Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for the ‘Fußball’ Category

Die Idee, mir das Spiel anzusehen, kam mir als ich vorgestern auf der Strandpromenade deutsche Bierwampen sah, die mit Schalke 04-Hemden überspannt waren. Ich richtete an eine der Wampen die Frage, wann das Spiel denn stattfinde und siehe, sie sprach: „Dat Spiel is morgen. Dat Hinspiel war dreizueins, in der zweiundneunzigsten Minute hammwa noch einen rein bekommen. Ansonsten hätte es fünf oder sechsnull ausgehen müssen. So schlecht sind die.“

Nun, beschloss ich: da werde ich mal nachsehen, ob „die“ wirklich so schlecht sind und ob die anderen, die momentan vorletzte der Bundesliga sind, tatsächlich so leichtes Spiel haben werden, wie der weit gereiste Anhänger der Gelsenkirchener Fußballmannschaft annimmt.

Die Touristeninformation an derselben Strandpromenade ist ein erstaunlich kleines Bürolein, in das nicht viele Touristen passen, aber in dem zwei Damen arbeiten, die auf Zack sind. Die eine holt aufmerksam die Anfragen der Besucher ein und gibt sie an die andere weiter, die den Blick nicht vom Computermonitor nimmt, permanent ein Telefon am Ohr hängen hat, ihre Recherchen mit sichtbarer Routine und Treffsicherheit im Computer oder mit Hilfe von Listen und Verzeichnissen lanciert und die gewünschten Informationen mit allen Zusätzen und Eventualitäten auf Hebräisch an die erste Dame weitergibt, welche sie charmant auf Englisch ans Publikum veröffentlicht.

Die Damen belehren mich, dass das Vorverkaufsbüro für diese und andere Veranstaltungen wie Konzerte u.ä. „Lean“ heißt und in einer Passage in der Ditzengoffstraße 7 liegt. Man notiert mir die Telefonnummer auf einem Stadtplan, den man mir aushändigt, nicht ohne vorher den gegenwärtigen Standort und das Ziel eingezeichnet zu haben. Ich wundere mich nur, dass sie nicht um kurze telefonische Rückmeldung bitten, wenn man das Büro erreicht und die Karten erfolgreich gekauft hat und sicher hätten sie auch sofort für mich dort angerufen aber ich bat nicht darum und als ich danke, laufen schon neue Recherchen und neue Informationen werden aus dem kleinen Büro hocheffizient in die Welt lanciert, auf dass der Reisende sich wohl befinde, in Tel Aviv.

Bei „Lean“ angekommen, erfahre ich, dass die Karte auf der Haupttribüne stolze 440 Schekel (ca. 90 Euro) kosten soll. Nun, das ist der heutige Fußballwahnsinn und die ca. zwanzigtausend Euro, die allein ein Spieler wie der Schalker Stürmer Huntelaar pro Tag brutto an Gehalt kostet, wollen eingenommen sein (sein jetziges Gehalt bei Schalke kennt man nicht so genau aber bei Real Madrid waren es 4 Millionen netto jährlich und das sind für den Arbeitgeber rechnerisch ziemlich genau zwanzigtausend Euro brutto am Tag). Auf Nachfrage erfahre ich, dass es auch eine Karte für 220 Schekel auf der Gegentribüne gibt. Gegentribüne beim Volk statt Haupttribüne bei der Noblesse? – die Entscheidung fällt nicht schwer, wenn man wie ich vor allem die Atmosphäre spüren will.

Mit der Karte in der Tasche fahre ich am nächsten Tag im Taxi zum Bloomfield Stadion im Stadtteil Jaffa. Die Anreise macht keine Probleme und auch der richtige Stadioneingang ist leicht gefunden. Fast eineinhalb Stunden vor Spielbeginn nehme ich meinen Platz schon ein, denn so kann ich in Ruhe beobachten, wie sich das Stadion langsam füllt und sich die Atmosphäre aufbaut.

Die Schalker sind auch schon da, ein kompakter blauer Block in einer Ecke hinter dem Tor. Ein bisschen befremden sie schon, diese großen deutschen Schriftzüge auf den Spruchbändern, teilweise in Frakturschrift gehalten, die da lauten „Rheinland“, oder „Hagen“. Auch die Gesänge sind anders als die der Gastgeber. Die Deutschen sind als lautes Volk bekannt. Man erkennt sie an ihrem lauten Sprechen und an ihrem explosionsartigen Lachen. Nicht, dass dies als besonders störend empfunden wird, von Italienern, Briten, Schweizern oder Israelis, aber es unterscheidet sie von anderen Völkern, die sich ihrerseits wiederum durch andere Eigenschaften abheben. Wenn jedoch schon das Sprechen und Lachen der Deutschen als laut wahrgenommen wird, wie kommen dann diese Chöre an, mit denen nicht mehr als schätzungsweise zwei- oder dreihundert Schalker teilweise das Stadion anfüllen? Zudem verwenden sie gelegentlich eine besondere Technik, die ich bisher so noch nicht beobachtet habe, und das sieht so aus: die ganze Fangruppe verhält sich zunächst ruhig, weitgehend sitzend oder jedenfalls zurück genommen, um dann in einem Moment, plötzlich und sehr laut mit einem explosiven „SCHALKE“-Gebrüll gleichsam nach vorn zu springen. Die ganze Gruppe bewegt sich auf diese Art ruckartig nach vorn, als wolle sie attackieren, als wolle sie weiter, wohin auch immer… Mir scheint, dass die Umstehenden dies als vorlaut wahrnehmen und das Stadion pfeift – allerdings eine übliche Reaktion unter Fußballfans weltweit im Wechselspiel der Fangesänge. Ich habe im Allgemeinen nicht den Eindruck, dass man die Schalker besonders bewertet, weil sie Deutsche sind aber ganz sicher bin ich nicht. Vielleicht sind es auch die Hapoel Tel Aviv-Anhänger um mich herum nicht. Ich fühle mich selbst in keiner Weise unwohl als Alien in der israelischen Fankurve. Ich bin zwar entschieden der einzige, der nichts Rotes am Leib trägt, aber es gibt es keine schrägen Blicke oder gar Äußerungen irgend einer Art.

