern fast nur die Frage, wie man Sarrazin loswerden kann, ob man ihn nicht doch noch aus der SPD ausschließen kann oder inwieweit eine Entlassung aus dem Vorstand der Bundesbank denkbar ist. Solange die Diskussion in diese Richtung gelenkt werden kann, ist es noch nicht zu spät. Aber wie lange noch? Wenn wir jetzt nicht handeln, sind ein deutscher Geert Wilders, eine deutsche SVP, ein deutsches Minarettverbot auf Dauer nicht auszuschließen. Ein Blog wie „Politically Incorrect“ hat 60.000 Leser am Tag, das sind ca. 1,8 Millionen Aufrufe im Monat! Die „Achse des Guten“ bringt es auf ungefähr 600.000 Aufrufe im Monat und diese Autoren schreiben außerdem Bestseller und viel gelesene Artikel im Spiegel, in der Welt und anderswo!

Die Meinungsfreiheit gefährdet die Basis unserer Gesellschaft

So geht es nicht weiter. Wir haben eine Güterabwägung zu treffen. Meinungsfreiheit ist eine schöne Sache aber wenn sie beginnt, die Themen beim Namen zu nennen, dem Konsens in Medien und Politik zu widersprechen und somit die Basis unserer Gesellschaft in Frage zu stellen, dann reicht es. Denn es geht um nichts weniger und nichts mehr als die Basis, die tatsächliche Grundlage unserer Gesellschaft. Die Grundlage der deutschen Gesellschaft war nie die Demokratie und mit ihr die Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt. Demokratie hat man vor sechzig Jahren den Deutschen in blutigsten aller Kriege aufzwingen müssen. Demokratie hat für die Deutschen noch nie mehr bedeutet, als alle vier Jahre Wahlen zu organisieren. Die wirkliche Grundlage der deutschen Gesellschaft ist heute der sozialdemokratisch-multikulturelle Konsens, der mühsam geschaffen werden musste. Und jetzt, wo es erreicht ist, dass praktisch jeder Lehrer auf Linie ist, dass „Logo“ auf Kika den Kindern erklärt, wie böse BP schon immer war, weil der Golf von Mexico auf immer verseucht sein wird, jetzt, wo endlich Genderbeauftragte in Stadtverwaltungen sitzen und Nachhaltigkeit in aller Munde ist, jetzt müssen wir es einsehen und handeln: weg mit der Meinungsfreiheit und her mit einer optisch nicht zu hässlichen aber wirkungsvollen Gedankenpolizei!

Keine Meinungsvielfalt sondern die richtige Meinungsproduktion

Denn wir sind die Genderbeauftragten, die Journalisten, die Politiker, die staatlich alimentierten Kulturschaffenden. Wir kennen unsere Klientel: das Linksbürgertum, viele der ebenfalls staatlich alimentierten Beamten und öffentlichen Angestellten, die Fraktion „Arbeitsscheu und Trinkfest“ und einige der Migranten selbst. Und wir sind fett im Geschäft. Das lassen wir uns von dem kläglichen Rest nicht kaputt machen, der dumm genug ist, produktiv zu sein und Steuern zu zahlen. Manager sind Verbrecher, Banker sind Monster und im Prinzip wäre der Sozialismus das bessere System: das ist Konsens, das ist der Strom, auf dem wir treiben und es geht uns sehr gut dabei, denn die Steuergelder fließen. Wir brauchen keine Meinungsfreiheit, wir brauchen Meinungsproduktion und zwar die richtige: Herstellung der richtigen Meinungen durch eine dazu berufene Kaste. Wir wollen nicht, dass sich diejenigen zu laut zu Wort melden, die das alles bezahlen. Denn das sind diejenigen, die Herr Sarrazin vertritt und die seine Bücher lesen. Wehret den Anfängen! Schafft eine, zwei, hundert Eva Herrmanns!

