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Archive for the ‘Artikelserie: Israel im Winter 2010’ Category

Eines gleich vorweg: ich habe nicht bestätigt gefunden, dass die Israelis so schlecht fahren, wie das zum Beispiel Ralph Giordano in seinem Buch „Israel, um Himmels Willen, Isreal“ beschreibt (S. 73). Wer südeuropäischen Fahrstil kennt, für den ist Israel m.E. kein Problem, wer Italien gewöhnt ist, wird sich entspannen und das harmonische Miteinander im Straßenverkehr genießen.

Aber natürlich gilt: ein Volk fährt so, wie es ist. Und Vorurteile sind, wie wir wissen, immer wahr. Also: die Deutschen fahren geordnet, die Briten auf der falschen Seite, die Italiener chaotisch. Und die Israelis? Nun, die setzen sich aus soundsoviel verschiedenen Herkunftskulturen zusammen (die genauen Angaben zu diesem Punkt divergieren) und daher gibt es nicht DEN israelischen Fahrstil, es gibt einfach alles. Und das ist der Unterschied: man muss auf alles gefasst sein. Hier ein paar konkrete Tipps und Beispiele:

1.) Das Hinweisschild „Achtung: Kamele an der Fahrbahn“ ist kein Scherz sondern in Wüstengegenden in der Nähe von Beduinensiedlungen Ernst zu nehmen. Die Tiere befinden sich tatsächlich nicht selten nah an der Straße.

2.) Es ist auch kein Scherz, dass auf den Fernstraßen nur 90 Stundenkilometer erlaubt sind. Die Logik dieser Entscheidung muss gewesen sein: wir haben ein kleines Land, wenn wir nur 90 fahren, merkt man das nicht so sehr.

3.) Nach einigen Kilometern auf diesen Fernstraßen versteht man, warum nur 90 Stundenkilometer erlaubt sind: diese Straßen sind autobahnähnlich ausgebaut, d.h. vierspurig mit Seitenstreifen, haben aber Ampelkreuzungen in den Ortschaften. Nur die Autobahn 6 (siehe Punkt 10) und einige Highways um Tel Aviv sind kreuzungsfreie Autobahnen im herkömmlichen Sinn, dort sind 130 km/h erlaubt.

4.) Ich habe sehr viele Kameras zur Geschwindigkeitsüberwachung gesehen. Auch sollen die Geldstrafen nach Auskunft eines Kellners in Cäsarea hoch sein.

5.) Die Hand auf dem Stoppschild heißt nicht, dass man Hand an Sie legen wird, wenn Sie es nicht beachten. Ich denke, „Stop“ auf hebräisch, arabisch und englisch wäre zu kompliziert gewesen.

6.) Von Anfang November bis Ende März muss man auch tagsüber mit Abblendlicht fahren, was für uns Mitteleuropäer in einem Land nicht so nahe liegend ist, in dem man immer wieder mal seine Sonnenbrille sucht, obwohl man sie schon trägt.

7.) Es gibt auch hier diese saublöde Angewohnheit, die in Italien der Normalfall ist: ich versuche auf einem Beschleunigungsstreifen aufzufahren und während ich abwartend rollend im linken Außenspiegel eine bequeme Lücke suche, fährt hinter mir bereits einer auf, gerne auch noch ein weiterer dahinter; der Wagen hinter mir fährt zwar schon auf, kann aber nicht vorwärts, weil er ja damit rechnen muss, dass ich jetzt auffahre – ich aber kann nicht auffahren, weil er mir die Lücke geschlossen hat, ich den rückwärtigen Verkehr nicht mehr sehe und der Abstand zu gering ist. Damit kommt keiner Vorwärts aber man schafft eine hübsche und völlig sinnfreie Stresssituation, an der alle ihre Freude haben.

8.)  Die Benutzung der Hupe entspricht südeuropäischen Gepflogenheiten, also: im Zweifelsfalle immer drauf und  bitte auch antworten! Wer hupt, hat Anrecht auf eine Erwiderung, die sich gern zum kurzen Geplauder entwickeln darf, wie zum Beispiel: Hupe 1: „Wie, Sie parken hier ein, ich will vorbei!“ – Hupe 2: „Lass mich gefälligst in Ruhe einparken, du Idiot“ – Hupe 3: „Wie lange soll das noch dauern?“ – Hupe 4: „Was kann ich dafür, wenn die Parklücke nur 5 Meter lang ist?“

9.) Wie in anderen Ländern gibt es auch hier auf den autobahnähnlichen Fernstraßen (mit Ampelkreuzung, siehe Punkt 3) am Ende der Grünphase ein blinkendes Grün, das anzeigt: „gleich wirds gelb“ und in der Regel als Aufforderung zum Vollgasgeben verstanden wird. Nicht-Einheimische sollten jedoch lieber bremsen, da diese Phase äußerst kurz ist und wir nicht wissen, wo die Speed-Cameras stehen.

10.) Gebührenpflichtig ist nur die „Trans-Israel Highway“ Nr. 6, die fast das ganze (bewohnte) Land von Norden nach Süden durchzieht. Die Kennzeichen werden optisch erfasst, es gibt also keine Zahlstationen, wie in Italien oder Frankreich. Am Monatsende kommt dann die Rechnung per Post nach Hause. Der Tourist weiß demnach nicht auf Anhieb, wieviel er da zahlt. Und wie die Abrechung bei Mietwagen funktioniert, werde auch ich erst morgen erfahren, wenn diese Reise durch Israel im Winter 2010 endet.

