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Archive for the ‘Islam’ Category

In der Schweiz gibt es kein Silvesterfeuerwerk. Man trifft sich mit Freunden oder der Familie und feiert gemütlich und leise. Um Mitternacht läuten die Glocken. Als Kind und junger Mensch war mir Silvester immer sehr wichtig – der Beginn einer neuen Zeit, eine neue Chance. Heute hat sich das gelegt, das Leben lehrt, das es nur eine Wiederholung des ewig Gleichen gibt. Im Buddhismus nennen wir das Samsara: das Rad des Leidens, die ewige Wiederkehr im Leiden.

Ich erinnere mich, wie ich vor ein paar Jahren erfolglos durch die Geschäfte zog, hier in Lugano, in den Tagen vor Silvester, um „Knaller“ und Raketen zu suchen, denn ich mag Feuerwerk und ich habe zwei Jungs, die das auch mögen. Aber ich mag auch die Stille, je älter ich werde, desto mehr mag ich sie. Je länger ich meditiere, desto mehr erkenne ich, dass die Stille alle Wahrheit, alle Klarheit, alle Einheit enthält. Erst unser Denken, unser Sprechen unser Handeln im Samsara durchbricht die Stille, teilt sie ein, schafft den Lärm, schafft das Leiden – aber aller Lärm, alles Leiden kehrt wieder zurück in die Stille. Die Stille ist eine große Chance, die einzige Chance.

Ich habe damals keine „Knaller“ gefunden und man belehrte mich freundlich, dass der Feuerwerkstermin hier der 1. August ist, der schweizer Nationalfeiertag. Früher wurden zum 1. August große Feuer auf den Bergen entzündet, auch heute macht man das noch, aber es sind die Feuerwerke hinzugekommen, die privaten und diejenigen, die die Städte veranstalten, wenn sie hier zum Beispiel in Lugano ein beachtliches Spektakel über dem See abfeuern.

Wir gingen damals dennoch zum See um Mitternacht, an Silvester,  und tatsächlich gab es doch ein paar Raketen: Italiener, die Feuerwerkskörper und Raketen aus Italien herübergebracht hatten und das Verbot, sie zu entzünden nicht kannten oder ignorierten. Natürlich regt sich niemand hier darüber auf. Man ist gelassen hier und tolerant gegenüber Fremden und auch gegenüber anderen Religionen. Ich bin Fremder hier und gehöre einer anderen Religion an. Ungefähr ein Viertel der Einwohner des Tessins sind Ausländer, die meisten Italiener. Im Kanton Genf liegt der Ausländeranteil bei fast 40%, in der ganzen Schweiz sind es etwa 20%, gegenüber 8,8% in Deutschland oder 6,2% in der EU.

Als die Schweizer sich vor einigen Wochen gegen Minarette entschieden haben, haben sie sich nicht gegen Moslems, nicht gegen Moscheen, nicht gegen Fremde entschieden. Sie haben sich gegen Gebietsmarkierungen einer Religion entschieden, die leider teilweise auch aggressive Züge trägt, was man vom Judentum oder von Buddhisten nicht sagen kann, weshalb einzelne Bauelemente an Synagogen oder Meditationszentren kein Aufsehen erregen. Sie haben sich gegen Parallelgesellschaften entschieden. Sie haben gesagt: du bist hier willkommen, als Fremder, als Moslem, als was auch immer. Aber nimm Teil am Leben aller, werde ein Teil unserer Gemeinschaft, bilde kein Ghetto. Es war eine Entscheidung für Integration, nicht dagegen. Wer hier lebt, versteht langsam immer besser die pragmatische Einstellung der Menschen hier.

Man philosophiert weniger, zum Beispiel über „Leitkultur“, wie in Deutschland oder Österreich, sondern man versucht, pragmatische Lösungen zu finden. Und diese Lösungen findet das Volk bei den wichtigen Fragen selbst. Welche Lösungen würde man in Deutschland finden, wenn das Volk entscheiden dürfte? Eine Entscheidung treffen und dazu stehen, auch wenn sie nach außen nicht gut ankommt – ist das nicht etwas sehr Erwachsenes? Aber was bedeutet es, wenn man eine Entscheidung des Nachbarn sieht und dann beklagt, dass dort das Volk selbst entscheiden kann, etwa in dieser Form: „Außerdem ist das Ergebnis eine Art Kollateralschaden der direkten Demokratie. So kann es kommen, wenn das Volk nicht nur über Turnhallen oder Transrapidbahnen abstimmt, sondern über alles.“ (Thomas Kirchner in der Süddeutschen Zeitung vom 30.11.2009)? Es bedeutet, dass das große europäische Volk, das zwei Weltkriege verursacht hat und dem man die Demokratie 1945 mit Gewalt bringen musste, heute zu wissen glaubt, warum die Schweiz, die seit 1291 einen Weg der Selbstbestimmung und Demokratie geht, einen Fehler gemacht hat.

Ich werde heute Abend in aller Stille zum neuen Jahr anstoßen mit ein paar Tessiner Freunden, ohne Feuerwerk. Ich lebe gern hier. Ich wünsche der Schweiz, dass sie 2010 und in Zukunft bleibt, wie sie ist: demokratisch, tolerant, gelassen, pragmatisch und flexibel. Ein modernes Land mit großer Tradition. Ich glaube, man kann von der Schweiz viel lernen. Ich bin dabei. Und ich danke meiner Wahlheimat hiermit einmal, bei dieser Gelegenheit.

Allen Lesern des Nord-Südlichen Divan wünsche ich ein schönes Jahr 2010!

Werner

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