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Archive for the ‘Schweiz’ Category

Die Schweizer haben nicht oft Grund, beim großen internationalen Fußball so richtig zu feiern, umso mehr lassen sie es im Moment krachen. In diesen Minuten spielen sich auf den Straßen in Lugano Szenen ab, die es hier wegen Fußball sicher noch nie gegeben hat.

In den letzten Minuten des Spiels herrscht in der Stadt noch gespannte Stille. Die Schweiz führt 1:0, Spanien greift an und greift an und greift an. Jede Minute rollt eine neue Welle auf das Tor von Diego Benaglio. Dann die Nachricht: es gibt 5 Minuten Nachspielzeit. 5 Minuten! Noch einmal 300 Sekunden totale Verteidigung gegen alles, was die Spanier zu bieten haben, die nicht zu Unrecht als die derzeit beste Mannschaft der Welt gelten und bekanntlich Europameister sind. Dann ist auch diese Frist abgelaufen und der Kommentator des Schweizer Fernsehens fleht den englischen Schiedsrichter an: „Mach die Vuvuzela! Blas endlich in deine Pfeife!“ Und er tut es.

Ich wohne in Lugano etwas oberhalb des Stadtzentrums und gehe zur nahe gelegenen Via Besso, in der Nähe des Bahnhofs, um mir die Feierlichkeiten anzusehen. Lugano ist – wie die ganze Schweiz – sehr international. Bei der letzten EM haben hier vor allem die anderen gefeiert: die Portugiesen, die Spanier, am Anfang auch die Italiener. Nur als auch wir loszogen, zum Autokorso nach dem Sieg im Halbfinale gegen die Türkei, da waren wir fast allein: Deutsche gibt es hier nicht so viele, zumindest keine, die verrückt genug sind, um nach einem gewonnenen Fußballspiel hupend durch die Straßen zu fahren.

Heute jedoch ist alles anders: an der Straße fällt mir sofort auf, dass auch die Fahrer der Linienbusse hupen. Überall Fahnen, eine rot-weiße Feier beginnt, lächelnde Gesichter bei den Fußgängern, winkende Menschen auf den Balkonen. Ich hatte zunächst nur hier ein wenig schauen wollen, jetzt jedoch werde ich neugierig und gehe weiter die Straße hinunter Richtung Stadtzentrum.

Die Feier schwillt weiter an, das Hupen wird lauter, die Fahnen nehmen ständig zu. Andere in den Autos schauen eher verdutzt, es ist Berufsverkehr in Lugano, viele kommen genau jetzt aus den Büros und werden vom plötzlichen Rummel überrascht.

Die Feier hat etwas Schockartiges: niemand war davon ausgegangen, dass man ausgerechnet gegen Spanien zum Auftakt gewinnen wird. Gegen Spanien! Die Anzahl der Fahnen an den Autos war nicht groß in den letzten Tagen. Alex Frei, Kapitän und Leistungsträger war verletzt, man rechnete nicht gerade heute mit der großen Party.

Unten an der Uferpromenade des Luganer Sees ist das Zentrum des Festzuges. Hier spielen sich Szenen ab, die ich in Lugano noch nicht gesehen habe: jedes Auto muss unter einer großen ausgebreiteten Schweizer Fahne durchfahren. Einige Jungs halten Autos an, setzen sich mit ihren Fahnen auf die Kühlerhauben und ziehen so weiter, unter dem Jubel der Umstehenden, wie auf einer großen Welle der Begeisterung surfend.

Andere tragen ein Bierfaß von Wagen zu Wagen und verabreichen jedem Fahrer durch das heruntergelassene Fenster einen kräftigen Festschluck, bevor es weitergeht in diesem Stop and Go, in dem sich der Berufsverkehr mit dem Autokorso vermischt, verbindet, vereint.

Ein starker Regen setzt ein und ich flüchte mich unter den Schirm eines netten jungen Mannes, Mitte dreißig, Typ Banker, der mir erzählt, dass er das Spiel nicht hat sehen können, weil er noch im Büro gewesen war. Ich erzähle ihm die wichtigsten Fakten aus dem Spiel und sage ihm, dass ich es beachtlich finde, wie man hier feiert. Er meint, in der Zentralschweiz sei bestimmt noch mehr los. Ich wende ein, dass man doch hier das südländische Blut habe. „Ja“, sagt er, „aber die dort fühlen sich noch schweizerischer.“

Der Regen wird stärker und irgendwie wird die Feier auch stärker. Dann wird der Regen richtig stark, es prasselt nieder und die Feier wird ekstatisch. Weil jetzt jeder durchnässt ist, ist alles egal und es macht noch mehr Spaß. Polizisten stehen an der Straße und schauen etwas besorgt auf diejenigen, die sich im strömenden Regen besonders halsbrecherisch aus den Fenstern der fahrenden Autos hängen.