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Man muss seinen Blick an die Wüste erst gewöhnen, logischerweise, so wie man alles Neue erst erlernen muss. Wir waren wir heute beim Krater von Mizpe Ramon und es ist nicht leicht, die Wüste zu beschreiben, wenn man sie erst gestern an einem anderen Ort völlig anders erlebt hat. Der Blick, wie gesagt, ist nicht geschärft: die Farben des Gesteins wechseln, aber was ist das für Gestein? Der Wind war stetig und stark aus einer Richtung, er war warm und daher ganz anders als gestern, als er erfrischend war. Aber was für ein Wind ist das?

Bei Mizpe Ramon gibt es einen Krater, er ist 30 Kilomenter lang, 10 Kilomenter breit und 300 Meter tief. „Like the Grand Canyon“ stellten die Amerikaner an der Aussichtsplattform fest und mir scheint, sie haben Recht, obwohl ich den Grand Canyon nie gesehen habe. Es fehlt mir die Sprache für dieses Naturschauspiel hier, denn es fehlt mir Wissen und vielleicht fehlt mir Zeit und Ruhe. Ich habe zwar zwei volle Tage mitgebracht aber diese Wüste ist größer als zwei volle Tage. Die Wüste liegt nur da, wenn man sich nicht die Zeit nimmt, seine innere Dimension an ihr auszurichten, wenn man keine innere Weite schafft, die dieser äußeren Weite entspricht.

Was also tun? Erst einmal Mittagessen und zwar im reizlosen Ort Mizpe Ramon, im Städtchen hinter der Aussichtsterasse. Straßenverkauf von Fallafel und Salat, Plastikstühle vor den einfachen Restaurants, aus denen es frittiert riecht. Aber alle sind freundlich, antworten mir auf Englisch auf meine hebräischen Bestellungen, es schmeckt scharf und gut. Auch den Soldatinnen und Soldaten schmeckt es, die zahlreich kommen, in hellen und in oliven Uniformen. Wir fragen und lernen, dass die Hellen der „Air Force“ angehören und die Olivgrünen der Infanterie. Überall in Israel sieht man junge Soldatinnen und Soldaten. Oft bewaffnet. Die Soldatinnen aber sind nicht, wie woanders, überwiegend burschikose Frauen ohne Makeup, viele von ihnen sind bildhübsch und haben zarte Gesichtszüge. Aber die Wehrpflicht gilt für alle: 3 Jahre für Männer und 2 Jahre für Frauen.

Man gewöhnt sich an das Bild, es wird normal. Man gewöhnt sich auch daran, dass hinter Schulklassen auf Ausflügen immer ein bewaffneter Lehrer oder eine bewaffnete Lehrerin hergeht, mit dem Gewehr über der Schulter. Es gibt dabei kein Cowboy-Gehabe, es ist kein Eindruck einer angriffslustig militarisierten Gesellschaft, kein Eindruck, dass dies irgend jemand so will. Es ist pure Notwendigkeit. Vor wenigen Tagen wurde bei Nablus ein Jude in seinem Wagen im Stau erstochen, von einem palästinensischen Polizisten! Das sind die besetzten Gebiete der Westbank, wird man einwenden, aber während der zweiten Intifada wurden so überall im Land Menschen getötet, vorzugsweise unbewaffnete und wehrlose Menschen, in Bussen, Restaurants, auf offener Straße. Erst mit der Abriegelung der Westbank konnte Israel diesen Wahnsinn stoppen. Eine Abriegelung, die heute aus Deutschland gern mit der Berliner Mauer verglichen wird, was ignorant und unangemessen ist. Aber wir Deutschen erteilen den anderen gern Lehren, wir fühlen uns dazu berufen, vielleicht weil unsere eigene Geschichte ein so beeindruckender Siegeszug des Friedens und der Demokratie ist?

Nach dem Mittagessen verabschieden wir uns aus Mizpe Ramon und fahren zurück nach Norden, zum Kibbutz Sde Boker, um die Hütte von David Ben Gurion zu sehen, dem Mann, der 1948 die Gründungserklärung des Staates Israel in Tel Aviv verlesen hat. Es war sein testamentarischer Wille, dass seine Hütte, die Möbel, die Gegenstände unverändert bleiben, nach seinem Tod. Ein eigenartig egomanischer Gedanke für einen Mann, der als so bescheiden gilt, der sich 1953 freiwillig aus der Politik zurückzog, um sich der wirklich wichtigen Aufgabe zu widmen: der Kultivierung der Wüste im Negev, in dem er Israels Zukunft sah. Das Museum bei seiner Kibbutz-Hütte ist sehenswert, es beschreibt die Stationen eines außergewöhnlichen jüdischen Lebens des zwanzigsten Jahrhunderts, eines großen Visionärs, der an das Unmögliche gleich zwei Mal glaubte: im Falle der Gründung Israels und im Falle der Nutzbarmachung der Wüste des Negev, die allerdings noch im Gange ist.

