Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Italien’ Category

Seit Anfang der neunziger Jahre beobachte ich Italien und den italienischen Fußball. Nie, so habe ich in dieser Zeit oft gesagt, habe ich erlebt, dass man in Italien eine Niederlage im Fußball einfach anerkennt. Schuld sind immer die anderen: der Schiedsrichter vor allem, das Abseitstor, das fälschlich abgepfiffen wurde, der Elfmeter, den es nicht hätte geben dürfen oder den es hätte geben müssen, und so weiter. Für dieses Nachkarten und Rummäkeln gibt es in den entsprechenden Fernsehsendungen die Institution der „Moviola“. Dieses Wort bedeutet „Zeitlupe“ und ist an sich nichts Besonderes. Doch diese Zeitlupen werden nicht nur während des Spiels gezeigt, sondern sie werden nach dem Spiel zu einer Art eigener Sendung, die das alleinige Ziel hat, Niederlagen in Siege umzudeuten und die Schuld irgendwem zu geben aber nie der eigenen Mannschaft.

Heute ist Italien auf dramatische Weise aus der WM geflogen und daher interessierte mich: wie wird das heute sein? Welche Erklärungen wird es geben? Wer hat Schuld? Wie ist die Reaktion?

Erste Reaktion: Schockstarre

Die erste Reaktion in der RAI nach dem Schlusspfiff war die eines Schocks: Starre, Sprachlosigkeit, Suche nach Worten. Italien ist in der Vorrunde nie brillant. Italien beginnt eine WM immer erst, wenn es ernst wird und normalerweise geht das sogar gut. Diesmal haben sie allerdings sehr spät angefangen: in den letzten 10 Minuten des letzten Vorrundenspiels, in denen sie zwar noch 2 Tore machen aber die 2:3 Niederlage gegen die Slowakei nicht abwenden konnten.

Nach dem Schock ist die zweite Reaktion der RAI-Journalisten im Studio die eines wüsten Geschimpfes: „die Mannschaft war nicht fit, die falschen Spieler wurden ausgewählt, wenn das unser Spiel ist, dann verdienen wir nichts Anderes als auszuscheiden.“ Sieh an! Zumindest im ersten Moment geht es also nicht um das dritte italienische Tor, das wegen Abseits abgepfiffen wurde, oder um den Ball, der von einem Slowaken auf der Linie (hinter der Linie?) abgewehrt wurde.

Keiner der italienischen Spieler aus der Mannschaft, die auf dem Feld stand, stellt sich einem Interview. Auch von Trainer Marcello Lippi ist nichts zu sehen. Dann taucht wenigstens Alt-Torwart Buffon auf, der wegen eines Rückenproblems nach dem ersten Spiel nicht mehr spielen konnte. Aber er sagt eigentlich nichts. Ratlosigkeit im RAI-Studio. Man beginnt sich gegenseitig zu interviewen, um die Zeit zu überbrücken bis zur FIFA-Pressekonferenz, bei der der Trainer ja verpflichtet ist aufzutreten, wie der Moderator der RAI etwas verzweifelt erläutert.

Lippis Flucht in die Pseudo-Verantwortung

Dann kommt endlich Lippis Pressekonferenz. Er sagt: „Wenn eine Mannschaft so spielt, dann heißt das, dass der Trainer sie nicht richtig vorbereitet hat. Ich übernehme die ganze Verantwortung. Ich bin Schuld. Tut mir Leid. Ich wünsche meinem Nachfolger viel Erfolg.“ Es kommen noch ein paar belanglose Fragen, auf die Lippi belanglose Antworten gibt. Er wiederholt, dass er sich selbst die ganze Schuld gibt. Dann ist die Pressekonferenz beendet. Arriverderci.

Zurück im Studio. Erboste Reaktionen: „der macht es sich zu einfach! Es gab keine einzige fachliche Frage. Warum zum Beispiel hat er den Stürmer Quagliarella, der heute als einziger richtig gut gespielt hat, nur im letzten Spiel eingesetzt? Warum nicht früher?“