Ich bin inzwischen völlig durchnässt und begebe mich wieder auf den Weg zurück. Ich würde gern die Seilbahn nehmen, die aus dem Zentrum hoch zum Bahnhof führt, habe aber keinen Pfennig Geld bei mir, doch kein Problem: kurze Anfrage beim Schaffner und er lässt mich rein. Wer wollte gerade heute kleinlich sein!

Oben in der Nähe unserer Wohnung treffe ich meinen Sohn, der mit seinen Freunden und Vuvuzela feiernd durchs Viertel gezogen ist. Er berichtet mir, dass man sich erzählt, die Migros, der größte Schweizer Lebensmitttelmarkt, würde zur Feier des Tages alles 10% billiger verkaufen.

Noch immer ist der Lärm an der Straße groß. Hier entlädt sich etwas, was sich lange aufgestaut hat. Bei der EM vor 2 Jahren im eigenen Land hat es nicht sollen sein – aber jetzt hat es geklappt: die kleine Schweiz schlägt das große Spanien.

Wieder zu Hause trockne ich mich ab und ziehe mich erst mal um. Meine Frau erzählt mir, dass der Busfahrer alle gratis mitgenommen hat. Die bestellte Pizza kommt mit einem zusätzlichen Gratisbier „um die Schweiz zu feiern“, wie der Mann vom Pizzadienst strahlend erklärt. Im Fernsehen werden wieder und wieder die letzten Minuten des Spiels gezeigt, mit Originalkommentar. So ist jetzt auch einmal hier Ausnahmezustand, im Land der Ordnung, der Gelassenheit, der Vernunft.

Egal, was passiert: die Schweizer haben ihre WM schon gewonnen. Denn schöner kanns eigentlich nicht werden.

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Herr Schäuble hat mir auf die Frage, wie kriminell er ist, leider nicht direkt geantwortet, obwohl ich ihm fairerweise ein paar Tage Zeit gelassen habe. Dafür hat die Bundesregierung jetzt indirekt geantwortet, indem sie entschieden hat, das Recht zu brechen, mit Kriminellen gemeinsame Sache zu machen, selbst kriminell zu werden. Wie kann ein Staat verlangen, dass seine Bürger sich legal verhalten, also zum Beispiel ihre Steuern zahlen, wenn er selbst sich illegal verhält? Ist es dann nicht so: von jetzt ab ist Steuerhinterziehung legitime Verteidigung gegen einen Staat, der sich besser nicht mehr als „Rechtsstaat“ bezeichnen sollte?

Die logische Folge: ein mutiger Mensch aus Sachsen, Herr Frank Hannig, Rechtsanwalt und CDU-Mitglied hat Strafanzeige gegen Angela Merkel erstattet.

Ich hatte überlegt, dies selbst zu tun, habe aber davon Abstand genommen, weil ich in der Schweiz lebe und dies als Provokation hätte verstanden werden können. Dafür spreche ich Herrn Hannig meine volle Anerkennung aus: dieses moralisch arme Deutschland braucht mehr Bürger wie ihn. Der Nord-Südliche Divan ist auf seiner Seite.

Ich glaube nicht, dass die zuständigen Gerichte letztinstanzlich die Kanzlerin verurteilen werden. Ich bin aber neugierig auf die Begründung: wie war das noch in den neunziger Jahren bei der Frage, warum Haschisch und Marihuana nicht legalisiert werden, obwohl sie nachweislich nicht schädlicher als Alkohol sind: das Bundesverfassungsgericht urteilte sinngemäß, das dies wohl richtig sei, aber Alkohol trinke man ja nicht hauptsächlich, um sich zu berauschen. Großartige Begründung. Oder zum Kruzifix im Klassenzimmer wurde mal geurteilt: man darf es aufhängen, nur darf man niemanden zwingen es anzugucken.