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Der Nationalpark des Canyons von En Avdat direkt bei Sde Boker ist nicht nur einen Besuch wert, er ist ein unvergessliches Erlebnis. Aber kommen Sie früh morgens: wir hatten das Glück, den Canyon zu betreten, als außer uns nur ein weiteres Ehepaar unterwegs war. So konnten wir die Schönheit der Schlucht nicht nur sehen, sondern auch hören: Stille, herumfliegende Insekten, Wasserrauschen oder Plätschern, Vogelschreie, Wind.

Wir fahren zunächst vom Ben Gurion-Institut in Sde Boker das Tal hinab bis zum unteren (nördlichen) Parkplatz am Anfang des Wanderweges. Dann geht es zu Fuß weiter, immer den Wasserlauf hinauf. Bald wird die Schlucht enger, die Felswände rechts und links steiler. Der Bach bildet Teiche, in denen sich die Felsen spiegeln. Morgens legt man noch einen großen Teil des Weges im Schatten zurück, was angenehm ist, gegen Mittag steht die Sonne senkrecht über dem Tal.

Am Wasserfall weitet die Schlucht sich noch einmal und macht eine Biegung, die ihre ganze majestätische Höhe erkennen lässt. Jetzt heisst es sich beherrschen, denn es ist verboten in den Teichen zu Baden und es ist wahrscheinlich auch besser, der Versuchung zu widerstehen: das Wasser ist eiskalt, der Temperaturunterschied könnte den erhitzten Wanderer leicht überfordern. Denn es wird steiler.

Hinter dem Wasserfall steigt man die Talwand hinan, über steile Wege, serpentinenartig, und über Treppen und Stahlleitern. Der Weg wird jetzt anstrengender aber er ist nicht sehr schwer zu bewältigen und mit etwas Vorsicht mit Kindern ab 8-10 Jahren kein Problem.

Oben angekommen erreicht man den südlichen Eingang des Canyons, mit Parkplatz und Toiletten. Es lohnt, von hier aus den Weg des Wasserlaufs noch etwas weiter nach Süden zu verfolgen. Hier hat es in den letzten Wochen einmal stark geregnet und auch oderhalb der Quelle fanden sich Tümpel und Wasserreste. Die Einheimischen erzählen, dass es jetzt außergewöhnlich grün sei.

Je weiter wir uns vom Canyon entfernen, desto spärlicher wird das Wasser und desto mehr geraten wir hier in der Ebene über dem Canyon in eine reine und typische Wüstenlandschaft: Stille, Hitze, Trockenheit, Insekten, Wind und Weite.

Nach ungefähr einem Kilometer kehren wir um und treten den Rückweg zum Canyon an, es ist inzwischen Mittag, die Hitze wird drückend und wir wollen uns ausruhen.

Am südlichen Zugang angekommen empfangen uns Klänge, die wir beim Aufstieg nicht gehört haben: Schreie, Rufe, Lachen, Gesänge. Mehrere Busladungen an Schulklassen befinden sich im Anstieg aus dem Canyon hinauf zu uns. Und in der Schlucht hallt alles wieder wie in einem Fußballstadion. Wir danken dem Himmel, dass wir das Privileg zu einem Aufstieg in Stille hatten. Da unser Erlebnis kein Einzelfall gewesen sein dürfte, ist unbedingt zu empfehlen: besuchen sie den Nationalpark En Avdat aber kommen Sie früh, um die Stunden vor 11.00 Uhr zu genießen, wenn diese Gruppen noch nicht da sind.

Eine kuriose Erkenntnis dann beim Abstieg: es ist offenbar nicht vorgesehen, dass man den Weg vom nördlichen Parkplatz bei Sde Boker durch den Canyon und hinauf zum südlichen Ausgang auch so wieder zurückgeht. Der Weg ist als Einbahnstraße gedacht: man soll allen Ernstes vom südlichen Ausgang per Bus (alle 1,5 Std.) oder irgendwie über die Straße zum Ausgangspunkt zurückkehren. Allerdings wird dies nicht von Anfang an klar gemacht: erst oben nach dem Aufstieg sahen wir ein Schild, auf dem „Hinabsteigen verboten“ steht. In der offiziellen Broschüre heißt es: „Those walking this route should arrange for a car to be waiting for them at the upper parking lot“. Abgesehen davon, dass dies Unsinn ist, weil kein Tourist das so einfach organisieren kann, ist es auch kein Verbot. „Should arrange“ klingt nach einer Empfehlung, die man auch missachten kann. Wir aber wurden beim Abstieg von einem Herrn ziemlich barsch zurecht gewiesen. Wer sein Auto unten am nördlichen Eingang hat, der soll offensichtlich nur den kurzen Weg bis zum Wasserfall und wieder zurück gehen, ohne hinauf zu steigen. Eine unsinnige Regelung, da ja alle den gleichen Eintrittspreis von 25 NIS (ca. 5 Euro)  zahlen. Daher meine Empfehlung: missachten Sie die unsinnige Regelung und achten Sie beim Abstieg nur darauf, dass Sie auf den engen Stufen und Treppen niemandem den Weg blockieren, der gerade hinaufgeht, indem Sie einfach abwarten, bis der Weg frei ist.