Dann kommen die Spieler zum Aufwärmen und sofort ist ein Name in aller Munde: Raul. Er ist der Star, den sie hier sehen wollen und den sie offenbar sehr schätzen. Ich höre die Umstehenden spekulieren, ob er wohl spielen wird. Man weiß hier den Stellenwert von Hapoel Tel Aviv auf internationaler Ebene realistisch einzuschätzen: es ist durchaus möglich, dass Schalkes Trainer Felix Magath seine Stars für andere, wichtigere Einsätze schont.

Dann geht´s los und das Stadion explodiert in rot als die Spieler auf den Rasen kommen und die Champions-League Hymne ertönt, die zwar kitschig und von jeder Fernsehübertragung her alt bekannt ist, mir aber dennoch einen Schauer der Rührung verpasst: immerhin ein Champions League-Spiel und dann in Tel Aviv.

Die Hapoel-Fankurve entrollt ein riesiges Banner mit dem Vereinsschriftzug und Hammer und Sichel über die ganze Tribüne hinweg (Ha-Poel = der Arbeiter), dann pfeift der Schiedsrichter das Spiel an. Ab jetzt wird es laut, sehr laut um mich herum. Man verfolgt das Spiel durchweg im Stehen, obwohl dies eigentlich Sitzplätze wären. Die Begeisterung ist enorm, die Gesänge laut, die Unterstützung für die geliebten Helden auf dem Rasen grenzenlos. Von den Schalkern ist jetzt nichts mehr zu hören und tatsächlich scheint sich die Begeisterung auf die Männer in rot dort unten zu übertragen: Hapoel macht es den weit favorisierten Schalkern nicht einfach.

Zur Pause Null zu Null und auch in der zweiten Halbzeit fallen keine Tore mehr, in der Hapoel immer besser wird und mehrfach dem entscheidenden Torerfolg nahe kommt. Auch der Taxifahrer auf der Rückfahrt, der das Spiel im Fernsehen gesehen hat, bestätigt meinen Eindruck, dass die Schalker es allein ihrem Torwart Manuel Neuer zu verdanken haben, dass sie hier nicht als Verlierer den Platz verlassen. Beim Abgang erhält Raul noch einmal Sonderapplaus, als einziger Spieler der Gegner. Er dankt seinerseits mit einer Applausgeste in Richtung Hapoel-Kurve, als er langsam den Platz verlässt. Die großen Stars beenden ja heutzutage ihre Karrieren, indem sie kurz vor der Ausmusterung noch ein oder zwei Jährchen in Dubai oder bei Los Angeles Galaxy kicken. Wenn es bald so weit ist, denn er ist ja nicht mehr der jüngste, wäre Raul hier zu Gast bei Freunden.

Wer sich in Tel Aviv aufhält und einen tollen Fußballabend genießen will, dem sei wärmstens empfohlen, zum Bloomfield Stadium zu kommen. Nähere Informationen zu Eintrittskarten aber auch zu allen anderen denkbaren Plänen und Aktivitäten halten sicher die beiden gewieften Damen von der Touristeninformation am Strand bereit.

Advertisements

Read Full Post »

Seit Anfang der neunziger Jahre beobachte ich Italien und den italienischen Fußball. Nie, so habe ich in dieser Zeit oft gesagt, habe ich erlebt, dass man in Italien eine Niederlage im Fußball einfach anerkennt. Schuld sind immer die anderen: der Schiedsrichter vor allem, das Abseitstor, das fälschlich abgepfiffen wurde, der Elfmeter, den es nicht hätte geben dürfen oder den es hätte geben müssen, und so weiter. Für dieses Nachkarten und Rummäkeln gibt es in den entsprechenden Fernsehsendungen die Institution der „Moviola“. Dieses Wort bedeutet „Zeitlupe“ und ist an sich nichts Besonderes. Doch diese Zeitlupen werden nicht nur während des Spiels gezeigt, sondern sie werden nach dem Spiel zu einer Art eigener Sendung, die das alleinige Ziel hat, Niederlagen in Siege umzudeuten und die Schuld irgendwem zu geben aber nie der eigenen Mannschaft.

Heute ist Italien auf dramatische Weise aus der WM geflogen und daher interessierte mich: wie wird das heute sein? Welche Erklärungen wird es geben? Wer hat Schuld? Wie ist die Reaktion?

Erste Reaktion: Schockstarre

Die erste Reaktion in der RAI nach dem Schlusspfiff war die eines Schocks: Starre, Sprachlosigkeit, Suche nach Worten. Italien ist in der Vorrunde nie brillant. Italien beginnt eine WM immer erst, wenn es ernst wird und normalerweise geht das sogar gut. Diesmal haben sie allerdings sehr spät angefangen: in den letzten 10 Minuten des letzten Vorrundenspiels, in denen sie zwar noch 2 Tore machen aber die 2:3 Niederlage gegen die Slowakei nicht abwenden konnten.

Nach dem Schock ist die zweite Reaktion der RAI-Journalisten im Studio die eines wüsten Geschimpfes: „die Mannschaft war nicht fit, die falschen Spieler wurden ausgewählt, wenn das unser Spiel ist, dann verdienen wir nichts Anderes als auszuscheiden.“ Sieh an! Zumindest im ersten Moment geht es also nicht um das dritte italienische Tor, das wegen Abseits abgepfiffen wurde, oder um den Ball, der von einem Slowaken auf der Linie (hinter der Linie?) abgewehrt wurde.

Keiner der italienischen Spieler aus der Mannschaft, die auf dem Feld stand, stellt sich einem Interview. Auch von Trainer Marcello Lippi ist nichts zu sehen. Dann taucht wenigstens Alt-Torwart Buffon auf, der wegen eines Rückenproblems nach dem ersten Spiel nicht mehr spielen konnte. Aber er sagt eigentlich nichts. Ratlosigkeit im RAI-Studio. Man beginnt sich gegenseitig zu interviewen, um die Zeit zu überbrücken bis zur FIFA-Pressekonferenz, bei der der Trainer ja verpflichtet ist aufzutreten, wie der Moderator der RAI etwas verzweifelt erläutert.

Lippis Flucht in die Pseudo-Verantwortung

Dann kommt endlich Lippis Pressekonferenz. Er sagt: „Wenn eine Mannschaft so spielt, dann heißt das, dass der Trainer sie nicht richtig vorbereitet hat. Ich übernehme die ganze Verantwortung. Ich bin Schuld. Tut mir Leid. Ich wünsche meinem Nachfolger viel Erfolg.“ Es kommen noch ein paar belanglose Fragen, auf die Lippi belanglose Antworten gibt. Er wiederholt, dass er sich selbst die ganze Schuld gibt. Dann ist die Pressekonferenz beendet. Arriverderci.