Tatsächlich ist diese Übernahme der Verantwortung seitens Lippi nichts anderes als eine Ausflucht. Wenn einer sagt: „ich habe alles falsch gemacht“, aber nichts erklärt, dann macht er es sich wieder sehr einfach. Wenn er die Mannschaft nicht richtig vorbereitet hat, wie er sagt, was heißt das? Wie hätte er sie denn vorbereiten sollen? Er sagt nichts Konkretes. Er führt keine Diskussion. Insgesamt wirkt sein Auftritt arrogant und kalt, auch weil vorher schon klar war, dass er nach der WM aufhört. Da lässt sich leicht Verantwortung übernehmen. Lippi wurde schon vor der WM in Italien nicht geschätzt, irgendwie hoffte man aber trotzdem, er könnte das Wunder von 2006 wiederholen und noch einmal das Unmögliche möglich machen. Das aber ist gründlich schief gegangen. Italien ist bei dieser WM nicht nur geschlagen worden, Italien ist untergegangen wie eine sehr armselige Titanic, die gar nicht richtig versucht hat, dem Eisberg auszuweichen. Und dieser Eisberg war wohl eher ein Eishügelchen, denn die Slowakei hat zwar heute sehr gut gespielt, hat aber in den Spielen vorher gegen Neuseeland auch nur ein Unentschieden erreicht und gegen Paraguay 2:0 verloren.

„Ätsch“ und „Arriverderci Italia“

Im Studio wirft man jetzt einen Blick auf die Internetseiten der ausländischen Presse. Die Reaktion in Spanien ist OK: ein höfliches „Arriverderci Italia“ wird  wohlwollend aufgenommen. Dann Erzfeind Frankreich, es wird eine Überschrift gezeigt: „Italien: Ein weiteres Fiasko“. Diese schüchterne Andeutung einer Kritik wird sofort mit wütender Häme beantwortet: „die haben sich doch gegenseitig zerfleischt. Wenigstens hatten wir keine internen Streitereien!“ Dann die Bild-Überschrift: „Ätsch!“, die nachvollziehbarerweise nicht verstanden wird. Die Journalistin übersetzt das falsch mit „Accidenti“, was einem „verflixt“ entsprechen würde. Vielleicht ist es besser so.

Dann kommt die Moviola. Das Abseitstor war abseits. Die Abwehr des Slowaken mit dem Knie auf der Linie war auf der Linie. Keine Diskussionen, alles klar. Nur bei der Rauferei im Tor nach dem 2:1 verlangt man einstimmig eine rote Karte gegen den Torhüter der Slowakei wegen Tätlichkeit.

Zwei Stunden nach dem Abpfiff gibt es jetzt doch die ersten Interviews mit italienischen Spielern: Enttäuschung, Sprachlosigkeit, Trauer. Am ausführlichsten äußert sich Quagliarella: er berichtet von Tränenszenen in der Kabine, wo Leute wie Cannavaro uns Gattuso verzweifelt geweint haben sollen.

Italiens Niederlage ist zu miserabel, um sie schön zu reden

Mein Eindruck ist insgesamt, dass man heute im ersten Moment auf Ausflüchte, Entschuldigungen und Schuldzuweisungen verzichtet, weil Italiens Ausscheiden bei dieser WM einfach zu miserabel ist, um es schön zu reden. Auch war man innerlich bereits drauf vorbereitet – niemand hat wirklich an diese Mannschaft geglaubt. Und jetzt ist die Sache zu eindeutig: 2 Unentschieden und eine Niederlage gegen Gegner wie Neuseeland, Paraguay und Slowakei. Wie ich die Italiener kenne, werden die Erklärungen und Rechtfertigungsgeschichten schon noch nachkommen. Aber im ersten Moment sind sie zumindest nicht übertrieben zu Tage getreten.

Italien ist bei dieser WM ausgeschieden, nachdem es 2006 mit mehr Glück als Verstand Weltmeister geworden ist. Frankreich ist ausgeschieden, nachdem es sich nur mit einem widerlichen Betrug gegen die bedauernswerten Iren in der Qualifikation durchsetzen konnte. Gott ist groß und seine Ratschlüsse sind unergründlich. Doch heute hat er in der Fußballwelt für etwas Gerechtigkeit gesorgt. Und in der RAI hat man ihm – bisher – nicht sehr heftig widersprochen.

Advertisements

Read Full Post »

Die Entscheidung des Verwaltungsrates der RAI, sämtliche politische Berichterstattung im letzten Monat des Wahlkampfes für die Regionalwahlen einzustellen, ist sehr weise. Damit ist die Gelegenheit gekommen, bei irgendwelchen Trödlern die Schilder wieder rauszusuchen, die die Faschisten in Behörden und Amtsstuben aufzuhängen pflegten: “Hier wird nicht über Politik gesprochen, hier wird gearbeitet”. Klar, die Vorstellung, dass die Wähler erfahren könnten, wer genau die Kandidaten sind, die die tausend vergoldeten Abgeordnetensitze der Regionalparlamente besetzen werden, war zu schrecklich. Das sollte besser vermieden werden.
Das Regime ist inzwischen zu allem bereit, es opfert sogar seinen Sturmtrupp, die Sendung „Porta a Porta“ auf RAI 1, um ja zu vermeiden, dass irgend eine Nachricht durchsickert. Um politische Berichterstattung werden sich jetzt allein die Herrschaften von Berlusconis Mediaset kümmern. Und es ist ja tatsächlich so, dass allein der verweste Anblick unserer Politiker reicht, dem Zuschauer den Abend zu verderben.