Seit Anfang der neunziger Jahre beobachte ich Italien und den italienischen Fußball. Nie, so habe ich in dieser Zeit oft gesagt, habe ich erlebt, dass man in Italien eine Niederlage im Fußball einfach anerkennt. Schuld sind immer die anderen: der Schiedsrichter vor allem, das Abseitstor, das fälschlich abgepfiffen wurde, der Elfmeter, den es nicht hätte geben dürfen oder den es hätte geben müssen, und so weiter. Für dieses Nachkarten und Rummäkeln gibt es in den entsprechenden Fernsehsendungen die Institution der „Moviola“. Dieses Wort bedeutet „Zeitlupe“ und ist an sich nichts Besonderes. Doch diese Zeitlupen werden nicht nur während des Spiels gezeigt, sondern sie werden nach dem Spiel zu einer Art eigener Sendung, die das alleinige Ziel hat, Niederlagen in Siege umzudeuten und die Schuld irgendwem zu geben aber nie der eigenen Mannschaft.

Heute ist Italien auf dramatische Weise aus der WM geflogen und daher interessierte mich: wie wird das heute sein? Welche Erklärungen wird es geben? Wer hat Schuld? Wie ist die Reaktion?

Erste Reaktion: Schockstarre

Die erste Reaktion in der RAI nach dem Schlusspfiff war die eines Schocks: Starre, Sprachlosigkeit, Suche nach Worten. Italien ist in der Vorrunde nie brillant. Italien beginnt eine WM immer erst, wenn es ernst wird und normalerweise geht das sogar gut. Diesmal haben sie allerdings sehr spät angefangen: in den letzten 10 Minuten des letzten Vorrundenspiels, in denen sie zwar noch 2 Tore machen aber die 2:3 Niederlage gegen die Slowakei nicht abwenden konnten.

Nach dem Schock ist die zweite Reaktion der RAI-Journalisten im Studio die eines wüsten Geschimpfes: „die Mannschaft war nicht fit, die falschen Spieler wurden ausgewählt, wenn das unser Spiel ist, dann verdienen wir nichts Anderes als auszuscheiden.“ Sieh an! Zumindest im ersten Moment geht es also nicht um das dritte italienische Tor, das wegen Abseits abgepfiffen wurde, oder um den Ball, der von einem Slowaken auf der Linie (hinter der Linie?) abgewehrt wurde.

Keiner der italienischen Spieler aus der Mannschaft, die auf dem Feld stand, stellt sich einem Interview. Auch von Trainer Marcello Lippi ist nichts zu sehen. Dann taucht wenigstens Alt-Torwart Buffon auf, der wegen eines Rückenproblems nach dem ersten Spiel nicht mehr spielen konnte. Aber er sagt eigentlich nichts. Ratlosigkeit im RAI-Studio. Man beginnt sich gegenseitig zu interviewen, um die Zeit zu überbrücken bis zur FIFA-Pressekonferenz, bei der der Trainer ja verpflichtet ist aufzutreten, wie der Moderator der RAI etwas verzweifelt erläutert.

Lippis Flucht in die Pseudo-Verantwortung

Dann kommt endlich Lippis Pressekonferenz. Er sagt: „Wenn eine Mannschaft so spielt, dann heißt das, dass der Trainer sie nicht richtig vorbereitet hat. Ich übernehme die ganze Verantwortung. Ich bin Schuld. Tut mir Leid. Ich wünsche meinem Nachfolger viel Erfolg.“ Es kommen noch ein paar belanglose Fragen, auf die Lippi belanglose Antworten gibt. Er wiederholt, dass er sich selbst die ganze Schuld gibt. Dann ist die Pressekonferenz beendet. Arriverderci.

Zurück im Studio. Erboste Reaktionen: „der macht es sich zu einfach! Es gab keine einzige fachliche Frage. Warum zum Beispiel hat er den Stürmer Quagliarella, der heute als einziger richtig gut gespielt hat, nur im letzten Spiel eingesetzt? Warum nicht früher?“