Zurück im Studio. Erboste Reaktionen: „der macht es sich zu einfach! Es gab keine einzige fachliche Frage. Warum zum Beispiel hat er den Stürmer Quagliarella, der heute als einziger richtig gut gespielt hat, nur im letzten Spiel eingesetzt? Warum nicht früher?“

Tatsächlich ist diese Übernahme der Verantwortung seitens Lippi nichts anderes als eine Ausflucht. Wenn einer sagt: „ich habe alles falsch gemacht“, aber nichts erklärt, dann macht er es sich wieder sehr einfach. Wenn er die Mannschaft nicht richtig vorbereitet hat, wie er sagt, was heißt das? Wie hätte er sie denn vorbereiten sollen? Er sagt nichts Konkretes. Er führt keine Diskussion. Insgesamt wirkt sein Auftritt arrogant und kalt, auch weil vorher schon klar war, dass er nach der WM aufhört. Da lässt sich leicht Verantwortung übernehmen. Lippi wurde schon vor der WM in Italien nicht geschätzt, irgendwie hoffte man aber trotzdem, er könnte das Wunder von 2006 wiederholen und noch einmal das Unmögliche möglich machen. Das aber ist gründlich schief gegangen. Italien ist bei dieser WM nicht nur geschlagen worden, Italien ist untergegangen wie eine sehr armselige Titanic, die gar nicht richtig versucht hat, dem Eisberg auszuweichen. Und dieser Eisberg war wohl eher ein Eishügelchen, denn die Slowakei hat zwar heute sehr gut gespielt, hat aber in den Spielen vorher gegen Neuseeland auch nur ein Unentschieden erreicht und gegen Paraguay 2:0 verloren.

„Ätsch“ und „Arriverderci Italia“

Im Studio wirft man jetzt einen Blick auf die Internetseiten der ausländischen Presse. Die Reaktion in Spanien ist OK: ein höfliches „Arriverderci Italia“ wird  wohlwollend aufgenommen. Dann Erzfeind Frankreich, es wird eine Überschrift gezeigt: „Italien: Ein weiteres Fiasko“. Diese schüchterne Andeutung einer Kritik wird sofort mit wütender Häme beantwortet: „die haben sich doch gegenseitig zerfleischt. Wenigstens hatten wir keine internen Streitereien!“ Dann die Bild-Überschrift: „Ätsch!“, die nachvollziehbarerweise nicht verstanden wird. Die Journalistin übersetzt das falsch mit „Accidenti“, was einem „verflixt“ entsprechen würde. Vielleicht ist es besser so.

Dann kommt die Moviola. Das Abseitstor war abseits. Die Abwehr des Slowaken mit dem Knie auf der Linie war auf der Linie. Keine Diskussionen, alles klar. Nur bei der Rauferei im Tor nach dem 2:1 verlangt man einstimmig eine rote Karte gegen den Torhüter der Slowakei wegen Tätlichkeit.

Zwei Stunden nach dem Abpfiff gibt es jetzt doch die ersten Interviews mit italienischen Spielern: Enttäuschung, Sprachlosigkeit, Trauer. Am ausführlichsten äußert sich Quagliarella: er berichtet von Tränenszenen in der Kabine, wo Leute wie Cannavaro uns Gattuso verzweifelt geweint haben sollen.

Italiens Niederlage ist zu miserabel, um sie schön zu reden

Mein Eindruck ist insgesamt, dass man heute im ersten Moment auf Ausflüchte, Entschuldigungen und Schuldzuweisungen verzichtet, weil Italiens Ausscheiden bei dieser WM einfach zu miserabel ist, um es schön zu reden. Auch war man innerlich bereits drauf vorbereitet – niemand hat wirklich an diese Mannschaft geglaubt. Und jetzt ist die Sache zu eindeutig: 2 Unentschieden und eine Niederlage gegen Gegner wie Neuseeland, Paraguay und Slowakei. Wie ich die Italiener kenne, werden die Erklärungen und Rechtfertigungsgeschichten schon noch nachkommen. Aber im ersten Moment sind sie zumindest nicht übertrieben zu Tage getreten.

Italien ist bei dieser WM ausgeschieden, nachdem es 2006 mit mehr Glück als Verstand Weltmeister geworden ist. Frankreich ist ausgeschieden, nachdem es sich nur mit einem widerlichen Betrug gegen die bedauernswerten Iren in der Qualifikation durchsetzen konnte. Gott ist groß und seine Ratschlüsse sind unergründlich. Doch heute hat er in der Fußballwelt für etwas Gerechtigkeit gesorgt. Und in der RAI hat man ihm – bisher – nicht sehr heftig widersprochen.

Read Full Post »

Die Schweizer haben nicht oft Grund, beim großen internationalen Fußball so richtig zu feiern, umso mehr lassen sie es im Moment krachen. In diesen Minuten spielen sich auf den Straßen in Lugano Szenen ab, die es hier wegen Fußball sicher noch nie gegeben hat.

In den letzten Minuten des Spiels herrscht in der Stadt noch gespannte Stille. Die Schweiz führt 1:0, Spanien greift an und greift an und greift an. Jede Minute rollt eine neue Welle auf das Tor von Diego Benaglio. Dann die Nachricht: es gibt 5 Minuten Nachspielzeit. 5 Minuten! Noch einmal 300 Sekunden totale Verteidigung gegen alles, was die Spanier zu bieten haben, die nicht zu Unrecht als die derzeit beste Mannschaft der Welt gelten und bekanntlich Europameister sind. Dann ist auch diese Frist abgelaufen und der Kommentator des Schweizer Fernsehens fleht den englischen Schiedsrichter an: „Mach die Vuvuzela! Blas endlich in deine Pfeife!“ Und er tut es.

Ich wohne in Lugano etwas oberhalb des Stadtzentrums und gehe zur nahe gelegenen Via Besso, in der Nähe des Bahnhofs, um mir die Feierlichkeiten anzusehen. Lugano ist – wie die ganze Schweiz – sehr international. Bei der letzten EM haben hier vor allem die anderen gefeiert: die Portugiesen, die Spanier, am Anfang auch die Italiener. Nur als auch wir loszogen, zum Autokorso nach dem Sieg im Halbfinale gegen die Türkei, da waren wir fast allein: Deutsche gibt es hier nicht so viele, zumindest keine, die verrückt genug sind, um nach einem gewonnenen Fußballspiel hupend durch die Straßen zu fahren.