Wäre es möglich gewesen, eine Sendung über Herrn Di Girolamo zu bringen, der in den wenigen Meldungen zärtlich als “Sklave” oder “Handlanger” der führenden Clans der kalabresischen Mafia, der „‘Ndrangheta“ bezeichnet wurde? Hätte man berichten können, dass die Spitzenkandidaten der Rechten und der Linken in der Lombardei , Formigoni (rechts) und in der Emilia Romagna, Errani (links) gesetzlich für ein drittes Mandat nicht mehr wählbar sind, weshalb bereits ein Ad-Hoc Gesetzentwurf bereit liegt, um die Illegalität zu legalisieren?  Konnte man sagen, von welchem Blut und von welchen Tränen die sogenannte zweite Republik trieft, die aus den Terroranschlägen der neunziger Jahre und den Verhandlungen zwischen Staat und Mafia entstanden ist, wie jetzt bei den Gerichtsverfahren gegen Mori und Dell’Utri bekannt wurde, dank der Enthüllungen von Ciancimino und Spatuzza? Hätte man erklären können, was für eine Bande von Vorbestraften, Angeklagten und wegen Verjährung „freigesprochenen“ sich auf den Wahllisten der beiden maßgeblichen Parteien PDL und der PD befindet?  Konnte man die Pantomime des Anti-Korruptionsgesetzes darstellen, das vom größten bekannten Korrumpierer in Europas Geschichte geschrieben wurde? Hätte man weiterhin die Millionenverschwendung der Prostitution & Korruption AG auflisten können? Das alles ging nicht, wenn man vermeiden wollte, dass die Wahllokale von wütenden Wählern mit Heugabeln überfallen werden.

Anstelle von politischer Information werden wir jetzt also die gewohnte Parade von vierzig Partei-Leadern haben, welche die Nase nicht mehr aus der Haustür halten können, vor Angst, sie könnten gesehen werden und sich daher in den Fernsehstudios verschanzen. Und dort werden sie jetzt mit wundgesessenem Hintern Tausende von Werbespots aufnehmen und den geschätzten Wählern verkünden: „wählt uns, denn wir sind schön, gut, ehrlich und fähig“. Es ist das letzte Röcheln eines dahinsiechenden Regimes, dem nichts Besseres einfällt, als sich in einen Bunker zu verkriechen und den letzten Rest an übrig gebliebener Information abzuschalten, in der Hoffnung, dass so Skandale, Raub und Mafiaverwicklungen in Vergessenheit geraten, indem man das alles für ein paar Wochen vom Bildschirm verbannt.

(…) Aber im Land der legalisierten Illegalität und der privatisierten Justiz wäre es schließlich überraschend, wenn die einzigen Gesetze, die noch eingehalten werden, die Wahlgesetze wären (…). Angesichts der enormen Auflagen, die hierfür zu erfüllen sind, und der objektiven Dringlichkeit der Mission könnte man die Vorlage der Wahllisten in ein Großereignis umwandeln und es dem in Abbruzzen so erfolgreichen Katastrophenschutz anvertrauen. Beauftragt den Zivilschutzminister Bertolaso damit, oder zumindest eine der „Masseusen“ in seinem Gefolge: die sind wenigstens schnell.

Übersetzung des Artikels des – meiner Meinung nach besten – italienischen Journalisten Marco Travaglio (1) (2) (3) (4) auf seinem Blog „Voglio Scendere“ vom 2.3.2010.

Read Full Post »

Als Dolmetscher hat man eine Sonderstellung im Geschäftsleben: man betreut einen Kunden, meistens eine Gesellschaft oder auch eine Einzelperson, die ihrerseits ausländische Kunden, Partner oder Lieferanten trifft. Nach einiger Zeit bildet man mit seinem Kunden ein Team, man wird zur Stimme desjenigen, den man vertritt und seine Gesprächpartner werden „die anderen“. Dennoch bleibt man immer etwas außen vor: man nimmt Teil an den Besprechungen und Präsentationen auf hoher und höchster Ebene und man ist doch nicht beteiligt, bleibt draußen und betrachtet alles auch wie ein Besucher.