Tatsächlich ist diese Übernahme der Verantwortung seitens Lippi nichts anderes als eine Ausflucht. Wenn einer sagt: „ich habe alles falsch gemacht“, aber nichts erklärt, dann macht er es sich wieder sehr einfach. Wenn er die Mannschaft nicht richtig vorbereitet hat, wie er sagt, was heißt das? Wie hätte er sie denn vorbereiten sollen? Er sagt nichts Konkretes. Er führt keine Diskussion. Insgesamt wirkt sein Auftritt arrogant und kalt, auch weil vorher schon klar war, dass er nach der WM aufhört. Da lässt sich leicht Verantwortung übernehmen. Lippi wurde schon vor der WM in Italien nicht geschätzt, irgendwie hoffte man aber trotzdem, er könnte das Wunder von 2006 wiederholen und noch einmal das Unmögliche möglich machen. Das aber ist gründlich schief gegangen. Italien ist bei dieser WM nicht nur geschlagen worden, Italien ist untergegangen wie eine sehr armselige Titanic, die gar nicht richtig versucht hat, dem Eisberg auszuweichen. Und dieser Eisberg war wohl eher ein Eishügelchen, denn die Slowakei hat zwar heute sehr gut gespielt, hat aber in den Spielen vorher gegen Neuseeland auch nur ein Unentschieden erreicht und gegen Paraguay 2:0 verloren.

„Ätsch“ und „Arriverderci Italia“

Im Studio wirft man jetzt einen Blick auf die Internetseiten der ausländischen Presse. Die Reaktion in Spanien ist OK: ein höfliches „Arriverderci Italia“ wird  wohlwollend aufgenommen. Dann Erzfeind Frankreich, es wird eine Überschrift gezeigt: „Italien: Ein weiteres Fiasko“. Diese schüchterne Andeutung einer Kritik wird sofort mit wütender Häme beantwortet: „die haben sich doch gegenseitig zerfleischt. Wenigstens hatten wir keine internen Streitereien!“ Dann die Bild-Überschrift: „Ätsch!“, die nachvollziehbarerweise nicht verstanden wird. Die Journalistin übersetzt das falsch mit „Accidenti“, was einem „verflixt“ entsprechen würde. Vielleicht ist es besser so.

Dann kommt die Moviola. Das Abseitstor war abseits. Die Abwehr des Slowaken mit dem Knie auf der Linie war auf der Linie. Keine Diskussionen, alles klar. Nur bei der Rauferei im Tor nach dem 2:1 verlangt man einstimmig eine rote Karte gegen den Torhüter der Slowakei wegen Tätlichkeit.

Zwei Stunden nach dem Abpfiff gibt es jetzt doch die ersten Interviews mit italienischen Spielern: Enttäuschung, Sprachlosigkeit, Trauer. Am ausführlichsten äußert sich Quagliarella: er berichtet von Tränenszenen in der Kabine, wo Leute wie Cannavaro uns Gattuso verzweifelt geweint haben sollen.

Italiens Niederlage ist zu miserabel, um sie schön zu reden

Mein Eindruck ist insgesamt, dass man heute im ersten Moment auf Ausflüchte, Entschuldigungen und Schuldzuweisungen verzichtet, weil Italiens Ausscheiden bei dieser WM einfach zu miserabel ist, um es schön zu reden. Auch war man innerlich bereits drauf vorbereitet – niemand hat wirklich an diese Mannschaft geglaubt. Und jetzt ist die Sache zu eindeutig: 2 Unentschieden und eine Niederlage gegen Gegner wie Neuseeland, Paraguay und Slowakei. Wie ich die Italiener kenne, werden die Erklärungen und Rechtfertigungsgeschichten schon noch nachkommen. Aber im ersten Moment sind sie zumindest nicht übertrieben zu Tage getreten.

Italien ist bei dieser WM ausgeschieden, nachdem es 2006 mit mehr Glück als Verstand Weltmeister geworden ist. Frankreich ist ausgeschieden, nachdem es sich nur mit einem widerlichen Betrug gegen die bedauernswerten Iren in der Qualifikation durchsetzen konnte. Gott ist groß und seine Ratschlüsse sind unergründlich. Doch heute hat er in der Fußballwelt für etwas Gerechtigkeit gesorgt. Und in der RAI hat man ihm – bisher – nicht sehr heftig widersprochen.

Die Schweizer haben nicht oft Grund, beim großen internationalen Fußball so richtig zu feiern, umso mehr lassen sie es im Moment krachen. In diesen Minuten spielen sich auf den Straßen in Lugano Szenen ab, die es hier wegen Fußball sicher noch nie gegeben hat.