Heute jedoch ist alles anders: an der Straße fällt mir sofort auf, dass auch die Fahrer der Linienbusse hupen. Überall Fahnen, eine rot-weiße Feier beginnt, lächelnde Gesichter bei den Fußgängern, winkende Menschen auf den Balkonen. Ich hatte zunächst nur hier ein wenig schauen wollen, jetzt jedoch werde ich neugierig und gehe weiter die Straße hinunter Richtung Stadtzentrum.

Die Feier schwillt weiter an, das Hupen wird lauter, die Fahnen nehmen ständig zu. Andere in den Autos schauen eher verdutzt, es ist Berufsverkehr in Lugano, viele kommen genau jetzt aus den Büros und werden vom plötzlichen Rummel überrascht.

Die Feier hat etwas Schockartiges: niemand war davon ausgegangen, dass man ausgerechnet gegen Spanien zum Auftakt gewinnen wird. Gegen Spanien! Die Anzahl der Fahnen an den Autos war nicht groß in den letzten Tagen. Alex Frei, Kapitän und Leistungsträger war verletzt, man rechnete nicht gerade heute mit der großen Party.

Unten an der Uferpromenade des Luganer Sees ist das Zentrum des Festzuges. Hier spielen sich Szenen ab, die ich in Lugano noch nicht gesehen habe: jedes Auto muss unter einer großen ausgebreiteten Schweizer Fahne durchfahren. Einige Jungs halten Autos an, setzen sich mit ihren Fahnen auf die Kühlerhauben und ziehen so weiter, unter dem Jubel der Umstehenden, wie auf einer großen Welle der Begeisterung surfend.

Andere tragen ein Bierfaß von Wagen zu Wagen und verabreichen jedem Fahrer durch das heruntergelassene Fenster einen kräftigen Festschluck, bevor es weitergeht in diesem Stop and Go, in dem sich der Berufsverkehr mit dem Autokorso vermischt, verbindet, vereint.

Ein starker Regen setzt ein und ich flüchte mich unter den Schirm eines netten jungen Mannes, Mitte dreißig, Typ Banker, der mir erzählt, dass er das Spiel nicht hat sehen können, weil er noch im Büro gewesen war. Ich erzähle ihm die wichtigsten Fakten aus dem Spiel und sage ihm, dass ich es beachtlich finde, wie man hier feiert. Er meint, in der Zentralschweiz sei bestimmt noch mehr los. Ich wende ein, dass man doch hier das südländische Blut habe. „Ja“, sagt er, „aber die dort fühlen sich noch schweizerischer.“

Der Regen wird stärker und irgendwie wird die Feier auch stärker. Dann wird der Regen richtig stark, es prasselt nieder und die Feier wird ekstatisch. Weil jetzt jeder durchnässt ist, ist alles egal und es macht noch mehr Spaß. Polizisten stehen an der Straße und schauen etwas besorgt auf diejenigen, die sich im strömenden Regen besonders halsbrecherisch aus den Fenstern der fahrenden Autos hängen.

Ich bin inzwischen völlig durchnässt und begebe mich wieder auf den Weg zurück. Ich würde gern die Seilbahn nehmen, die aus dem Zentrum hoch zum Bahnhof führt, habe aber keinen Pfennig Geld bei mir, doch kein Problem: kurze Anfrage beim Schaffner und er lässt mich rein. Wer wollte gerade heute kleinlich sein!

Oben in der Nähe unserer Wohnung treffe ich meinen Sohn, der mit seinen Freunden und Vuvuzela feiernd durchs Viertel gezogen ist. Er berichtet mir, dass man sich erzählt, die Migros, der größte Schweizer Lebensmitttelmarkt, würde zur Feier des Tages alles 10% billiger verkaufen.

Noch immer ist der Lärm an der Straße groß. Hier entlädt sich etwas, was sich lange aufgestaut hat. Bei der EM vor 2 Jahren im eigenen Land hat es nicht sollen sein – aber jetzt hat es geklappt: die kleine Schweiz schlägt das große Spanien.

Wieder zu Hause trockne ich mich ab und ziehe mich erst mal um. Meine Frau erzählt mir, dass der Busfahrer alle gratis mitgenommen hat. Die bestellte Pizza kommt mit einem zusätzlichen Gratisbier „um die Schweiz zu feiern“, wie der Mann vom Pizzadienst strahlend erklärt. Im Fernsehen werden wieder und wieder die letzten Minuten des Spiels gezeigt, mit Originalkommentar. So ist jetzt auch einmal hier Ausnahmezustand, im Land der Ordnung, der Gelassenheit, der Vernunft.

Egal, was passiert: die Schweizer haben ihre WM schon gewonnen. Denn schöner kanns eigentlich nicht werden.

Read Full Post »

Wer englisches Fernsehen empfangen kann, der sollte sich abends nach dem letzten Spiel auf ITV1 „James Cordon’s World Cup Live“ ansehen.

In der ersten Sendung nach dem Spiel England-USA wurde zunächst klar gestellt: da Frankreich sich die Qualifikation ergaunert hat, kommt das Land während der WM in der Sendung nicht vor. Das Wort „Frankreich“ darf nicht ausgesprochen werden. Stattdessen wurde der „World Cup Wall Chart“ vorgestellt, eine große Treppenwand mit 32 Personen aus den Teilnehmerstaaten. Allerdings waren nur 31 da, ein Platz war leer und nachdem James Cordon erläutert hatte, dass Frankreich fehlen wird, erklärte er: „Was uns betrifft, so ist Irland bei der WM dabei“ und der Vertreter Irlands nahm unter großem Jubel Platz bei den anderen. Er wird sich jetzt auch allabendlich zu den Ergebnissen „seiner Mannschaft“ äußern.

Borsi Becker ist in England ein anderer Mensch

Lanciert wurde außerdem die Initiative „Back the Beard. Don’t shave for England“, mit der die Engländer aufgefordert werden, sich nicht zu rasieren, so lange ihr Land bei der WM dabei ist. In Spots fordern Wayne Rooney und die anderen Stars dazu auf mitzumachen. Ob sie wohl demnächst bärtig auf dem Platz stehen?