Mein Kunde hatte heute einen Termin in Turin, und natürlich – möchte man meinen – bei Fiat. Turin ist Fiat aber Fiat ist nicht nur Turin. Fiat ist Italien: „Fabbrica Italiana Automobili Torino“. Bei der Werksbesichtigung fiel mir auf, dass jeder der Arbeiter eine deutlich sichtbare italienische Fahne auf seiner Arbeitsmontur hat, an der Schulter, fast als wäre es eine Uniform.

In der Werkshalle fahren Roboter umher, die selbstständig Dinge von einem Ort zum anderen bewegen. Menschen gibt es in einigen Bereichen der Halle nur noch wenig, zur Steuerung der Montageroboter und zu Kontrollarbeiten. In anderen Bereichen gibt es noch das klassische Produktionsband und es stehen viele Arbeiter und Arbeiterinnen hintereinander, die Armaturenbretter oder Windschutzscheiben einsetzen, Verschraubungen vornehmen, ihren jeweiligen Part der großen Produktionsmaschine darstellen. Dann steht irgendwann alles still, Lichter erlöschen, es wird dunkel und Ruhe kehrt ein: Mittagspause.

Fiat Mirafiori ist ein modernes italienisches Heiligtum, eine Kultstätte, das Symbol für industrielle Weltgeltung und für echte Arbeiter und echte Kapitalisten, wie es sie früher einmal gab. Als ich Anfang der neunziger Jahre nach Italien kam, faszinierte mich die Tatsache, dass über den frühen und unglücklichen Todesfall eines jungen Sprößlings der Agnelli-Familie, der an einer schweren und seltenen Krankheit gelitten hatte, berichtet wurde, wie über einen Todesfall im Königshaus. Und das war es auch in gewisser Weise. Turin ist die alte Residenzstadt der Savoia, des italienischen Königshauses.

Vor dem Termin hatte ich noch etwas Zeit und schlenderte in den umliegenden Straßen um das Werksgelände umher: Graffiti scheint ja ein italienisches Wort zu sein, was es wohl – soviel ich weiß – nicht ist (jedenfalls nennt man sie hier nicht so), aber es könnte eine italienische Erfindung sein, so wie das Mobiltelefon eigentlich eine italienische Erfindung ist, auch wenn es ganz woanders erdacht wurde. Die Wandkritzeleien jedenfalls haben hier den besonderen Reiz, dass sie ungewöhnlich oft von verzweifelter Liebe künden oder von politischen Extremen und schönen alten Grabenkämpfen von richtigen Kommunisten gegen traditionelle Faschisten. Eigentlich sind dies Kämpfe, die unter Denkmalschutz gestellt werden sollten, weil sie etwas konservieren, was in diesen Erscheinungsformen keine praktische Rolle mehr spielt aber einmal von großer Wichtigkeit war. Italien ist nicht nur das Land der historschen Stadtkerne, es ist auch das Land der historischen Politfehde, die sich noch ganz der Mittel und Symbole der zwanziger Jahre bedient. Matteotti und Mussolini könnten heute wiederauferstehen und gleich weitermachen, man würde sie kaum für überholt halten.

Und dann stellt Fiat sich selbst aus und dar, in den Straßen um Mirafiori: mit der Plakatausstellung „La fabbrica della città“ (Die Fabrik der Stadt), die kluge Sachen und Historisches verbreitet. Und Wahlkampf ist wohl auch, in Italien ist immer Wahlkampf, warum auch nicht? Die Straßen um das Werk erscheinen wie ermüdet von so viel Geschichte und Industrie und Klassenkampf und Kultstatus: es ist diese besondere italienische Tristesse, in der alles grau und staubig wird, ermattete Fußballplätze und lustlose Kirchen in einer Wüste aus ewiggleichen Straßen und Wohnhäusern.