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Wenn man im „Lonely Planet“ liest, dass es nicht zu leugnen sei, dass eine Stadt hässlich ist, dann wird sie dadurch schön, dass man seine Erwartungen herunterschraubt und sich dann über jede schöne Kleinigkeit freuen kann. Ich bin gern an Orten, an denen echtes Leben stattfindet. Vor ein paar Tagen wurde mir das wieder klar. Wir besuchten auf dem Weg nach Haifa die berühmte Ausgrabungsstätte Cäsarea, mit altrömischem Amphitheater, Hafen, Pferderennbahn, Mosaiken, Ruinen etc. Wir sind unserer Freunde Marcello und Angela zuliebe dort hingefahren. Beachtliche Ausgrabungen – kein Zweifel, aber bald schon auf unserem Rundgang begann ich mich zu fragen, was ich dort eigentlich wollte? Entweder ich interessiere mich für Archäologie, beschäftige mich mit der römischen Kultur der Antike oder ich gehöre nicht dahin.

Diese Orte, an sonnigen Wochenendtagen von Menschenmassen aus Bussen und Autos überschwemmt, werden ohne momentanes archäologisches oder historisches Interesse zu dem, was man auf Italienisch einen „non luogo“ nennt, einen „Nicht-Ort“. Damit werden Parkhäuser, Flughäfen oder Shopping-Center bezeichnet, anonyme Zweckbauten, die überall stehen könnten, die keine Identität haben. Auch ein altrömisches Cäsarea kann dazu werden, oder jede andere „Sehenswürdigkeit“, also etwas, was würdig ist, gesehen zu werden. Dieses Wort impliziert, dass der Sinn des Ortes das Betrachten selbst ist. Der Ort hat vorgeblich eine derartige Wichtigkeit, dass er betrachtet werden muss, dass das Betrachten allein zum Sinn wird, auch ohne persönliche Motivation. Kein Wunder, dass viele Menschen sich an diesen Orten verloren vorkommen, sich langweilen, keinen Zugang finden. Aber keiner gibt es zu. Wer wollte schon so dumm erscheinen? Man fährt ja schließlich hin, weil man sich und anderen bescheinigen will, dass man „Kultur“ hat, Kultur braucht und deshalb Sehenswürdigkeiten ablatscht.  Besonders bei Kindern sehr beliebt. Ein Spaß für die ganze Familie.

In Beer Sheva am Rande der Negev-Wüste hat man diese Probleme nicht. Wie gesagt: keine Erwartungshaltung – kein Problem. Wir haben die Stadt nicht gezielt angefahren, sie lag auf dem Weg nach Sde Boker, von wo aus wir zwei Tage den Negev erkunden möchten.

Es handelt sich immerhin um die viertgrößte Stadt Israels nach so klangvollen Namen wie Tel Aviv, Jerusalem und Haifa. Außerdem ist sie eine Universitätsstadt von erheblicher Wichtigkeit. Näheres und Besseres über das Leben dort kann man dem interessanten Blog „Blick auf die Welt – von Beer Sheva aus“ entnehmen.

Auf unserem harmlosen Spaziergang sahen wir ein lebendiges Städtchen in der Abendsonne, nicht schön aber echt. Wir aßen zunächst etwas bei einem russischstämmigen Kellner, der kein Wort Englisch konnte, weshalb ich mein ganzes Hebräisch mobilisieren musste, um alles zu regeln, was auch funktioniert hat. An einer Ecke mit Allenby-Statue hält ein Fremdenführer seiner Reisegruppe eine flammende zionistische Kampfrede. Seine Gruppe lauscht, er redet und gestikuliert. Aus einer Kaserne kommen Soldatinnen, die sich in einer Bar erfrischen, an der Bushaltestelle sitzen, in kleinen Gruppen in Geschäfte gehen, die kurz vor der abendlichen Schließung zu sein scheinen, obwohl es erst halb fünf am Nachmittag ist. Bei einem Bäcker an der Straße kaufen wir zwei Flaschen Wasser. Ob wir Touristen seien? Als ich bejahe sagt er freundlich: welcome to Isael. Dann erklärt er weiter auf Hebräisch: Beer Sheva sei hässlich, wir sollten nach Haifa fahren. Ich widerspreche höflich doch der Herr winkt ab: es sei zu heiß hier. Aber jetzt ist es nicht heiß, gebe ich zu bedenken und er sagt: „Machar“. Morgen werde es heiß werden: 34 Grad. Ich zahle das Wasser, wir danken und verabschieden uns.

Wir verlassen Beer Sheva auf der Straße Richtung Elat, an der Südspitze Israels, wo man die Füße schon ins Wasser des Indischen Ozeans taucht. Aber wir wollen nicht so weit, wir wollen nur nach Sde Boker, etwa 30 Km südlich von Beer Sheva.  Schon kurz hinter der Stadt wird die Vegetation tatsächlich sehr spärlich. Das erste Warnschild vor Kamelen an der Straße halten wir fast noch für einen Scherz, doch dann sehen wir sie tatsächlich an mehreren Punkten an der Straße stehen. Beduinenkinder sitzen auf ungesattelten Pferden, verschleierte Frauen suchen Feuerholz an der Straße, Schafherden warten darauf, dieselbe überqueren zu können. Im Westen geht die Sonne hinter den kargen Hügeln unter. Nach einigen weiteren Kilometern ist es nicht mehr zu leugnen: Wüste. Zum ersten Mal in meinem Leben. Ich bin neugierig. Morgen mehr.