Die Gerichte denken sich in diesen Fällen oft herrliche Begründungen aus, um irgendwie den Mächtigen beizustehen, warum auch immer. Man darf in diesem Fall etwas besonders Hübsches erwarten, was auf die Formel hinauslaufen dürfte: vor dem Gesetz sind alle gleich aber die Regierungschefin ist halt gleicher.

So werden wir dank Herrn Hannig demnächst wenigstens gemeinsam lachen können über die Irrsinnsbegründung, mit der diese staatliche Hehlerei voraussichtlich gerichtlich gestützt werden wird. Aber wir werden uns dabei erinnern, dass es nicht nur Kriminelle in Deutschland gibt, die an der Macht sind und Handel mit Dieben treiben. Wir werden uns auch daran erinnern, dass es anständige Menschen gibt, denen Recht und Gesetz etwas bedeutet und die dafür persönliche Risiken eingehen, denn es ist nicht leicht, sich gegen die herrschende Ideologie zu stellen, die in diesem Falle lautet: gegen böse „Steuersünder“ heiligt der Zweck alle Mittel. Danke, Herr Hannig!

HINWEIS AN DIE LESER DES NORD SÜDLICHEN DIVAN: AB DEM 7. FEBRUAR BERICHTET DER DIVAN TÄTGLICH AUS ISRAEL: RUNDREISE DURCH DAS HEILIGE LAND DER IDEOLOGIEN UND FREIHEITSTRÄUME – STAY TUNDED

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Schäuble überlegt. Er ist hin und her gerissen. Es ist keine leichte Entscheidung, gerade auch für einen, der vor kurzem noch oberster Polizeichef der Bundesrepublik Deutschland war. Einerseits kann er für 2,5 Millionen Euro die Daten von 1500 Personen kaufen, die in der „SZ“ bereits als „Steuersünder“ vorverurteilt werden. Es geht um 1500 Deutsche mit Konten in der Schweiz. Andererseits gibt es da noch ein ästhetisches Problem: die Daten wurden gestohlen, dem Finanzminister wird Diebesgut angeboten. Wer auch immer die Daten verkauft, er hat sie veruntreut und gestohlen, hat seinem Arbeitgeber (es dürfte sich um einen Bankangestellten handeln) wissentlich Schaden zugefügt, das Schweizer Arbeitsrecht und die Gesetze zur Geheimhaltung von Bankdaten verletzt und sich strafbar gemacht. Dies wird in den oben genannten Zeitungsartikeln nicht erwähnt, es ist nicht von einem Dieb die Rede, sondern von einem „Informanten“. Hehlerei wird folgendermaßen definiert: „Die Hehlerei ist die bedeutendste Anschlussstraftat an eine zuvor begangene rechtswidrige, gegen fremdes Vermögen gerichtete Straftat, insbesondere an einen Diebstahl. (…)  Die Hehlerei wird bestraft, weil die Bereitschaft von Hehlern, sich Diebesgut zu verschaffen, es abzusetzen oder abzusetzen helfen, für andere einen Anreiz schafft, Vermögensstraftaten zu begehen.“ Die „Welt“ erläutert weiter: „In der Liechtenstein-Affäre im Februar 2008, in die unter anderem der ehemalige Post-Chef Klaus Zumwinkel verstrickt war, hatte der Bundesnachrichtendienst (BND) für entsprechende Datensätze rund fünf Millionen Euro bezahlt.“ Bei jener Gelegenheit hat die deutsche Regierung also Hehlerei betrieben. Sie hat  „für andere einen Anreiz geschaffen, Vermögensstraftaten zu begehen“. Der Anreiz hat funktioniert. Da die Bundesregierung sich krimininell verhalten hat, melden sich bei ihr nun andere Kriminelle, um mit ihr Geschäfte zu machen. Es ist nicht mehr Februar 2008, es gibt nun eine andere Regierung und einen anderen Finanzminister. Und der überlegt derzeit. Daher meine Frage, Herr Schäuble: wie kriminell sind Sie? Ich bitte um Antwort.

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Das Nachschlagewerk „Schöner Denken“ von Maxeiner-Miersch-Joffe-Broder habe ich an dieser Stelle schon einmal erwähnt und diese Empfehlung sei hier – wohl nicht zum letzen Mal – wiederholt. Sie wird aus zwei Gründen wiederholt, die in meinen Zuständigkeitsbereich fallen: weil der modische Gedanke der „Nachhaltigkeit“ dem buddhistischen Prinzip der Unbeständigkeit aller Phänomene eher widerspricht als entspricht und weil das Geschwätz, von dem „Nachhaltigkeit“ umhüllt wird, längst den Tatbestand ideologischer Einlullung erfüllt.