Zum Essen lädt man meinen Kunden in das Restaurant auf dem Dach des alten Werksgebäudes im Stadtzentrum ein, das heute nicht mehr zur Autoproduktion dient, sondern Messehalle und Einkaufszentrum geworden ist. Die Fabrik funktionierte hier einstmals vertikal: unten begann die Herstellung, dann gelangten die Autos Etage für Etage weiter hinauf, je weiter sie in der Produktion voran schritten und oben kann man noch heute die Teststrecke mit den Steilkurven betrachten, auf der früher jedes Auto getestet wurde. Eine verrückte Idee. Ob Gianni Agnelli, von dem es heißt, dass er sich die vom Kokain zerstörte Nasenscheidewand aus Platin nachbilden ließ, auf die Idee wohl im Vollrausch gekommen ist? Ich weiß es nicht, aber es könnte passen, denn an so einem graublauen Wintertag wie heute wirkt die ganze Stadt wie verkatert, wie nach einem langen Rausch ermüdet.

Read Full Post »

Ein Fehler, der in Europa weit verbreitet ist, ist der, dass man glaubt, Italien wäre trotz aller bizarren Eigenheiten und seinem amüsanten Chaos immer noch ein Staat: ein Staat mit einem demokratisch gewählten Parlament, mit einer demnach legitimen Regierung, mit rechtsstaatlichen Institutionen, mit Gewaltenteilung, funktionierenden Gerichten, einem Bildungssystem, Wettbewerb auf den Märkten, freien Medien und informierten Bürgern. Nichts davon, nicht einer dieser Punkte ist gegeben. Und der Nord-Südliche Divan muss sich nicht dem Vorwurf aussetzen, gegen Berlusconi eingestellt zu sein, weil Berlusconi rechts und der Divan links stünde. Beides stimmt nicht: Berlusconi ist nicht rechts, sondern einfach nur kriminell und der Divan ist nicht links.

Aber die Kategorien von „politisch links“ und „politisch rechts“ sind in Italien ohnehin sinnlos geworden; nicht nur, weil Berlusconi zum Beispiel in den achtziger Jahren sein Privatfernsehmonopol „Fininvest“ mit Hilfe des „Mammì-Gesetzes“ der „Linken“ von Craxi aufbaute, um später mit Neofaschisten und der Lega Nord zu paktieren. Die sogenannte Linke in Italien, also die derzeitige Opposition, hat  niemals wirklich Opposition gegen Berlusconi gemacht, sondern sich in all den Jahren wiederholt und fortgesetzt hinter verschlossenen Türen mit ihm geeinigt.

Der entscheidende Mann bei allen schmutzigen Kompromissen, Mauscheleien und Intrigen, bei jedem geheimen Kuhhandel mit Berlusconi war und ist der ehemalige Vorsitzende der Linkspartei und Ex-Regierungschef Massimo D’Alema, der in der letzten Prodi-Regierung Außenminister war und den der Journalist Marco Travaglio in seinem gestrigen Videobeitrag im Blog „Voglio Scendere“ als den „König des Kuhhandels“ bezeichnet.  Es sind in diesen Tagen neue Kuhandel der Linken mit Berlusconi im Gange und D’Alema spielt – wie immer – eine Schlüsselrolle dabei. Ein Name, den man sich merken sollte, wenn man verstehen will, wie Berlusconi sich in der nächsten Zeit wieder einmal gegen die Richter und seinen Niedergang in der öffentlichen Meinung wehren wird: mit Hilfe der Linken. Nachstehend einige von mir übersetzte Textpassagen aus dem gestrigen „Passaparola“ („Sags weiter“) von Marco Travaglio, dem Journalisten, den Berlusconi am meisten fürchtet und den er deshalb derzeit mit einer gezielten Hetzkampagne bekämpft und sogar – mittels seiner Zeitungen, Fernsehsender und Handlanger in der Politik – für die Attacke gegen ihn auf dem Mailänder Domplatz verantwortlich macht:

MASSIMO D’ALEMA: DER MEISTER DES KUHHANDELS MIT BERLUSCONI

„Massimo D’Alema stürzt die Berlusconi-Regierung (…) im Dezember 94. Kurz vorher (…) gab es ein Urteil des Verfassungsgerichtes, das ein Kartellprinzip festlegt und das Mammì-Gesetz korrigiert, d.h. das Verfassungsgericht entscheidet, dass das Mammì-Gesetz verfassungswidrig ist, da es allein der Fininvest ermöglicht, drei Fersehsender zu haben und Fininvest muss demnach auf zwei Sender zurechtgestutzt werden; direkt danach stürzt die Berlusconi-Regierung.