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Der Tag begann mit brütender Hitze. Als wir uns gegen neun Uhr auf den Weg machten, um von unserem Hotel in Ashkelon die ca. 20 Kilometer nach Sderot zu fahren, waren es schon 31 Grad, an diesem fünfzehnten Februar.

Von Ashkelon fährt man nach Sderot auf der Fernstraße Richtung Beer Shewa nach Süden, bis man eine Kreuzung erreicht, an der man nach links, bzw. nach Südosten abzubiegen hat. Es gibt dort weiterhin die Straße geradeaus nach Süden, doch die Schilder, die vormals diese Richtung anzeigten, sind nun unbeschriftet und kein Wagen fährt mehr dorthin, denn dort geht es nach Gaza.

2005 hat Israel sich aus dem Gazastreifen einseitig zurückgezogen, als Teil der „Land für Frieden“-Politik, die Ariel Sharons Verdienst oder Fehler war. Auf die Frage „Verdienst oder Fehler?“ antwortet Jakob nur mit der Feststellung, dass seitdem noch weit mehr Raketen in seiner Stadt eingeschlagen sind als vorher.

Jakob arbeitet beim „Sderot Media Center“, das sich seit dreieinhalb Jahren bemüht, die reale Situation in Sderot bekannt zu machen. Wir erfahren einige Tatsachen, die uns unbekannt waren, wie zum Beispiel:

1) Die Raketen aus Gaza können nach Jakobs Meinung durchaus gelenkt werden, es sei nicht wahr, dass sie nur aufs Geratewohl abgeschossen werden. Sie hätten sich in den neun Jahren ständig weiter entwickelt, in der Reichweite, in der Zerstörungskraft, in der Zielgenauigkeit. Immer wieder sei eine bestimmte Straße in Sderot getroffen worden, weil die Terroristen offenbar erfahren hätten, dass sie Volltreffer in Wohnhäuser gelandet hatten, was zur Wiederholung angespornt habe.
2) Es ist nicht wahr, dass die Kassam-Raketen kaum etwas bewirken. Das ist eine Manipulation der Tatsachen, um den Schaden herunterzuspielen, den der Raketenbeschuss anrichtet, damit andererseits der Schaden der israelischen Vergeltungsaktionen „unverhältnismäßig“ erscheint. Diese Raketen haben ganze Häuser zerstört und Tausende zum Teil schwer verletzt, Einzelne getötet. Die Bevölkerung von Sderot ist traumatisiert, ein Fünftel der Einwohner hat die Stadt verlassen.
3) Es gibt die Vorstellung von der „bösen“ Hamas und der „guten“ Fatah, den „Gemäßigten“ des Herrn Abbas, des lieben Palästinenseronkels, mit dem sich so gut verhandeln lässt. Aber die Fakten, d.h. die Raketen sprechen eine andere Sprache: die Terroristen markieren die Raketen mit Farbe und die Raketen der Fatah sind gelb. Sie haben nie mit dem Raketenbeschuss aufgehört.
4) Nach wie vor schlagen Raketen aus dem Gazastreifen in Südisrael ein: statistisch etwas weniger als 1 am Tag.
Die Operation „Cast Lead“ vor einem Jahr hat die Hamas und ihre Infrastruktur geschwächt aber der Terror geht weiter, die Angst bleibt. Außerdem sind der Kreativität ja keine Grenzen gesetzt: wenn Raketen auf Südisrael in der Weltöffentlichkeit nicht mehr so gut ankommen, dann baut man in Gaza „schwimmende Bomben„, mit Sprengstoff gefüllte Fässer, wie sie Anfang dieses Monats in Ashkelon an den Strand gespült wurden, in der Hoffnung, wenigestens dort Zivilisten, Badegäste, am Strand spielende Kinder zu töten.

12.000 Raketen sind in neun Jahren aus dem Gazastreifen nach Südisrael abgeschossen worden. Allein in Sderot hat die israelische Regierung eine halbe Milliarde Schekel (etwa 100 Millionen Euro) für den Bau von Bunkern ausgegeben. Diese Bunker sind im Stadtbild überall zu sehen. Sie stehen dort, wo einmal ein Vorgarten war, bizarre Klötze, wie vor die Häuserfassaden geklebt. Bushaltestellen wurden zu Bunkern umfunktioniert. An einem Fußballplatz befinden sich Bunker in den Ecken des Spielfeldes. Auf einem Spielplatz wurde eine sehr lange Betonraupe geschaffen, aus drei Teilen, eine bunt bemalte Stahlbetonröhre als Notbunker für spielende Kinder. Wenn der Alarm kommt, haben die Kinder fünfzehn Sekunden Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen, dann kommt der Einschlag, die Detonation, die Schreie, die Rauchwolke. Alle Schulen und Kindergärten haben Bunker, bis auf eine Schule, bei der dies bautechnisch nicht möglich war, weshalb man sie mit zwei zusätzlichen Staaldächern überbauen musste.