In besagtem Buche definiert Dirk Maxeiner Nachhaltigkeit als ein „betriebswirtschaftliches Prinzip aus der Forstwirtschaft“, dem die Natur leider nicht folgt, „weil sie keine Betriebswirtschaft studiert hat“. Die Natur setze stattdessen „auf das Erfolgsprinzip ständiger Veränderung, auch Evolution genannt.“

DAS LEBEN IST NICHT NACHHALTIG

Als ich vor rund zehn Jahren begann, mein aufgeregtes Nervenkostüm mit Zen-Meditation zu beruhigen, begegnete mir in den Lehrreden der Zen-Meister der Begriff der Unbeständigkeit. Er begegnete mir nicht nur – er stellte sich mir in den Weg. Denn die Unbeständigkeit aller Phänomene ist unser menschliches Leiden: Siddharta Gautama, den wir heute als „Buddha“ (den Erwachten) kennen, hat sich der Legende nach von einem Kutscher durch die Stadt fahren lassen, als er, der Königssohn, aus dem goldenen Käfig seines Palastes floh, um einmal die wirkliche Welt zu sehen. Er sah: Alter, Krankheit und Tod, was ihm bis dahin verborgen worden war. Und er fragte den Kutscher: werden wir alle krank? Werden wir alt? Müssen wir sterben? Er erkannte, dass unser Leiden als Mensch NICHT darin besteht, dass wir krank und alt werden und schließlich sterben, sondern darin, dass wir unser Leben lang versuchen, Alter, Krankheit und Tod zu leugnen. Wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Weiterentwicklung, Veränderung, Kurzfristigkeit ist uns ein Greuel.

Aber Weiterentwicklung, ständige und unaufhörliche Veränderung ist das Grundprinzip des Lebens. Das Leben ist nichts anderes als permanente Veränderung. Der Stillstand ist der Tod selbst, wenn so etwas wie wirklicher Stillstand irgendwo in der Natur überhaupt nachgewiesen werden kann.

VERÄNDERUNG TIEF IN UNS AKZEPTIEREN

Hieraus folgt, dass wir eine große Chance haben: wenn wie die Unbeständigkeit aller Phänomene akzeptieren, wenn wir tief in uns annehmen, dass wir permanent und selbstverständlich altern, dass Krankheiten Teil des Lebens sind, dass der Tod Teil des Lebens ist, dann sind Alter, Krankheit und Tod kein Problem mehr. Wir sind dann frei von Angst und frei vom Leiden: erleuchtet, erwacht. Buddha, der Erwachte, wollte nichts anderes, als uns diesen Weg zeigen, nachdem er ihn selbst erfolgreich beschritten hatte.

Was ist unter diesem Ansatz mit dem Modebegriff der Nachhaltigkeit anzufangen? Die UNO definiert Nachhaltigkeit so, dass eine Generation in der Lage ist, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Möglichkeiten anderer Generationen einzuschränken, dasselbe zu tun. Heisst das nicht Vernunft? Ist das nicht einfach das Unterlassen von sinnloser und dauerhafter Zerstörung? Geht es um Liebe zu unseren Kindern? Oder geht es darum, dass jegliche Veränderung unter einen Generalverdacht gestellt werden soll, was dem „normalen“ menschlichen Geist sehr entspräche, denn der will – siehe oben – keine Veränderung sondern das Gegenteil: Stillstand, Unveränderlichkeit, Beibehaltung des Gewohnten. War es das, was mit Nachhaltigkeit gemeint ist?

DIE VERORTUNG DER ZEITGEFÄßE

Die Neue Zürcher Zeitung vom 11.1.2008 berichtet darüber, dass Nachhaltigkeit in der Schweiz zum Lernstoff in den Schulen werden soll, es geht um „BNE“: Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Ich lese, dass die Lernenden befähigt werden sollen, „sich an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen in Bezug auf nachhaltige Entwicklung zu beteiligen“. Das Blähwort „gesellschaftliche Aushandlungsprozesse“ kann nur mit dem Ziel verwendet werden, den wahren Inhalt dessen, was der Sprecher/Schreiber mitteilen will, zu verbergen, weil dieser den Inhalt entweder selbst nicht kennt oder nicht nennen will. Es müssten Parteien, Parlamente, Bürgerinitiativen, Medien, Zeitungen, Blogs, Schülervertretungen gemeint sein. Wo sonst handelt man gesellschaftlich etwas aus? Zur „Befähigung zur Beteiligung“ an diesen „Prozessen“ gibt es in den Schulen den Politik- und Geschichtsunterricht, werden Klassensprecher gewählt, Texte interpretiert und diskutiert und vieles andere mehr. Das kann es also nicht sein. Was ist dann gemeint?