In den letzten Minuten des Spiels herrscht in der Stadt noch gespannte Stille. Die Schweiz führt 1:0, Spanien greift an und greift an und greift an. Jede Minute rollt eine neue Welle auf das Tor von Diego Benaglio. Dann die Nachricht: es gibt 5 Minuten Nachspielzeit. 5 Minuten! Noch einmal 300 Sekunden totale Verteidigung gegen alles, was die Spanier zu bieten haben, die nicht zu Unrecht als die derzeit beste Mannschaft der Welt gelten und bekanntlich Europameister sind. Dann ist auch diese Frist abgelaufen und der Kommentator des Schweizer Fernsehens fleht den englischen Schiedsrichter an: „Mach die Vuvuzela! Blas endlich in deine Pfeife!“ Und er tut es.

Ich wohne in Lugano etwas oberhalb des Stadtzentrums und gehe zur nahe gelegenen Via Besso, in der Nähe des Bahnhofs, um mir die Feierlichkeiten anzusehen. Lugano ist – wie die ganze Schweiz – sehr international. Bei der letzten EM haben hier vor allem die anderen gefeiert: die Portugiesen, die Spanier, am Anfang auch die Italiener. Nur als auch wir loszogen, zum Autokorso nach dem Sieg im Halbfinale gegen die Türkei, da waren wir fast allein: Deutsche gibt es hier nicht so viele, zumindest keine, die verrückt genug sind, um nach einem gewonnenen Fußballspiel hupend durch die Straßen zu fahren.

Heute jedoch ist alles anders: an der Straße fällt mir sofort auf, dass auch die Fahrer der Linienbusse hupen. Überall Fahnen, eine rot-weiße Feier beginnt, lächelnde Gesichter bei den Fußgängern, winkende Menschen auf den Balkonen. Ich hatte zunächst nur hier ein wenig schauen wollen, jetzt jedoch werde ich neugierig und gehe weiter die Straße hinunter Richtung Stadtzentrum.

Die Feier schwillt weiter an, das Hupen wird lauter, die Fahnen nehmen ständig zu. Andere in den Autos schauen eher verdutzt, es ist Berufsverkehr in Lugano, viele kommen genau jetzt aus den Büros und werden vom plötzlichen Rummel überrascht.

Die Feier hat etwas Schockartiges: niemand war davon ausgegangen, dass man ausgerechnet gegen Spanien zum Auftakt gewinnen wird. Gegen Spanien! Die Anzahl der Fahnen an den Autos war nicht groß in den letzten Tagen. Alex Frei, Kapitän und Leistungsträger war verletzt, man rechnete nicht gerade heute mit der großen Party.

Unten an der Uferpromenade des Luganer Sees ist das Zentrum des Festzuges. Hier spielen sich Szenen ab, die ich in Lugano noch nicht gesehen habe: jedes Auto muss unter einer großen ausgebreiteten Schweizer Fahne durchfahren. Einige Jungs halten Autos an, setzen sich mit ihren Fahnen auf die Kühlerhauben und ziehen so weiter, unter dem Jubel der Umstehenden, wie auf einer großen Welle der Begeisterung surfend.

Andere tragen ein Bierfaß von Wagen zu Wagen und verabreichen jedem Fahrer durch das heruntergelassene Fenster einen kräftigen Festschluck, bevor es weitergeht in diesem Stop and Go, in dem sich der Berufsverkehr mit dem Autokorso vermischt, verbindet, vereint.

Ein starker Regen setzt ein und ich flüchte mich unter den Schirm eines netten jungen Mannes, Mitte dreißig, Typ Banker, der mir erzählt, dass er das Spiel nicht hat sehen können, weil er noch im Büro gewesen war. Ich erzähle ihm die wichtigsten Fakten aus dem Spiel und sage ihm, dass ich es beachtlich finde, wie man hier feiert. Er meint, in der Zentralschweiz sei bestimmt noch mehr los. Ich wende ein, dass man doch hier das südländische Blut habe. „Ja“, sagt er, „aber die dort fühlen sich noch schweizerischer.“

Der Regen wird stärker und irgendwie wird die Feier auch stärker. Dann wird der Regen richtig stark, es prasselt nieder und die Feier wird ekstatisch. Weil jetzt jeder durchnässt ist, ist alles egal und es macht noch mehr Spaß. Polizisten stehen an der Straße und schauen etwas besorgt auf diejenigen, die sich im strömenden Regen besonders halsbrecherisch aus den Fenstern der fahrenden Autos hängen.