Neun Jahre – 12.000 Raketen, beständiger Terror. Welches Land der Welt hätte das so lange toleriert? Israel hätte ja den Gazastreifen nicht abriegeln müssen, wird manchmal behauptet, die Raketen seien nur eine „verzweifelte“ Reaktion darauf, eingeschlossen zu sein. Aber der Beschuss begann Jahre vor der Abriegelung, welche eine Reaktion darauf war, dass Hamas nach dem israelischen Abzug in Gaza die Regierung übernommen hatte. Wie würde Deutschland sich verhalten, wenn in den Niederlanden Al Kaida an die Macht käme, mit dem alleinigen und erklärten Ziel, Deutschland zu vernichten? Offene Grenzen? Freier Waren- und Personenverkehr?

Vielfach, so erzählt Jakob, kommen ausländische Journalisten, die sowohl Gaza als auch Sderot besichtigen, mit der lobenswerten Absicht, sich einen Eindruck von beiden Seiten des Konfliktes zu verschaffen. Aber mit dieser lobenswerten Absicht richtig umzugehen ist arabisches Geschäft seit mindestens sechs Jahrzehnten: in Gaza werden die Journalisten dann zu möglichst dramatisch zerstörten Häusern geführt, gerne zu Schulen o.Ä. und dort hören sie Geschichten von Mord und Todschlag durch die brutalen Israelis. In Sderot habe man so etwas nicht zu bieten: man versuche dummerweise, Leben zu schützen, was im Medienkrieg sehr ungünstig ist, denn die Kamera verlangt Bilder von Opfern, von Blut und Zerstörung. Man schicke die Kinder eines Wohnblockes in Sderot bei Raketenbeschuss nicht aufs Dach, damit sie als menschliche Schutzschilder dienen, wie Hamas das in Gaza tut. Man repariere die Schäden an den Häuern und Straßen möglichst schnell, um den Menschen wieder ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Man habe auch nicht das Geld, das in Gaza ausgegeben wird, um die internationale Meinung zu beeinflussen. Das Sderot-Media Center ist eine private Non-Profit Organisation, die in äußerst bescheidenen Räumlichkeiten sechs Mitarbeiter beschäftigt. Bald werde man einzelne davon verabschieden müssen, klagt Jakob, das Geld reiche nicht. Israelische Minister seien gekommen, auch Barak Obama sei hier gewesen. Alle hätten ihre Arbeit sehr gelobt und Solidarität bekundet. Aber dann seien sie abgereist und Jakob und seine Leute waren wieder auf sich selbst gestellt.

Die asymmetrische Kriegsführung von Terroristen einerseits, die ihre eigene Bevölkerung nicht nur als Geiseln nehmen, sondern gezielt möglichst viele Verluste an der eigenen Zivilbevölkerung herbei führen wollen, im Kampf gegen eine reguläre Armee andererseits, die mit Uniformen kämpft, sich zu erkennen gibt und zwischen Zivilpersonen und Soldaten unterscheiden will, wenn sie denn könnte – dieser asymmetrische Kampf spiegelt sich in einer asymmetrischen Berichterstattung wider, im Medienkampf, der Fortsetzung des Terrorkrieges mit den Mitteln des Bildes vom Leid der eigenen zivilen „Märtyrer“. Im Allgemeinen gelten in diesem Konflikt die Palästinenser als die Schwachen und die Israelis als die Starken. Militärisch mag das stimmen. In Sderot kann man lernen, dass an der Medienfront das Gegenteil wahr ist.

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Es gibt Orte, die gibt es nur in den Fernseh- und Radionachrichten. Es kann sie eigentlich nicht wirklich geben, sie sind zu sehr Nachrichtenware, zu medial, zu schauerlich entrückt, um wahr zu sein. Ein Witz in meiner Jugend, in den achtizer Jahren lautete: „Billiges Grundstück zu vergeben: Golanhöhen, selbst verteidigen.“

Die Golanhöhen und Beirut, Belfast und Tel Aviv, dass waren damals die Orte, denen jetzt Bagdad und Afghanistan entsprechen. Heute jedoch habe ich gesehen, dass es die Golanhöhen wirklich gibt. Und es gibt viele Spuren, die zeigen, dass man tatsächlich an jenem Ort ist, der in den Nachrichten seinerzeit Synonym für Grauen war.

Zunächst trafen wir auf eine völlig zerschossene Moschee, die zwischen die Fronten geraten war, was ihr nicht gut bekam. Ein Volltreffer hat eine Ecke des Gebäudes komplett aufgerissen, am Turm sieht man Hunderte von Einschusslöchern. Im Innern hebräische und arabische Graffiti, ein großes Loch klafft in der Decke und wirft einen bizzaren Lichtschein an die Wand. Solcherart verwundet scheint diese Moschee heute im Nichts an einer staubigen Straße zu stehen. Erst beim Wegfahren sahen wir auch die Reste eines ebenfalls zerstörten Dorfes.

Drei Mal hat Syrien Israel angegriffen, im Unabhängigkeitskrieg 1948, im Sechstagekrieg 1967 und – zum vorläufig letzten mal – im Jom Kippur Krieg 1973, als sie nach den zwei vorherigen üblen Niederlagen versuchten, Israel feige an seinem höchsten Feiertag zu überfallen. Aber auch das ging schief. Die syrische Offensive wurde gestoppt und die israelische Gegenoffensive verschob die Front bis auf 20 km in syrisches Territorium hinein.