(…) Was macht nun die neue Mehrheit, was machen die berühmten „Kommunisten“? Es ist natürlich zu erwarten, dass sie das Urteil des Verfassungsgerichtes nehmen werden, das ja nicht gerade eine konspirative Verschwörung mit dem Ziel des Umsturzes ist, und es in ein Gesetz umwandeln werden, wie man es in diesen Fällen zu machen hat, und Berlusconi wird auf einen Sender verzichten müssen. Wenn er aber auf einen Sender verzichtet, wird er gegenüber der RAI schwächer werden, die drei Kanäle hat, und dass in dem Moment, in dem er mit seinen Fernsehsendern an die Börse gehen will, denn seine Firmen sind hoch verschuldet: es heißt, er hätte 5.000 oder sogar 7.000 Milliarden Lire Schulden (Anm. Divan: entspr. 5-7 Mrd. Euro) und die Banken fordern Schuldenausgleich, weil sie ihm nicht mehr trauen. Sie hatten ihm vertraut, als er Regierungschef war, denn dem Regierungschef kann man schlecht Nein sagen, aber jetzt, da seine Regierung geplatzt ist, ist Berlusconi wieder in großen Schwierigkeiten und all das geschieht ihm im heikelsten Moment, als er versucht, seine Fernsehsender (Anm. Divan: jetzt unter dem Namen Mediaset) an die Börse zu bringen – das heißt seine Schulden auf den Aktienmarkt zu bringen und auf die Anleger abzuwälzen.

Hier kommt es zum ersten Kuhhandel, wie D’Alema das selbst nennt, und vielleicht ist es sogar der einzige: vielleicht schließen Silvio und Max bei dieser Gelegenheit einen einzigen stählernen Pakt, der unglaublicherweise alle Zeitläufte überdauert und noch heute hält. Dieses Abkommen bleibt geheim, bis Luciano Violante, der raffinierteste der Bande, sich in einer Parlamentsdebatte im Februar 2002 verplappert, als man das Witz-Gesetz von Frattini zum Interessenkonflikt debattiert. Das ist während der zweiten Berlusconi-Regierung und ein Abgeordneter von Alleanza Nazionale, ein gewisser Herr Anedda, wagt es sogar, die Mitte-Links-Parteien anzuklagen, sie wollten die Berlusconi-Sender enteignen. (…) Und was sagt Violante? “Herr Abgeordneter Anedda, seien Sie vorsichtig mit Worten wie Enteignung etc., fragen Sie Silvio Berlusconi und zur Bestätigung auch den Abgeordneten Letta, was passiert ist, als die erste Berlusconi-Regierung gestürzt ist; wir (Anm. Divan: die Linken) haben dem Abgeordneten Berlusconi zugesichert und der Abgeordnete Letta war dabei, dass wir seine Fernsehsender in Ruhe lassen werden”.

(…) Ein Kartellgesetz zum TV-Sektor, dass den Vorgaben des Verfassungsgerichtes folgt und dass nicht freiwillig gewesen wäre, sondern ja gemacht werden musste, hätte in dem Moment eine große Mehrheit im Parlament gehabt. (…) Aber genau jetzt verspricht die PDS-Führung Berlusconi, dass sie sich um das Urteil des Verfassungsgericht nicht scheren wird und seine Sender in Ruhe lässt, womit ein verfassungswidriges System fortgesetzt wird.

ZWEITER KUHHANDEL: AUF DEN MÜLL MIT DEM URTEIL DES VERFASSUNGSGERICHTES

Nach einigen Monaten, Anfang 1995 hat Berlusconi erneut Panik: eine Volksabstimmung zum TV-System (…): es geht darum, Werbespots mitten im Film zu verbieten und ein privater Betreiber soll nur noch einen Sender besitzen dürfen, das ist bereits die Höchstgrenze in anderen Staaten, es gibt Staaten wie Spanien, wo ein Privatmann nicht einmal die Hälfte eines Senders allein besitzen darf, man muss zwingend mehrere Partner in der Gesellschaft haben.

Es gibt das Risiko, dass diese Volksabstimmung (…) Erfolg hat: warum? Wenn man fragt, ob die Leute einen Film ganz sehen wollen oder unterbrochen von Werbespots, dann ist klar, wie sie antworten und auch wenn man fragt: “willst du mehr oder weniger Pluralismus?” (…) Was also geschieht? Es geschieht, dass Berlusconi über Letta verlauten lässt, dass er seine Sender verkaufen wird und dass die Volksabstimmung deshalb überflüssig wird und die anderen fallen drauf rein oder tun so, als würden sie drauf reinfallen. Es kommt zu einer Verhandlung, während der Abstimmungswahlkampf schon voll im Gange ist, und man versucht – angeblich – bis zum letzten Moment, die Volksabstimmung zu verhindern, nur dass Berlusconi währenddessen auf seinen Kanälen die Leute ohne Unterlass mit der Message bombardiert: “Stimmt Nein, stimmt Nein, stimmt Nein, denn wenn ihr Ja stimmt, wird es kein Privatfernsehen mehr geben, eure Lieblingssendungen werden verschwinden und die Sender werden abgeschaltet”. Das sind terroristische Spots, Lügenspots, um einfachen Leuten Angst zu machen, sodass Fininvest sogar verurteilt wird, Gegendarstellungen zu senden, allerdings werden die Gegendarstellungen nach der Volksabstimmung gesendet.