Die gestrige Sendung nach dem Spiel Deutschland-Australien eröffnete Corden mit den Worten: „Das ist genau das, was wir brauchen. Die Deutschen werden plötzlich fantastisch.“ Vertreten wurde der sportliche Erzfeind und Angstgegner von Boris Becker. Hierzu muss man wissen: Boris Becker ist in England ein anderer Mensch. Er ist dort in seinem wirklichen Element. Er spricht ein nahezu perfektes, elegantes Englisch und wird mit Hochachtung behandelt, wenn er sich zum Beispiel in Wimbledon als Experte zu Wort meldet. Seine Beiträge sind höflich und kompetent, meistens eher ernst und sachlich aber auch er streut in seine kurzen, prägnanten Antworten kleine ironische Bemerkungen ein: perfectly British.

Schon jetzt Resignation über den deutschen Triumph

Die Reaktionen auf den deutschen Triumph gegen Australien gingen allgemein in Richtung Resignation: da sind sie wieder, die Deutschen. Unschlagbar, wenn es ernst wird – zumindest für England. Vor allem graut den Engländern vor einem möglichen Elfmeterschießen gegen Deutschland. Das ist bisher immer schief gegangen, das kann auch in Zukunft nur schiefgehen. Deshalb organisierte Corden ein Elfmeterschießen Deutschland gegen England. Für Deutschland schoß Becker – und traf nicht – und für England versagte der Rapper Dizee Rascal, weil auch sein Ball von der Torwartlegende Peter Shilton gehalten wurde.

Mit Rascal hat James Corden das englische WM-Lied „Shout for England“ aufgenommen, das Nr. 1 der englischen Charts ist. Er ist inzwischen selbst der Numer One Comedian Großbritanniens, nach seinem Riesenerfolg als Autor und Hauptdarsteller der Comedy Serie „Gavin & Stacey“, die in Großbritannien und vor allem in Wales, wo sie teilweise spielt, so erfolgreich wurde, dass man zeitweise ensthaft erwogen hat, den Flughafen von Cardiff in „Gavin & Stacey Airport“ umzubenennen. James Corden ist witzig und spontan, einfallsreich und immer sportsmanlike, trotz aller Ironie. Reinschauen!

Read Full Post »

Das Gemecker über die Plastiktröten und ihren infernalischen Lärm bei den Spielen der Fußball WM hat etwas Rührendes, Hilfloses, so als stünde man vor dem Ausbruch eines isländischen Vulkans: keine Abhilfe möglich, es gibt nur momentane Reaktion, ein hilfloses Herumdrücken an der Fernbedienung etwa oder „Lippenmikropfone“ für die Fernsehmoderatoren. Sonst kann man leider nichts machen, heißt es. Höhere Gewalt. Naturereignis.

Schon vor einem Jahr, beim Confederations Cup, hätte man das Ausmaß des Problems verstehen und einschreiten können. Der Lärm war unerträglich und das Problem unübersehbar. Das Wesen des Fußballs ist berührt, wenn nicht verletzt: keine Kommunikation der Spieler untereinander mehr auf dem Feld, kaum eine Möglichkeit der Trainer, vom Spielfeldrand zu coachen, Fangesänge und Stadionatmosphäre zerstört, Zuschauerreaktionen verschüttet unter einem Schwall aus immer gleichem Getröte. Ein Tinitus. Eine Zumutung. Aber nichts Neues. Vor einem Jahr war bekannt, was kommen würde.

Wir verstehen alles

Aber die Herren aus den modernen westlichen Gesellschaften, die den Ton bei der FIFA angeben, verstehen alles, wie wir alle in diesen multikulturellen Zeiten. Wir verstehen Moslems, die Karikaturisten ermorden, wir verstehen Selbstmordterroristen in Schulbussen in Tel Aviv, wir verstehen Vollverschleierung und „ein Stück weit“ auch „Ehrenmorde“, denn: es ist eine andere Kultur! Und diese andere Kultur ist zu respektieren! Und diese andere Kultur bereichert uns!

Nun bereichert uns eine andere „Fankultur“, einen Monat lang, 64 Spiele, mehr als 100 Stunden. Aber bedeutet diese „Fankultur“ nicht einfach eine Denaturierung des Fußballs, einer englischen Erfindung, die Regeln wie „ungentlemanly conduct“ kennt? Ist es nicht legitim zu fordern, dass Mindeststandards des Respektes voreinander in beide Richtungen eingehalten werden? Wo ist hier der Respekt der Südafrikaner vor den Millionen Gästen in ihrem Land und den Abermillionen, ja Milliarden an den Fernsehgeräten in aller Welt, die Fußball so nur schwer oder gar nicht genießen können?

Nun scheint nur noch hilfloses Gemecker möglich zu sein, denn, so heißt es, es ist „zu spät“. Der schweizer Gutmensch Blatter hat für alle anderen Gutmenschen entschieden und selbstverständlich wurde niemand sonst gefragt. Warum hat man keine weltweite Abstimmung im Internet auf der FIFA-Webseite durchgeführt? Das wäre technisch kein Problem gewesen. Die Antwort ist klar: dann hätte das Volk gesagt, was es will und immer wenn es das tut, zum Beispiel bei niederländischen Parlamentswahlen, dann stellen deutsche Leitartikler enttäuscht und hasserfüllt fest, dass die Niederländer sich partout nicht an das halten, was sie so mühsam hatten herbeischreiben wollen: eine Niederlage der „Rechtspopulisten“.

So belustigt mich die Vorstellung, dass jetzt Millionen Menschen weltweit genervt sind von diesem – sprechen wir es aus – saudummen Geröhre aber meinen, leider nichts tun zu können. DFB: Mas Integracion.

Vom Ärgernis zum Sündenbock?

Ein Gutes aber dürfte das Ganze haben und wir werden es erleben: die Verlierer unter den Favoriten werden, wenn die WM-Angelegenheit für sie schief gehen sollte, eine hübsche Entschuldigung haben. Dann war dies nämlich gar keine richtige WM. Ich höre sie schon sagen: „Man konnte sich ja nicht verständigen, wir hatten alle Kopfschmerzen, Hörschäden sind nicht ausgeschlossen, unter den Bedingungen konnte man nicht spielen, wir konnten den Pfiff des Schiedsrichters nicht hören, die Trainer konnten nicht coachen, moderner Fußball braucht Abstimmung, Koordination, Kommunikation. Das ganze Turnier war unnatürlich. Denaturiert. Wertlos.“

Und es stimmt. Der Vuvuzela-Fußball der derzeit laufenden weltweiten Hörgeschädigten-WM ist genauso denaturiert wie eine Demokratie, die Ehrenmorde, Selbstmordattentäter und  Vollverschleierung versteht. Das sollte man normalerweise nicht laut sagen, denn es ist gar nicht schön, aber im Moment des Frustes nach der Niederlage kann man es bei Bedarf kurz mal hervorziehen. Und sie werden es tun. Wetten?