Eine „verbindliche Verortung“ im Lehrplan soll es geben, und „Zeitgefäße“, und 1,5 Millionen Franken soll das Ganze kosten aber ein Schulfach soll es auch nicht sein: es soll „fächerübergreifend“ gelehrt werden, was auch immer es sei.

GENERELLES MISSTRAUEN GEGENÜBER DEM NEUEN?

Dann aber stutzt der Leser, der sensibel auf Ideologien reagiert: Daniel Wachter, Sektionschef „Nachhaltige Entwicklung“ beim Bundesamt für Raumentwicklung, einem von sechs Bundesämtern, die den „Massnahmenplan 2007 bis 2014“ der „Plattform BNE“ ausgearbeitet haben, erläutert, dass es „weniger um das <was> sondern um das <wie> geht. Um eine generelle „Auseinandersetzung mit Themen unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit“.

Wie darf ich das verstehen? Ganz unabhängig vom <was> darf ich generelles Misstrauen gegenüber jeder technischen, industriellen oder sonstwie gearteten Neuerung erwarten, denn unsere Kinder sollen sich mit ihr immer „unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit“ auseinandersetzen? Heißt das, dass es nicht darum geht, was geschieht, es geht nur noch darum, dass möglichst wenig geschieht? Wie soll man ein Thema wie „Gentechnik“ unter diesem Ansatz anders betrachten als voller Vorurteile und von Anfang an kritisch eingestellt? Geht es darum, ein generelles Gefühl zu verbreiten? Ein Gefühl des Misstrauens gegenüber dem Neuen, gegenüber dem,  womit die Mitarbeiter der sechs Bundesämter, bei der „Plaftform BNE“ oder bei der UNO ihr Geld nicht verdienen, nämlich mit technischer Innovation, neuen Angeboten und Produkten, neuen Dienstleistungen und Ideen? Wenn es um die Verbreitung eines generellen Gefühls des Misstrauens und der Ablehnung geht, dann frage ich: geht es im Politikunterricht in Nordkorea um etwas Anderes?

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Es ist kalt in Basel, Anfang Januar. Kalt und sehr sonnig. Nachdem mich die Straßenbahnen im Hotel am Bahnhof in der Nacht kaum haben schlafen lassen, fahre ich jetzt am Tag selbst in ihnen umher. Sie sind allgegenwärtig und ich sehe ein: der beste Weg, sich vor ihnen zu schützen, ist sie zu benutzen. Sie sind beheizt, was wir aus Mailand nicht kennen, obwohl es dort auch sehr kalt werden kann. Die tief stehende Sonne wirft lange Schatten auf die Fassaden und immer wieder an den Haltestellen bittet jemand um Geld. Man gibt etwas oder auch nicht und die Stadt verschluckt den Menschen wieder.

Es gibt hier die „Offene Kirche Elisabethen„, den „Ereignisort im Basler Zentrum“. Am 16. Januar findet dort die Benefizdisko „Oldies but Goldies“ statt, am Tag danach der „Öffentliche Gottesdienst der lesbischen und schwulen Basiskirche“, für den 28.1.2010 ist eine „Mahnwache für die Opfer der neoliberalen Globalisierung“ vorgesehen. Hierzu heißt es im Programm „Wenn Unrecht Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Deshalb erheben wir unsere Stimme, deshalb schweigen wir miteinander, um Kraft zu schöpfen. Wir wollen ein Zeichen der Hoffnung setzen für ein Leben vor dem Tod.“