Die Linke unterstützt die Volksabstimmung nicht und macht praktisch keinen Abstimmungswahlkampf: warum? Weil sie von einer Verhandlungseinigung mit Berlusconi ausgeht oder dies vorgibt (…) Ergebnis: den Abstimmungswahlkampf macht allein Berlusconi für das Nein, eine Kampagne für Ja-Stimmen findet nicht statt, auch weil die Anhänger des Ja kein Geld haben, während das Nein von Berlusconi vertreten wird. Berlusconi lässt schließlich die Verhandlungen platzen, es gibt keine Einigung aller Parteien, Berlusconi verkauft keinen seiner Sender, gewinnt die Volksabstimmung, da er ja allein Wahlkampf betrieben hat und am Tag danach sagt D’Alema: “Nun, jetzt hat er die Volksabstimmung gewonnen, wir können ja jetzt kein Gesetz mehr machen, dass ihm einen Sender abnimmt, wie vom Verfassungsgericht gefordert, weil die Italiener sich ja gerade dagegen ausgesprochen haben, ihm zwei Sender abzunehmen“; abgesehen davon, dass dies erstens unlogisch ist, denn es kann ja sehr gut sein, dass die Bürger durchaus dafür sind, ihm einen Sender und nicht zwei abzunehmen, ist es zweitens ziemlich unwichtig, was die Bürger sagen – das Verfassungsgericht hat entschieden und die Politiker müssen das umsetzen.“ (Ende der Übersetzung des Beitrags von Marco Travaglio)

WARUM DULDET EUROPA DIE BESEITIGUNG DES RECHTSSTAATES IN ITALIEN?

Um diesen Artikel nicht zu lang werden zu lassen fasse ich den Rest kurz zusammen: Im Juli 1996 wird ein Pakt mit Berlusconi geschlossen, der seine drei Sender bis heute am Leben erhält: das Verfassungsgericht hat dem Parlament eine Frist gesetzt, diese Frist wird vom Parlament einfach immer wieder verlängert, bis das Verfassungsgericht im Jahr 2002 den Gesetzgeber wieder auffordert, die bereits seit 15 Jahren bestehende verfassungswidrige Situation zu beheben. Aber inzwischen ist Berlusconi wieder an der Macht und kann sich sein eigenes Rettungsgesetz machen: Das „Decreto Salva Rete 4“, welches bis heute verhindert, dass die Entscheidung des Verfassungsgerichtes umgesetzt wird.

Vertrauen Sie also nicht Begriffen wie „Regierung“, „Opposition“, „Links“, „Rechts“ oder „Verfassung“, wenn Sie von Italien hören. Alle diese Begriffe haben – und ich bin sicher, dass ich keineswegs übertreibe – ihre Bedeutung vollständig verloren. Unter Berlusconi ist Italien zu einer Orwellschen Welt der Sprachverdrehung geworden. Für mich persönlich hatte dies vor einigen Jahren die Konsequenz, dass ich das Land verlassen musste, um im Nahe gelegenen schönen Tessin zu leben. Ich konnte nicht mit einem permanenten Gefühl des Ekels und der Übelkeit leben.

Inzwischen geht es meinem Magen wieder besser. Aber Europa? Warum nimmt Europa Italien immer noch ernst, als wenn es ein Staat wäre? Warum unternimmt niemand außerhalb Europas etwas? Was nutzt die EU, wenn mitten in der EU ein Staat in ein undemokratisches Regime umfunktioniert werden konnte? Ist es die EU selbst, die undemokratisch ist und die das deshalb nicht schert? Ich persönlich bin froh, im Freiheitsreservat Schweiz zu leben. Aber ich kann leider nicht so kleingeistig sein, dass mir der Nachbar Italien mit seinen Landschaften, seiner Geschichte, seinen Kunstschätzen, seiner Küche, seinem Klima und seinen Menschen egal werden könnte. Wie geht es Ihnen?