Read Full Post »

Die WM hat begonnen. Der Ball rollt und es ist Vorrunde: die beste Zeit der ganzen WM.

Ich liebe die Vorrunde. Es ist die Zeit, in der alle enthusiastisch sind, in der sich alle Hoffnungen machen. Die kleinen Mannschaften wollen ihre Chance nutzen, die großen wollen sich nicht sofort blamieren: maximaler Einsatz überall.

Überall ist Vorfreude, die meisten Spiele liegen vor uns, die WM hat gerade erst begonnen und ist lang. Vorfreude, so heißt es, ist die schönste Freude. Noch gibt es keine Abnutzung, die nach 2-3 Wochen unweigerlich einsetzt. Ich erinnere mich noch genau an die Übersättigung am Tag des Finalspiels 2006. Italien gewann gegen Frankreich, vor Ekel schaltete ich den Fernseher im Moment des Schlusspfiffes ab. Ich schickte noch eine SMS an einen Freund in Deutschland, mit dem ich mich während des Finals „unterhalten“ hatte: „Gut, dass das alles vorbei ist“, stand darin. Diesen Punkt werden wir auch diesmal erreichen aber jetzt – in der Vorrunde – sind wir noch weit davon entfernt.

Die Vorrunde ist die Zeit der Spekulationen, der Einschätzung, der Abwägung. Das meiste von alledem ist völlig unerheblich doch alle machen mit.

Das beste an der Vorrunde aber ist der Spielplan: drei Spiele täglich. Wunderbar. Man bedenke: obwohl die WM einen Monat dauert, hält dieser Zustand nur 10 Tage an. Danach folgen schon die letzten Vorrundenspiele aller Gruppen, allesamt auf vier Tage konzentriert – aber es finden leider immer 2 Spiele zeitgleich statt. Dann geht schon alles sehr schnell: noch einmal 4 Tage mit jeweils 2 Spielen täglich und schon sind 2 Drittel der Mannschaften ausgeschieden und für viele sympathische Außenseiter heißt es dann bereits: aus der Traum. Von 64 Spielen bleiben dann nur noch 8 übrig.

Das aber dauert noch etwas, noch 9 Tage Vorrunde: die wirkliche WM. Genießen wir es.

Read Full Post »

Es gibt eine gute und eine gute Nachricht. Die gute: der Divan ist nach einem Vierteljährchen Pause zurück. Und die andere: Deutschland wird Fußball-Weltmeister 2010.

Ich hätte ja Israel oder die Schweiz als persönliche WM-Favoriten vorgezogen. Aber man sollte realistisch bleiben: Israel ist in der Qualifikation tapfer kämpfend erwartungsgemäß ausgeschieden – unter anderem gegen die Schweiz – und die Schweiz selbst wird es sehr schwer haben: in der Gruppenphase ist mehr als ein zweiter Platz gegen Spanien nicht drin. Und wenn man den schaffen sollte, dann warten bereits im Achtelfinale entweder Brasilien oder Portugal. Viel Glück!

Der Ekel über die deutschsprachige Berichterstattung über die Hamasfreunde, die die israelische Seeblockade durchbrechen wollten, damit bald wieder anständige Waffenlieferungen nach Gaza möglich sind, ist noch nicht verklungen und so fällt es derzeit etwas schwer, nationale Begeisterung für die Fußball-WM zu mobilisieren. Aber schon Settembrini sagt im „Zauberberg“, als er Hans Castorp verabschiedet:  „Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet. Mehr kann jetzt niemand tun.“

Nun denn, so wollen wir versuchen, noch einmal mit kindlich naiver Begeisterung für die Helden der eigenen Nation in eine Fußball-WM zu gehen – wer weiß wie lange das noch möglich sein wird, wer weiß, ob es beim nächsten Mal im Jahre 2014 noch einen Euro, noch eine halbwegs demokratische EU geben wird? Indessen schätze ich generell diese Anlässe postmoderner nationaler Begeisterung in Europa, wenn der EU-Größenwahn und die multikulturelle Gleichmacherei von echter Identifikation mit den jeweiligen kulturellen Wurzeln in die Schranken gewiesen werden, es ist Begeisterung für eine organisierte Groß-Torheit zwar, aber immerhin Begeisterung. Ganz klassisch. Für das eigene Land und gegen die anderen, wer auch immer das jeweils ist, meistens ist es Italien. Ein Festival des kollektiven Egowahns. Wunderbar.

So ist die WM jetzt also da und der Divan hat die Chancen der deutschen Fußballnationalmannschaft streng wissenschaftlich analysiert. Ich bin zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: diesmal wird es klappen und dafür gibt es vier Gründe:

Grund Nr. 1: Der historische Zyklus

Bei den 11 Weltmeisterschaften seit 1966 (vor 44 Jahren) hat Deutschland in 73% der Fälle das Halbfinale und in 55% das Finale erreicht (6 von 11 Mal). Ein Titelgewinn gelang im selben Zeitraum in folgenden Zeitintervallen: 1774 (Weltmeister) bis 1980 (Europameister): 6 Jahre, 1980 bis 1990 (Weltmeister): 10 Jahre, 1990 bis 1996 (Europameister): 6 Jahre; der Zeitraum 1996 bis 2006 hätte den fälligen 10-Jahresintervall wieder hergestellt, doch das wurde von Herrn Grosso in Dortmund verhindert. Wenn wir uns aber jenen WM-Sieg der Italiener einmal in Erinnerung rufen, was stellen wir dann fest? Es gab nie eine bedeutungslosere Weltmeisterschaft als die Italiens 2006: ein Team von überführten Wettbetrügern reist zur WM an, spielt vom ersten Tag an schlecht und gewinnt im Achtelfinale gegen die armen Australier nur wegen des absurdesten Elfmeters der WM-Geschichte in der buchstäblich letzten Minute. Hübsch auch, wie Herr De Rossi einem amerikanischen Spieler mit voller Absicht den Ellenbogen ins Gesicht rammt, so dass dieser blutend das Feld verlässt. Im Viertelfinale schlägt Italien die Ukraine, das war ihr einziges wirklich gutes Spiel. Im Halbfinale gegen Deutschland gewinnen sie mit einem Kunstschuss, einem Sonntagstreffer, der Spielverlauf war ausgeglichen. Und im Finale wird immer unvergesslich bleiben, wie der große und bekanntlich leicht reizbare Zidane bewusst beleidigt wurde, damit er in seinem letzten Nationalspiel vom Feld muss und im Elfmeterschießen fehlt, in dem Italien dann noch das unverdiente Glück hat, das jeder braucht, um ein schmutziges Geschäft zu Ende zu bringen. Wir Deutschen haben es vom ersten Moment an gespürt: hier wurde das Schicksal manipuliert, hier geschah etwas, was ungerecht und unsauber war, was den Weltenplan durchkreuzte, die Gestirne zum Stehen brachte, das Universum erschauern ließ. Der wahre Weltmeister waren wir, in den Herzen und im eigentlichen und statistisch nachvollziehbaren Willen der Götter. Welche satanische Kraft 2006 die Vorbestimmung verändern konnte, wissen wir (noch) nicht aber eines wissen wir, denn es offenbart sich in der Rückschau klar und deutlich: der Titel für Deutschland ist 2010 fällig und überfällig.