Ich bin inzwischen völlig durchnässt und begebe mich wieder auf den Weg zurück. Ich würde gern die Seilbahn nehmen, die aus dem Zentrum hoch zum Bahnhof führt, habe aber keinen Pfennig Geld bei mir, doch kein Problem: kurze Anfrage beim Schaffner und er lässt mich rein. Wer wollte gerade heute kleinlich sein!

Oben in der Nähe unserer Wohnung treffe ich meinen Sohn, der mit seinen Freunden und Vuvuzela feiernd durchs Viertel gezogen ist. Er berichtet mir, dass man sich erzählt, die Migros, der größte Schweizer Lebensmitttelmarkt, würde zur Feier des Tages alles 10% billiger verkaufen.

Noch immer ist der Lärm an der Straße groß. Hier entlädt sich etwas, was sich lange aufgestaut hat. Bei der EM vor 2 Jahren im eigenen Land hat es nicht sollen sein – aber jetzt hat es geklappt: die kleine Schweiz schlägt das große Spanien.

Wieder zu Hause trockne ich mich ab und ziehe mich erst mal um. Meine Frau erzählt mir, dass der Busfahrer alle gratis mitgenommen hat. Die bestellte Pizza kommt mit einem zusätzlichen Gratisbier „um die Schweiz zu feiern“, wie der Mann vom Pizzadienst strahlend erklärt. Im Fernsehen werden wieder und wieder die letzten Minuten des Spiels gezeigt, mit Originalkommentar. So ist jetzt auch einmal hier Ausnahmezustand, im Land der Ordnung, der Gelassenheit, der Vernunft.

Egal, was passiert: die Schweizer haben ihre WM schon gewonnen. Denn schöner kanns eigentlich nicht werden.

Das Volk der PopulistenanhängerWie schon vielfach festgestellt, gibt es Menschen, die heißen „Rechtspopulist“ mit Vornamen. Herr Wilders zum Beispiel oder Herr Blocher aus der Schweiz, auch der tschechische Präsident Vaclav Klaus oder bis vor einiger Zeit der Herr Haider aus Österreich. Diese Menschen müssen offenbar eindeutig gekennzeichnet werden. Warum werden Menschen gekennzeichnet? Warum hat man zum Beispiel Juden in Deutschland gekennzeichnet?

Die Kennzeichnung soll klar machen, dass der gekennzeichnete Mensch gefährlich ist oder: sie soll klar machen, dass der gekennzeichnete Mensch eindeutig zu bewerten ist. Im Falle der Juden im Deutschland der dreißiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts ging es nicht um Gefahr, es ging darum, dass die antisemitischen Vorurteile auf ein optisches Signal hin – Judenstern – sofort wirken sollten. Entscheidend ist hier wie immer das „sofort“. Es muss darum gehen, die Verdammungswürdigkeit klar zu machen, das Gefühl (Gefühl!) des Abscheus zu erzeugen, bevor ein Gespräch oder ein sonstwie gearteter Kontakt mit der Person dazu führen könnte, dass das mühsam von der Propaganda aufgebaute und gehegte Vorurteil in Frage gestellt wird.

Die Gefährlichkeit der Wahrheit

Vaclav Havel weist in dem Essay „Versuch, in der Wahrheit zu leben“ auf die enorme Labilität von Diktaturen hin. Er sagt sinngemäß, dass die Geheimpolizei, die Überwachung, die Kontrolle, die sofortige Bestrafung jeder Abweichung ein Zeichen dafür sind, dass die Diktatur genau weiß, wie schwach sie ist. Sie weiß, dass eine Handvoll Menschen, die sich trifft und die Wahrheit diskutiert und möglicherweiserweise eine Opposition beginnt, eine tödliche Gefahr für sie ist. Da die Diktatur allein auf Lüge basiert, ist schon der Keim der Wahrheit gefährlich für sie. Denn die Wahrheit kann sich sehr schnell ausbreiten. In der Diktatur tragen die Menschen die Wahrheit in ihren Herzen und warten nur darauf, sie aussprechen, sie ausleben zu können. Tatsächlich zeigt die Geschichte, dass einzelne Menschen, kleine Gruppen von Mutigen am Anfang großer Umwälzungen stehen.