EINE WELT

Ich praktiziere meine Spiritualität mehrfach täglich und suche oft Kirchen auf, um einen Moment der Ruhe zu haben, um durchzuatmen, um meditativ den ungesteuerten Gedankenfluss zu unterbrechen. Ich bin kein Christ aber ich bin christlich erzogen, im christlichen Kulturraum aufgewachsen, von ihm geprägt. Ich habe tiefen Respekt vor Orten, an denen Menschen ihren Glauben praktizieren. Es sind Orte, an denen Kinder getauft, Ehen geschlossen, Tote betrauert werden; es sind Orte, die von Menschen zum Beten aufgesucht werden, nicht selten wegen eines plötzlichen Krankheitsfalles in der Familie oder weil Vater vielleicht seinen Arbeitsplatz verliert. Muss man hier „Oldies but Goldies“ auflegen? Ist das fortschrittlich? Es gibt unzählige Hallen und Räume, wo Diskos möglich sind, müssen die christlichen Kirchen nördlich der Alpen sich bereits in so hohem Maße bei dem Publikum anbiedern, dass sie für spaßsüchtig, für die „Spaßgesellschaft“ halten?

Ich bevorzuge Kirchen als Orte der Stille und werde am 16. Januar nicht zugegen sein, wenn die Oldies – bei vermutlich unmöglicher Akustik! – durch die neugotischen Gewölbe dröhnen. Ich könnte allerdings Stille finden bei der Mahnwache für die…., ja für wen? Ach ja, für die Opfer der Globalisierung, selbstverständlich. Aber wer wird das sein, die Opfer der Globalisierung? Die Inder, Polen, Chilenen, Vietnamesen oder Chinesen, die in der übergroßen Mehrheit reicher und zufriedener geworden sind, in den letzten 15 Jahren, seit die technologische Entwicklung eingesetzt hat, die wohl mit Globalisierung gleich gesetzt wird und ohne die Sie diese Zeilen nicht lesen könnten? Globalisierung…., die Menschen kommen näher zusammen, die Kommunikation ist global und blitzschnell: ist das nicht die EINE WELT, von der immer die Rede war? (siehe Dirk Maxeiner in dem wunderbaren Buch „Schöner Denken“).

EMOTIONEN FUNKTIONIEREN BESSER ALS KLARHEIT

Es ist der Zusatz „neoliberal“, welcher der Globalisierung ihren Schrecken verleihen soll. „Liberal“ wollen heute alle sein, und deshalb musste man das Wort verändern, um damit „böse Kapitalisten“ bezeichnen zu können. So entstand „neoliberal“. Eigentlich könnten sie in der Elisabethenkirche auch gegen böse Kapitalisten anschweigen aber so klar will man das wohl nicht sagen, trotz der Forderung von Bertolt Brecht, man möge das Böse mit Vor- und Nachnamen bezeichnen. Klarheit ist nicht so wichtig, Klarheit scheint zu stören. Es ist mir zumindest weder klar, was an der „Globalisierung“ genau schlecht sein soll, noch was „neoliberal“ heißt. Vielleicht wissen das viele nicht, die die „offene Kirche“ zum Tanzen oder zu einer Modenschau besuchen. Ideologie ist immer emotional: es ist nicht wichtig – oder störend – genau zu wissen, was in Bukarest oder Hanoi geschieht, wichtig ist, dass „neoliberale Globalisierung“ „gefühlsmäßig“ so sehr mit „Unrecht“ assoziiert wird, dass „Widerstand“ zur „Pflicht“ wird.

Über den Rhein kann man hier mit der „Fähri“ fahren, die an einem Drahtseil entlang läuft, das über den Fluss gespannt ist. Die Fähri funktioniert lautlos mit der Strömungsenergie und ganz ohne Hinweis auf die Erdenrettung. Stünde in Deutschland „dem Klima zuliebe“ daran?

BASELS SCHORNSTEINE RAUCHEN NOCH

Das neue Stadion, der St. Jakob Park, hat unter dem Rasen ein Einkaufszentrum, in dem die Waren des globalisierten Weltmarktes angeboten werden, mit 10 Restaurants und dem Altersheim „Tertianum“ im selben Gebäudekomplex. Ein Herr erklärt mir auf Nachfrage, das die Altenheimbewohner in der eigenen Loge „Joggeliblick“ die Spiele verfolgen können.

Auf der Rückfahrt – selbstverständlich in der beheizten Straßenbahn – blicke ich den Rhein entlang auf Novartis und auf die rauchenden Schornsteine der Stadt. „Die Schornsteine müssen rauchen“, war ein Standardsatz in meiner Jugend, als man im industriell geprägten Rheinland der siebziger Jahre noch Positives mit qualmenden Schloten verband. In Basel rauchen noch vergleichsweise viele Schornsteine, zumindest an kalten Wintertagen, trotz der Konzentration in der Pharmabranche. Aber an keinem steht „dem Klima zuliebe“ dran. Wird da nicht Widerstand zur Pflicht?