Grund 2: Bei Weltmeisterschaften gibt es keine Überraschungen – Weltmeister werden immer dieselben

Der üblicherweise kritische Leser des Divans wird sich jetzt fragen: aber die Gegner? Treten nicht weit stärkere Nationalmannschaften an, als diese deutsche Mannschaft, die vom Verletzungspech verfolgt wird und kaum anständige Stürmer zu haben scheint? Nun, ein Blick auf den Spielplan zeigt, was Deutschland zu erwarten hat und: was die anderen zu erwarten haben! Und der Spielplan spielt eine große Rolle: er war überaus günstig für Italien 2006 und er ist durchaus günstig für Deutschland 2010. Denn die Überraschungen im Sinne des unerwarteten Erfolges vermeintlich schwacher Mannschaften halten sich bei Weltmeisterschaften in klaren Grenzen. Es gibt sie immer, irgendwie, irgendein Kamerun oder Süd-Korea oder Dänemark wird auch diesmal wieder für Aufregung sorgen. Aber der Titelgewinn der Dänen bei der Europameisterschaft 1992 oder derjenige der Griechen 2004 waren nur die historischen Ausnahmen, die die Regel bestätigen und die Regel lautet: letztlich gewinnen die entscheidenden Spiele fast immer die Mannschaften, deren Sieg wahrscheinlich ist. Dies gilt weit mehr bei Weltmeisterschaften als bei Europameisterschaften und einen überraschenden Titelgewinn gab es bei Weltmeisterschaften noch nie. Weltmeister werden nur Brasilien, Italien, Deutschland, Argentinien, Frankreich oder vielleicht doch noch einmal England. Nur Spanien könnte in der näheren Zukunft vielleicht einmal in diesen illustren Kreis eintreten.

Bei der WM 2006 gab es am Ende der Gruppenphase in sieben von acht Gruppen vollkommen erwartungsgemäße Gruppensieger. Überraschungen gab es nur bei 3 Zweitplatzierten aber das wurde im Achtelfinale korrigiert, wo es wieder in sechs von acht Fällen erwartungsgemäße Siege gab, während zwei Partien sehr ausgeglichen waren (Portugal gegen Holland und Spanien gegen Frankreich). Ab dem Viertelfinale waren die Favoriten unter sich. Alles bleibt also im Endergebnis ziemlich vorhersehbar und um vorhersehen zu können, muss man den Spielplan und die Wahrscheinlichkeiten des Ausgangs der einzelnen Spiele betrachten. Und der Spielplan ist – bei näherem Hinsehen – günstig für Deutschland.

Grund 3: Der Lena-Effekt der gegenseitigen Eliminierung der Widersacher

Der Spielplan der WM teilt die 32 Nationalmannschaften in 2 große Blöcke von jeweils 16. Diese beiden Blöcke kommen erst im Halbfinale miteinander in Kontakt. Man könnte es auch so ausdrücken: es werden 2 Turniere gespielt, die jeweils 2 Sieger haben, welche dann die letzten 4 Spiele untereinander austragen: die beiden Halbfinals, das Spiel um Platz 3 und das Finale. Und hier zeigt sich: Fünf sehr starke Teams, nämlich Brasilien, Spanien, Portugal, die Niederlande und Titelverteidiger Italien haben mit Deutschland bis zum Halbfinale nichts zu tun. Oder anders gesagt: bis Deutschland mit einer dieser Mannschaften in Kontakt kommt, haben sich untereinander bereits mindestens 3 dieser 5 Mannschaften eliminiert. Auf der anderen Seite hat Deutschland nur 3 wirkliche Widersacher im eigenen Block, nämlich Argentinien, England und Frankreich, von denen wiederum 2 – wahrscheinlich England oder Frankreich – einen der beiden gegenseitig eliminieren, ohne dass Deutschland etwas mit ihnen zu tun hätte.

Das bedeutet, dass Deutschland sein entscheidendes Spiel am 3. Juli 2010 in Kapstadt haben wird, nämlich im Viertelfinale gegen Argentinien. Dies könnte als eine Revanche erscheinen, die Argentinien nutzen will, um die Viertelfinalniederlage gegen Deutschland 2006 wett zu machen. Aber die Dinge liegen etwas anders. Die argentinische Superstartruppe um Milito (hat gerade das Triple in Europa gewonnen), Messi (gilt als bester Spieler der Welt und ist es vielleicht auch) und Teves (spielte eine Super-Saison beim reichsten Verein der Welt, Manchester City) steht einem jungen und mental unverbrauchten deutschen Team gegenüber, das einerseits gegen diese Weltstars nichts zu verlieren hat und andererseits als U-21 Europameister oder zum Beispiel als Torwart von Vizemeister Schalke 04 (man denke an Derbys in Dortmund und den Druck, den man dort auszuhalten hat) auch genug Erfahrung und Kaltschnäuzigkeit hat, um einen Traum wahr werden zu lassen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Deutschland kann dieses Viertelfinale gegen Argentinien leicht verlieren aber wenn es gewinnt, dann ist alles möglich und der Vorteil wird bei den Deutschen liegen, da sie jung und unverbraucht sind und die Chance ihres Lebens nutzen wollen. Der Druck wird auf den Argentiniern lasten, die eine schlechte Qualifikation gespielt haben, einen drogensüchtigen Clown als Trainer haben und mit ihren Weltstars nicht schon wieder gegen Deutschland im Viertelfinale verlieren dürfen. Und genau deshalb werden sie verlieren. Ähnliches gilt für das Halbfinale (gegen Spanien) und das Finale (gegen Brasilien). Die Weltstars und Favoriten auf der anderen Seite werden sich an Neuer, Khedira, Özil und Marin die Zähne ausbeißen, weil diese wissen, dass sie nur diese zwei entscheidenden Spiele gewinnen müssen, dass sie nur dieses eine entscheidende Mal treffen müssen, um ewig in die Geschichte einzugehen. Normalerweise haben die Deutschen ein Problem damit, dass ab einem bestimmten Punkt nicht mehr die Leistung, sondern die Leidenschaft entscheidend ist. 2006 war der Erwartungsdruck zu groß. Diesmal ist genau diese Erwartung so nicht da, diesmal steht nicht das eigene Land um die Mannschaft herum Kopf, diesmal können sie es schaffen. 2006 wollten sie es, diesmal können sie es, denn das Wollen steht dem Können im Weg, wie wir aus dem Zen wissen.