Im Rahmen der Waffenstillstandsvereinbarung zog Israel sich dann wieder zurück, behielt aber das schon 1967 eroberte Territorium und annektierte es. Vor dieser Eroberung waren die Golanhöhen der strategisch entscheidende Vorteil der Syrer gewesen: von hier aus hat syrische Artilerrie regelmäßig Galiläa beschossen.

Vom Aussichtspunkt Mitzpe Quneitra aus sieht man die Siedlung der UNDOF, die den Waffenstillstand in der entmilitarisierten Zone bewacht, und das Dorf Quneitra im Niemandsland, das völlig zerstört wurde und von den Israelis als Geste des guten Willens zusätzlich zu den Verpflichtungen des Waffenstillstands geräumt wurde. Es wurde hinter der Pufferzone auf syrischer Seite neu errichtet. Zwischen dem verlassenen Dorf und der UN-Siedlung gibt es einen Grenzübergang, den nur einige drusische Bauern und die Grenzwächter selbst passieren dürfen. Zwei österreichische UN-Soldaten, die am Aussichtspunkt herumstehen, erzählen uns auf Nachfrage, dass es sich bei diesen Drusen mit Übergangserlaubnis um nicht mehr als eine Handvoll Personen handelt.Es gibt einen Erläuterungstext des Panoramas, den man sich per Knopfdruck vom Band anhören kann. Es heisst dort, seit dem Jom Kippur Krieg wäre diese Grenze die friedlichste, die Israel hat. Wir fragen die Österreicher, ob sie das so bestätigen würden und sie lachen: so ganz solle man das besser nicht glauben, gibt man uns zu verstehen.

Einer der Soldaten lässt mich durch sein Fernglas den Grenzverlauf betrachten, der der alten DDR-Grenze schockierend ähnlich ist: Sandstreifen, Minengürtel, eine ins Land geschnittene Grenze, die niemand passieren kann. Ein drusischer Händler bietet am Mitzpe Quneitra sein Fladenbrot mit Joghurtfüllung an. Er sieht die Dinge gelassener und erklärt mir und einem der zahlreichen israelischen Ausflügler an diesem Shabbat-Nachmittag auf Hebräisch, dass der Golan „Gan Ha-Eden“ wäre, der Paradiesgarten Eden. Auch wir haben davon gehört und fahren nach Gamra weiter, wo es einen Naturpark und Wasserfall zu bestaunen gibt.

Aber auf dem Weg dorthin bleibt jedoch zunächst Kriegerisches im Vordergrund: ein Hinweisschild an der Straße macht uns neugierig. Wir halten, ein schmaler, genau bezeichneter Weg führt zu einem ausgebrannten israelischen Panzer, der zum Mahnmal geworden ist. Eine Gedenktafel und eine Fahne rahmen in ein, ein inzwischen mächtiger Nadelbaum ist genau aus seiner Mitte empor gewachsen und zeigt, dass dieser bisher letzte Krieg doch schon eine Weile vergangen ist. Ein etwas genauerer Blick auf den Weg, den wir hierher von der Straße nahmen, belehrt uns, warum er so genau bezeichnet ist: wir sind in einem Minenfeld. Diese syrischen Landminen haben die Israelis liegen lassen, damit sie im Falle eines erneuten Angriffes den Syrern selbst zum Hindernis werden. Aber wenigstens sind die Minenfelder genau bezeichnet, sodass man als Ausflügler hier nicht in Gefahr gerät, wenn man sich genau an die Anweisungen hält und die Warnschilder beachtet.

Etwas weiter an der Straße sehen wir wieder Panzer, diesmal neuere, die in einem gegenwärtig genutzten Übungsgelände stehen, auch sie zerschossen und beschädigt, aber nicht im Jom Kippur-Krieg sondern offenbar als Zielscheiben oder Attrappen bei den Manövern der Israel Defence Force. Etwas weiter stehen neue und funktionstüchtige Panzer an der Straße, mit einem Soldaten darauf liegend, der mit der Kippa auf dem Kopf in einem Buch liest: Shabbat an der Waffenstillstandslinie.

Schließlich erreichen wir Gamla, den Naturpark und sehen, dass der drusische Händler nicht Unrecht hatte. Die Hochebene des Golan wird hier von zwei Schluchten zerschnitten, in denen sich tatsächlich ein Naturparadies ausbreitet. Nicht nur ca. 700 prähistorische Dolmen sondern auch die Überreste eines byzanthinischen Klosters und die Ruinen des altjüdischen Dorfes Gamla selbst sind hier zu sehen, auf einem pyramidalen Berg an dem Punkt, an dem die beiden Schluchten zusammenstoßen. Aber selbstverständlich gibt es auch hier eine tragische, nationaljüdische Geschichte, die der von Massada ähnelt: die letzten Juden nach der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem, die von den Römern belagert und schließlich getötet werden. Zudem ein prachtvoller Wasserfall und Adler soll es auch geben, wir haben sie allerdings nicht gesehen. Wir haben auch genug gesehen, Kriegerisches und Friedliches, aber jedenfalls sehr viel für einen Tag und wir kehren zurück zum Kibbutz En Gev am See Genezareth, wo wir Quartier bezogen haben.