Read Full Post »

Der folgende Artikel ist meine Übersetzung des Textes „Mafie rinnovabili“ im Blog von Beppe Grillo, erschienen am 20.12.2009. Beppe Grillo ist ein sehr bekannter italienischer Satiriker. Er betreibt einen der meistgelesenen Blogs weltweit und ist führend in der Organisation einer Gegenöffentlichkeit gegen die von Berlusconi dominierten italienischen Medien:

„Die Mafia-Organisationen investieren in Beton, in die Brücke über die Meerenge von Messina, in den Hochgeschwindigkeitszug, in Atomkraftwerke und Müllverbrennungsanlagen? Gemäß Herrn Spatuzza und anderen Kronzeugen hat die Mafia ein Abkommen mit dem Staat abgeschlossen? Nach Ansicht von Herrn Lunardi muss man mit der Mafia leben? Im Parlament sitzen zwei Senatoren, bei denen es ausreicht, die Nachnamen zu nennen: Cuffaro und Dell’Utri, beide in erster Instanz wegen Mafia-Verstrickungen verurteilt? Das größte Unternehmen des Landes ist die Mafia mit einem Umsatz von mehreren Hundert Milliarden Euro pro Jahr? Die Steueramnestie zur Schwarzgeldlegalisierung (Scudo Fiscale) mit dem Ziel, Mafiagelder aus dem Ausland wieder ins Land zu holen, wobei fünf Prozent Steuern zu zahlen sind und Anonymität garantiert wird, ist maßgeschneidert für die Mafia? Die Versteigerung von beschlagnahmten Vermögenswerten der Mafia begünstigt niemand anderes als die Mafiosi selbst? Die Kürzung der Finanzmittel für die Polizei, die demnächst gezwungen sein wird, ihre Polizeiwagen selbst zu schieben, stärkt die organisierte Kriminalität? Die Angriffe auf Richter und Staatsanwälte kommen der Mafia sehr entgegen? Wenn Sie alle diese Fragen gelesen haben, dann stelle ich Ihnen noch eine: warum geben wir eigentlich eine Ertragsquelle wie die Mafia in die Hände des Staates?

Die Mafia kann zum Motor des Landes werden, ihre enormen Investitionen können auf die Zukunft ausgerichtet werden: Sonnen- und Windenergie, erneuerbare Energiequellen für eine erneuerbare Mafia. Beton und Müllverbrennungsanlagen zerstören doch nur die Wohnumgebung der Mafiosi selbst, das Business der Mülldeponien und des Giftmülls bringt Bürger um, auch wohlhabende, welche dann das Schutzgeld nicht mehr zahlen. Wie wird die Mafia so morgen leben können?

Auch die “Verbindungspolitiker” sind nicht zuverlässig, sie sind es nie gewesen, sie sind Männlein, „Quaqquaraquà“, wie Sciascia sie nannte. Sie sehen nicht über den Horizont ihres Schmiergeldanteils oder ihrer korrupten Machtposition hinaus. Ein Provenzano hat mehr Würde als viele Abgeordnete.

Im neunzehnten Jahrhundert waren die Mafia-Orgnaisationen zunächst nur latent vorhanden – ihr Nährboden, das, was sie hat wachsen lassen, war die Vereinigung Italiens. Im Jahr 2011 sind 150 Jahre Mafia zu feiern – gemeinsam mit den 150 Jahren des italienischen Staates. Ein Senator auf Lebenszeit, Andreotti, von allen Medien veehrt, vom Corriere bis zur Repubblica, wurde wegen Mafia-Verbindungen verurteilt, seine Strafe ist nur verjährt. Die besten Menschen, die diese Republik hervorgebracht hat, von Falcone bis Dalla Chiesa, wurden von der Mafia ermordet, oder von Teilen der Staatsgewalt, die die Mafia als bewaffneten Arm verwendet haben. Im zweiten Weltkrieg wurde Sizilien dank der Mafia und der Vereinigten Staaten von den Alliierten erobert  – als Gegenleistung haben diese dann die Positionierung von Hunderten von Mafiosi in den Schlüsselstellungen der Insel zugelassen, und diese Positionen haben sie nie wieder verlassen.

Es ist heute ziemlich schwierig, eine Grenzlinie zwischen Mafia und Nicht-Mafia zu ziehen. Mit Sicherheit kann man jedoch nicht noch einmal 150 Jahre den Witz vom Kampf gegen die Mafia erzählen. Die Mafia existiert weil die Italiener existieren, wir müssen das akzeptieren oder uns ändern.“

Read Full Post »