Beim Grand-Prix-Sieg hatte Lena einen Vorteil, der zu beobachten war, wenn man das Eintreffen der Stimmergebnisse aus den Teilnehmerländern verfolgte, so wie ich dies an jenem Abend zum ersten Mal in meinem Leben und völlig zufällig tat: die Songs auf den Plätzen 2,3,4 u.s.w. blieben lange Zeit alle ungefähr auf dem gleichen Punkteniveau, es gab nicht einen klaren Konkurrenten gegen Lenas „Satellite“, es gab eine Handvoll davon und die eliminierten sich gegenseitig, weil die Punkte sich nicht auf einen Song konzentrierten, sondern sich auf viele Verlierer verteilten. Dasselbe wird bei der WM 2010 für Deutschland gelten. Deutschland muss sein schweres Viertelfinale gegen Argentinien bestehen, schafft es das, dann sind vermutlich Holland, Italien, Portugal, Frankreich und eben Argentinien bereits zu Hause bei Muttern wenn Deutschland sein Halbfinale gegen Spanien spielt, während Brasilien im anderen Halbfinale England eliminiert.

Grund 4: Die junge Mannschaft und die Tragik des Michael Ballack

Übergehe ich hier zu leichtfertig die „schwere Vorrundengruppe“ der Deutschen? Vielleicht. Aber Serbien, Ghana, Australien und vermutlich im Achtelfinale die USA sind schlagbare Gegner für Deutschland – keine leichten Gegner aber schlagbare Gegner. In der Vorrunde kann ja ein Unentschieden und sogar – falls nötig – eine Niederlage verdaut werden. Allerdings ist eine Niederlage in der Vorrunde keine gute Idee, sonst droht England als Gegner bereits im Achtelfinale. Doch England würde in diesem Fall gegen Deutschland verlieren. England hat dieses Jahr eine sehr starke Mannschaft aber England verliert gegen Deutschland. Punkt. Das ist ein Gesetz im Fußball und es scheint, als ob dies als Strafe für das Wembley-Tor von 1966 ein Jahrhundert Gültigkeit behalten soll. Aber so weit wird es vermutlich nicht kommen, denn normalerweise ist auf die Deutschen in der Vorrunde Verlass. Sie  gehen gemeinhin so gut vorbereitet in eine WM wie kaum eine andere Mannschaft. Schon die vermeintlich schwachen Gegner der Vorrunde sehr ernst zu nehmen ist eine der so genannten „deutschen Tugenden“. Der Weg ist nicht einfach aber er die Schwierigkeiten sind auch nicht unüberwindlich. Entscheidend ist hier die Frage: was für eine deutsche Mannschaft spielt?

Es spielt eine sehr junge Mannschaft. Es spielt eine Mannschaft aus Spielern, die – wie oben bereits gesagt – die Chance ihres Lebens nutzen wollen und nutzen werden und: Michael Ballack spielt nicht. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: ich mag Michael Ballack. Er ist unser einziger Weltstar, zwar hat er bei Chelsea diese Saison für einen Weltstar ziemlich viel auf der Bank gesessen, aber er bleibt unser einziger Weltstar. Andererseits ist er leider auch derjenige, der internationale Titel nicht gewinnen kann, der internationale Turniere und Finalspiele bisher immer verloren hat. Brutal gesagt: Michael Ballack ist kein Siegertyp. Er ist ein ehrlicher Arbeiter, ein bescheidener und korrekter Mensch, ein fairer Spieler und talentierter Spieler aber ihm fehlt der Killerinstinkt, die Sieger-DNA, die Mischung aus gemeiner Frechheit und bunter Genialität, die südeuropäische oder südamerikanische Stars haben. Er ist immer ein ehrlicher ostdeutscher Fußballarbeiter geblieben. Er hat nationale Titel gewonnen, in Deutschland und in England und dabei wird es bleiben. Die tragische Ironie seiner Karriere wird wie eine Verhöhnung des Schicksals erscheinen: Deutschland wird am 11.7.2010 Fußball-Weltmeister werden, weil eine junge Mannschaft im Viertelfinale sensationell die argentinischen Superstars schlägt und im Halbfinale und Finale seine einmaligen Chancen nutzt. Die jüngste deutsche  Mannschaft seit den dreißiger Jahren wird Weltmeister werden obwohl Michael Ballack nicht auf dem Feld steht? Nein, sie wird Weltmeister werden, weil Michael Ballack nicht auf dem Feld steht.

Damit ist also alles klar. Der wissenschaftliche Nachweis ist erbracht: Deutschland schafft es aus den oben genannten Gründen und der Divan kann für sich reklamieren, es gewusst und bereits am 6. Juni, 5 Tage vor WM-Beginn bis ins Detail vorausgesagt zu haben. Irrtum unmöglich. Noch Fragen?

Der Nord-Südliche Divan wird die WM weiter begleiten, mit Konzentration auf seine traditionellen Themen der Ideologie und der Reservate der Freiheit im Ozean der Lügen und Scheinwelten, die selbstverständlich auch den Fußball beherrschen (Irland!). Viel Spaß also allen Lesern des Divan bei der Fußball-WM 2010 und bei der Lektüre dieser Artikel, die ab jetzt wieder häufiger erscheinen werden.

Read Full Post »