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Wenn man wie ich aus dem Rheinland kommt, dann war Basel als Kind so weit weg, dass man gar nicht genau wusste, ob das noch Deutschland oder schon Schweiz war. Diese geographische Unkenntnis wurde durch Italienfahrten behoben, bei denen Basel zur Wegmarke wurde: man war schon sehr weit weg von zu Hause und doch noch lange nicht da. Huntertmal vorbeigefahren – nie angehalten, in diese Kategorie fällt die Stadt für mich.

Inzwischen betrachte ich deutsche oder deutschschweizer Städte aus einem quasi-italienischen/tessinerischen Blickwinkel. Das bedeutet, dass ich, wie die Italiener, über Fahrradtiefgaragen staune und über eine augenscheinlich fast vollständig autofreie Innenstadt, in der Straßenbahnen aus allen Richtungen kommen und es einem teilweise lange und immer wieder verwehren, die andere Seite zu erreichen.

Keine Ampeln, nirgends. Freier Gehweg für freie Schweizer. Im Vergleich dazu sind wir in unserem beschaulichen Lugano so richtig schön traditionell: eine durchweg autogerechte Stadt, vierspurige Trassen mitten durchs Stadtzentrum, keine Radwege oder höchstens mit gelben Strichen rechts an der Straße in reiner Alibifunktion angedeutet und doch lebensgefährlich. Keine Fahrradmitnahme in der städtischen Seilbahn vom Stadtzentrum hoch zum Bahnhof, trotz des erheblichen Höhenunterschieds mit steilem Anstieg.

Und noch eines fällt dem (Wahl-)Tessiner auf: es wird geraucht in den Kneipen und Cafes in Basel, zumindest zu gewissen Uhrzeiten. Hier hatte sich das Tessin ja an Italien gehängt, um so schnell wie möglich so streng wie möglich zu verbieten, zu regulieren, zu bestrafen, zu schützen und zu verhüten. Vielleicht hat dabei eine Rolle gespielt, dass die Gastroszene im Tessin ohnehin weitgehend bedauernswert schlecht ist. Aber jetzt genug mit den Vergleichen, typisches Touristenverhalten: aussteigen, schauen, mit dem Gewohnten vergleichen und dann: bewerten, Noten verteilen, beurteilen. Unser Ego braucht das, es braucht Unterscheidung und Trennung, Idealbild und Feindbild, um sich dann damit zu beschäftigen, das Ganze zu bedenken, innerlich zu bereden und zu besprechen, im ewigen Hamsterrad des inneren Dialogs, den ganzen Tag, ohne Pause und Kontrolle, permanentes Gequatsche im Kopf.

Davon will ich mich morgen freimachen, nach einer schönen ausgiebigen Morgenmeditation, um dann mit wachem und offenem Geist hier zu sein. Morgen abend kann ich deshalb voraussichtlich tiefsinnigeres berichten, als diese allerersten Eindrücke. Wenn ich den Straßenbahnen ausweichen kann.

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In der Schweiz gibt es kein Silvesterfeuerwerk. Man trifft sich mit Freunden oder der Familie und feiert gemütlich und leise. Um Mitternacht läuten die Glocken. Als Kind und junger Mensch war mir Silvester immer sehr wichtig – der Beginn einer neuen Zeit, eine neue Chance. Heute hat sich das gelegt, das Leben lehrt, das es nur eine Wiederholung des ewig Gleichen gibt. Im Buddhismus nennen wir das Samsara: das Rad des Leidens, die ewige Wiederkehr im Leiden.

Ich erinnere mich, wie ich vor ein paar Jahren erfolglos durch die Geschäfte zog, hier in Lugano, in den Tagen vor Silvester, um „Knaller“ und Raketen zu suchen, denn ich mag Feuerwerk und ich habe zwei Jungs, die das auch mögen. Aber ich mag auch die Stille, je älter ich werde, desto mehr mag ich sie. Je länger ich meditiere, desto mehr erkenne ich, dass die Stille alle Wahrheit, alle Klarheit, alle Einheit enthält. Erst unser Denken, unser Sprechen unser Handeln im Samsara durchbricht die Stille, teilt sie ein, schafft den Lärm, schafft das Leiden – aber aller Lärm, alles Leiden kehrt wieder zurück in die Stille. Die Stille ist eine große Chance, die einzige Chance.