Aber die klassische Diktatur gerät außer Mode, sie ist nicht mehr zeitgemäß. Heute muss es darum gehen, die Menschen glauben zu lassen, sie seien frei und lebten in Demokratie und Rechtsstaat, während man gleichzeitig ihre Meinung, ihr Denken kontrolliert. Zwar wird auch das immer schwieriger, denn der Einfluss der Einbahnstraßen-Massenmedien wie Fernsehen, Radio, Zeitungen schwindet zugunsten der interaktiven Medien, zugunsten des Internets. Doch das Beispiel Italien zeigt, dass eine praktisch vollständige Kontrolle des Fernsehens und der wichtigsten Printmedien noch immer ausreicht, um das Denken der Mehrheit der Menschen in die von den Mächtigen gewollte Richtung zu lenken.

Warnhinweis gegen nähere Betrachtung

Der „Rechtspopulist“ also muss gekennzeichnet werden, damit man ihn eindeutig bewertet, bevor man sich mit ihm wirklich beschäftigt. Schaut man näher hin, so müsste man zum Beispiel im Falle der schweizer SVP feststellen, dass diese Partei zwar eindeutig politisch rechts steht, dass sie aber vor allem das ist, was sie in ihrem Namen ausdrückt: eine Volkspartei, die die Anliegen der traditionellen Schweizer, der schweizer Bauern zum Beispiel vertritt. Sie ist aus der Schweizer Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei hervor gegangen. In der SVP vertritt niemand ausländerfeindliche Positionen. Die SVP belegt sachlich mit Zahlen und Statistiken, dass die Kriminalität in der Schweiz zum sehr überwiegenden Teil von Ausländern zu verantworten ist. Sie fordert: wer in die Schweiz kommt, um hier zu leben, der muss sich an die hiesigen Gesetze halten. Tut jemand dies wiederholt nicht oder wird er schwer straffällig, so muss die Möglichkeit bestehen, ihn des Landes zu verweisen. Er kann ja dann – nach Vorstellung der SVP – dorthin zurück kehren, woher er gekommen ist. Dies ist restriktive Ausländerpolitik aber es ist nicht ausländerfeindlich, denn niemand in der SVP sagt, dass Ausländer an sich ein Problem sind. Niemand in der SVP fordert „die Schweiz den Schweizern“.

Aber diese Differenzierung soll verhindert werden, diese nähere Betrachtung ist schon gefährlich. Daher die Kennzeichnung, das Etikett, der Warnhinweis. Warum aber ist die nähere Betrachtung der Positionen der „Rechtspopulisten“ gefährlich?

Das Wort „Populismus“ enthält den lateinischen Begriff Populus: Volk. Er entspricht dem altgriechischen Begriff Demos: Volk. Eine interessante Übereinstimmung. Die Demokratie, die Herrschaft des Volkes, ist zweifellos die Heimat der „Populisten“. In einer Diktatur sind sie nicht vorstellbar. In einer Diktatur ist es nicht vorstellbar, dass jemand mit klaren, oft auch einfachen, vielleicht auch zu einfachen Positionen viel „Volk“ an sich zieht. Aber wenn jemand mit seinen Gedanken, Ideen und Konzepten viel „Volk“ für sich begeistern kann, ist das nicht der Sinn und die Essenz der Demokratie? Ist das nicht eigentlich etwas Erfreuliches, im Zeitalter der Politikverdrossenheit, des allgemeinen Desinteresses, der gesunkenen Wahlbeteiligungen? Selbstverständlich haben auch die Nazis zunächst die Demokratie benutzt und sie dann abgeschafft – aber die Nazis  haben nie verhehlt, dass sie die Demokratie verachteten und ihre Abschaffung bezweckten. Die Nazis waren keine Populisten, sondern erklärte Antidemokraten. Dieser Vergleich ist also nicht weiter hilfreich.