Ich habe damals keine „Knaller“ gefunden und man belehrte mich freundlich, dass der Feuerwerkstermin hier der 1. August ist, der schweizer Nationalfeiertag. Früher wurden zum 1. August große Feuer auf den Bergen entzündet, auch heute macht man das noch, aber es sind die Feuerwerke hinzugekommen, die privaten und diejenigen, die die Städte veranstalten, wenn sie hier zum Beispiel in Lugano ein beachtliches Spektakel über dem See abfeuern.

Wir gingen damals dennoch zum See um Mitternacht, an Silvester,  und tatsächlich gab es doch ein paar Raketen: Italiener, die Feuerwerkskörper und Raketen aus Italien herübergebracht hatten und das Verbot, sie zu entzünden nicht kannten oder ignorierten. Natürlich regt sich niemand hier darüber auf. Man ist gelassen hier und tolerant gegenüber Fremden und auch gegenüber anderen Religionen. Ich bin Fremder hier und gehöre einer anderen Religion an. Ungefähr ein Viertel der Einwohner des Tessins sind Ausländer, die meisten Italiener. Im Kanton Genf liegt der Ausländeranteil bei fast 40%, in der ganzen Schweiz sind es etwa 20%, gegenüber 8,8% in Deutschland oder 6,2% in der EU.

Als die Schweizer sich vor einigen Wochen gegen Minarette entschieden haben, haben sie sich nicht gegen Moslems, nicht gegen Moscheen, nicht gegen Fremde entschieden. Sie haben sich gegen Gebietsmarkierungen einer Religion entschieden, die leider teilweise auch aggressive Züge trägt, was man vom Judentum oder von Buddhisten nicht sagen kann, weshalb einzelne Bauelemente an Synagogen oder Meditationszentren kein Aufsehen erregen. Sie haben sich gegen Parallelgesellschaften entschieden. Sie haben gesagt: du bist hier willkommen, als Fremder, als Moslem, als was auch immer. Aber nimm Teil am Leben aller, werde ein Teil unserer Gemeinschaft, bilde kein Ghetto. Es war eine Entscheidung für Integration, nicht dagegen. Wer hier lebt, versteht langsam immer besser die pragmatische Einstellung der Menschen hier.

Man philosophiert weniger, zum Beispiel über „Leitkultur“, wie in Deutschland oder Österreich, sondern man versucht, pragmatische Lösungen zu finden. Und diese Lösungen findet das Volk bei den wichtigen Fragen selbst. Welche Lösungen würde man in Deutschland finden, wenn das Volk entscheiden dürfte? Eine Entscheidung treffen und dazu stehen, auch wenn sie nach außen nicht gut ankommt – ist das nicht etwas sehr Erwachsenes? Aber was bedeutet es, wenn man eine Entscheidung des Nachbarn sieht und dann beklagt, dass dort das Volk selbst entscheiden kann, etwa in dieser Form: „Außerdem ist das Ergebnis eine Art Kollateralschaden der direkten Demokratie. So kann es kommen, wenn das Volk nicht nur über Turnhallen oder Transrapidbahnen abstimmt, sondern über alles.“ (Thomas Kirchner in der Süddeutschen Zeitung vom 30.11.2009)? Es bedeutet, dass das große europäische Volk, das zwei Weltkriege verursacht hat und dem man die Demokratie 1945 mit Gewalt bringen musste, heute zu wissen glaubt, warum die Schweiz, die seit 1291 einen Weg der Selbstbestimmung und Demokratie geht, einen Fehler gemacht hat.

Ich werde heute Abend in aller Stille zum neuen Jahr anstoßen mit ein paar Tessiner Freunden, ohne Feuerwerk. Ich lebe gern hier. Ich wünsche der Schweiz, dass sie 2010 und in Zukunft bleibt, wie sie ist: demokratisch, tolerant, gelassen, pragmatisch und flexibel. Ein modernes Land mit großer Tradition. Ich glaube, man kann von der Schweiz viel lernen. Ich bin dabei. Und ich danke meiner Wahlheimat hiermit einmal, bei dieser Gelegenheit.

Allen Lesern des Nord-Südlichen Divan wünsche ich ein schönes Jahr 2010!

Werner

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