Der neue Klassenkampf

Warum wollen also manche Journalisten Menschen als gefährlich oder verabscheuungswürdig kennzeichnen, die nichts anderes tun, als die Demokratie zu beleben? Warum wollen Journalisten Vorurteile schüren, bevor der Leser sich inhaltlich mit dem Bösen beschäftigt, vor dem man ihn warnen will, von dem man ihn fernhalten will?

In einem ihrer wunderbaren Artikel unter dem Titel „Klassenkampf von oben“ formulieren Dirk Maxeiner und Michael Miersch die Idee, dass wir im Zeitalter eines neuen Klassenkampfes leben: dem Klassenkampf zwischen dem produktiven Sektor und dem öffentlichen Dienst. (siehe „Frohe Botschaften„, S. 42). Ich würde dies ausweiten und von einem Klassenkampf zwischen dem produktiven und dem unproduktiven Teil der Bevölkerung sprechen. Zum unproduktiven Teil gehören alle, die von Steuergeldern leben, was sehr gut gerechtfertigt sein kann, wie im Falle von Rentnern, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben, und weniger gut, wie im Falle von Menschen, die lieber von staatlicher Fürsorge leben als zu arbeiten. Hinzu kommen noch viele andere, wie die zahlreichen Beamten (der weit überwiegende Teil der deutschen Abgeordneten sind Beamte) und der größte Teil des Kulturbetriebes, der in Deutschland praktisch allein von staatlicher Alimentation lebt. Diese Vereinnahmung des Kulturbetriebes war nach Maxeiner & Miersch „der genialste Schachzug im Klassenkampf von oben“. Er führt dazu, dass fast jegliche Kritik an der herrschenden – unproduktiven – Klasse unterbleibt.

Kritik an der herrschenden Klasse

Dies aber ist das Geschäft der Rechtspopulisten: sie üben Kritik an der herrschenden Klasse. Und so viele Menschen stimmen zu, dass sie den Herrschenden in der Politik und im Kulturbetrieb gefährlich werden und zum Kulturbetrieb gehören auch die meisten Medien. Die öffentlich-rechtlichen Medien gehören dem Staat. Der Staat lebt von Steuern. Diese Steuern treiben die Regierenden ein. Die Rechtspopulisten aber üben Kritik an den Regierenden und sie üben – schau an! – überall auch Kritik an zu hohen Steuern und staatlicher Alimentierung. Auch deshalb müssen sie als gefährlich oder verabscheuungswürdig gekennzeichnet werden. Fast niemand interessiert sich mehr für Politik. Es sei denn, die „Populisten“ treten auf. Sie können die Menschen noch begeistern, zu Recht oder zu Unrecht, das sei dahin gestellt. Die herrschende Klasse fürchtet die „Populisten“. Weiß sie um ihre Schwäche, weiß sie um die Gefahr, die von einer Position ausgehen kann, die der vorherrschenden Wahrheit widerspricht? Ist „eine andere Wahrheit“ für unsere postmoderne und immer leidenschaftslosere Demokratie bereits ähnlich gefährlich wie der Keim der Opposition in der Diktatur?

Als ich ein Kind war, hatten Wahlen in Deutschland eine Beteiligung von 80-90%. Heute sind es ca. 60%. Ich denke, es liegt auf der Hand, warum die Menschen das Interesse an der Demokratie verlieren. Die repräsentative Demokratie in so großen Einheiten wie der EU oder einem Staat mit 80 Millionen Einwohnern ohne direkte Mitwirkung des Volkes, ohne Volksabstimmungen, ist sehr weit von den Menschen entfernt und zu einer Parteienbürokratie verkommen. Die Parteiapparate beschäftigen sich im Wesentlichen mit Machterhalt und Postenbesetzung. Nur wer sich intern jahrelang durch Anbiederung bei den jeweils mächtigen Parteiführern einerseits und durch Bekämpfung seiner Widersacher andererseits hocharbeitet, kann in Spitzenfunktionen in den Parteien kommen. Es scheint, als ob niemand mehr Politik aus Leidenschaft macht, dass niemand mehr für Grundüberzeugungen und Werte eintritt. So jemand hätte heute nicht den nötigen „Stallgeruch“. Leute wie Wehner, Strauß, Brandt, Adenauer, Schuhmacher, Schmidt hätten heute in den Parteien keine Chance mehr. Deshalb dieses totale Mittelmaß, dieses fehlende Charisma, diese Beliebigkeit auch der inhaltlichen Positionen. In diese Lücke stoßen die „Rechtspopulisten“ und viele Menschen stimmen ihnen zu. Warum nur? Vielleicht, weil diese „Populisten“ gewissermaßen die letzten Demokraten sind?

Wer englisches Fernsehen empfangen kann, der sollte sich abends nach dem letzten Spiel auf ITV1 „James Cordon’s World Cup Live“ ansehen.

In der ersten Sendung nach dem Spiel England-USA wurde zunächst klar gestellt: da Frankreich sich die Qualifikation ergaunert hat, kommt das Land während der WM in der Sendung nicht vor. Das Wort „Frankreich“ darf nicht ausgesprochen werden. Stattdessen wurde der „World Cup Wall Chart“ vorgestellt, eine große Treppenwand mit 32 Personen aus den Teilnehmerstaaten. Allerdings waren nur 31 da, ein Platz war leer und nachdem James Cordon erläutert hatte, dass Frankreich fehlen wird, erklärte er: „Was uns betrifft, so ist Irland bei der WM dabei“ und der Vertreter Irlands nahm unter großem Jubel Platz bei den anderen. Er wird sich jetzt auch allabendlich zu den Ergebnissen „seiner Mannschaft“ äußern.

Borsi Becker ist in England ein anderer Mensch

Lanciert wurde außerdem die Initiative „Back the Beard. Don’t shave for England“, mit der die Engländer aufgefordert werden, sich nicht zu rasieren, so lange ihr Land bei der WM dabei ist. In Spots fordern Wayne Rooney und die anderen Stars dazu auf mitzumachen. Ob sie wohl demnächst bärtig auf dem Platz stehen?

Die gestrige Sendung nach dem Spiel Deutschland-Australien eröffnete Corden mit den Worten: „Das ist genau das, was wir brauchen. Die Deutschen werden plötzlich fantastisch.“ Vertreten wurde der sportliche Erzfeind und Angstgegner von Boris Becker. Hierzu muss man wissen: Boris Becker ist in England ein anderer Mensch. Er ist dort in seinem wirklichen Element. Er spricht ein nahezu perfektes, elegantes Englisch und wird mit Hochachtung behandelt, wenn er sich zum Beispiel in Wimbledon als Experte zu Wort meldet. Seine Beiträge sind höflich und kompetent, meistens eher ernst und sachlich aber auch er streut in seine kurzen, prägnanten Antworten kleine ironische Bemerkungen ein: perfectly British.

Schon jetzt Resignation über den deutschen Triumph

Die Reaktionen auf den deutschen Triumph gegen Australien gingen allgemein in Richtung Resignation: da sind sie wieder, die Deutschen. Unschlagbar, wenn es ernst wird – zumindest für England. Vor allem graut den Engländern vor einem möglichen Elfmeterschießen gegen Deutschland. Das ist bisher immer schief gegangen, das kann auch in Zukunft nur schiefgehen. Deshalb organisierte Corden ein Elfmeterschießen Deutschland gegen England. Für Deutschland schoß Becker – und traf nicht – und für England versagte der Rapper Dizee Rascal, weil auch sein Ball von der Torwartlegende Peter Shilton gehalten wurde.

Mit Rascal hat James Corden das englische WM-Lied „Shout for England“ aufgenommen, das Nr. 1 der englischen Charts ist. Er ist inzwischen selbst der Numer One Comedian Großbritanniens, nach seinem Riesenerfolg als Autor und Hauptdarsteller der Comedy Serie „Gavin & Stacey“, die in Großbritannien und vor allem in Wales, wo sie teilweise spielt, so erfolgreich wurde, dass man zeitweise ensthaft erwogen hat, den Flughafen von Cardiff in „Gavin & Stacey Airport“ umzubenennen. James Corden ist witzig und spontan, einfallsreich und immer sportsmanlike, trotz aller Ironie. Reinschauen!