Den Tag lassen wir beim Sonnenuntergang am Seeufer ausklingen. Man möchte das Klischee ja vermeiden aber dennoch: eine mystisch silbrige Stimmung liegt auf dem fast spiegelklaren See, als die Sonne hinter den Hügeln am westlichen Ufer, oberhalb von Tiberias versinkt. Nur millionenfach herumschwirrende winzige Fliegen stören die Mystik etwas. Auf dem Wasser geht derzeit niemand, nur am Wasser gehen und stehen die Vögel und beobachten uns, wohl in der Hoffnung auf Krümel. Ich nutze die letzte Sonnenwärme und nehme ein Bad im kühlen Seewasser, das tut gut nach einem ziemlich heißen Tag auf den Golanhöhen, von denen ich jetzt weiß, dass es sie wirklich gibt.

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Heute Morgen brauchten wir vor der Abfahrt von Haifa zum Kibbutz En Gev am See Genezareth erst mal einen funktionierenden Geldautomaten und eine Apotheke. In Tel Aviv und Herzliya hatte ich mit Geldautomaten keine Probleme aber hier in Haifa sollte man sich nicht blind auf sie verlassen: sie nehmen meist nur vierstellige PIN-Nummern an, unsere Maestro-Karten aber verlangen 6 Stellen. Erst nach mehreren Versuchen gelang es, die gewünschte Summe aus der Wand zu ziehen. Ansonsten hätten wir unsere Kreditkarten zum Abheben benutzen müssen, was – wenn ich nicht irre – hohe Gebühren kostet. Die Apotheke fanden wir nach zweimaligem Nachfragen auf Hebräisch, ohne englische Erläuterungen, was meine Stimmung erneut deutlich hob.

Geplant war ein Zwischenstopp in Zefat in Obergaliläa. Die Fahrt führte also durch jenes Land, das Mark Twain in seinem Reisebericht aus der Zeit vor der jüdischen Einwanderung als fast völlig unbevölkert und brach liegend beschrieben hat (siehe Artikel von gestern). Von der Straße aus scheint es heute ziemlich einfach zu sein, mehrheitlich arabische von mehrheitlich jüdischen Siedlungen zu unterscheiden: entweder staubig schmuddelige Betonslums mit einem Minarett in der Mitte oder schmucke Siedlungen mit Vorgärten und Spitzdächern, die auch in Lugano oder Wiesbaden stehen könnten.

Zefat ist historisch hochinteressant, denn der Ort hatte in der Geschichte immer eine jüdische Bevölkerungsgruppe. Auch nach der Zerstörung des zweiten Tempels und der Vertreibung durch die Römer blieben Juden hier. Für das 3.-5. Jahrhundert ist belegt, das Zefat einer der Orte war, die an hohen jüdischen Feiertagen die Feuersignale aus Jerusalem weitergaben. Im Mittelalter folgten wechselnde Herrscher in verschiedenen Kriegen. Aber die jüdische Komponente blieb. Als Spanien 1492 seine jüdischen Bürger vertrieb, kamen viele dieser sogenannten Sephardim nach Galiläa und siedelten sich in Zefat an. Um 1550 wohnten in Zefat bereits 12.700 Juden und in den umliegenden Dörfern nochmals rund 10.000. Die Stadt wurde zum Zentrum der jüdischen Mystik, der Kabbala und ist neben Jerusalem, Hebron und Tiberias die vierte der heiligen Städte des Talmud.

Dies ist deshalb interessant, weil die Ansicht verbreitet ist, das Heilige Land sei fast 2000 Jahre „judenrein“ gewesen und hätte erst mit der zionistischen Einwanderung und vor allem mit der Gründung Israels wieder eine jüdische Bevölkerungsgruppe bekommen, welche die „Palästinenser“ verdrängte. Auch der Begriff Palästinenser ist ein politisches Konstrukt, wie so vieles hier: vor der jüdischen Besiedlung bezeichnete man diesen Landstrich als einen Teil Syriens und seine Bewohner einfach als Araber. Die Ansicht, in „Palästina“ hätte es vor dem Zionismus keine Juden gegeben, ist schlicht nicht wahr. Zunächst einmal war das Land hier im Norden bis auf einige Hafenorte wie z.B. Akko aüßerst dünn besiedelt und lag brach, wie wir gestern in Haifa gelernt haben. Zudem aber gab es hier immer Juden, sie blieben in Jerusalem präsent, sie blieben in Zefat präsent. Das heutige Israel war nie ganz frei von jüdischer Besiedlung. Es gab in der Geschichte die verschiedensten Entwicklungen und die jüdische Präsenz verringerte sich an einzelnen Orten zeitweise bis zur Randerscheinung. Aber sie verschwand nie.

Wir erlebten Zefat heute in den letzten Stunden des Freitagnachmittags, vor Beginn des Shabbat. Es lag eine Stimmung der Vorfreude über der Stadt, rasche Einkäufe vor der Schließung aller Geschäfte wurden erledigt. Musik drang aus den Lokalen und Wohnungen, die mehrheitlich orthodoxen Einwohner eilten nach Hause, die vielen Kinder im Kinderwagen oder an der Hand. Wir hörten viel amerikanisches Englisch und es waren keine Touristen, die so sprachen.

Als wir zu unserem Parkplatz zurück kamen,war unser Auto das letzte. Der Müllwagen fuhr durch die inzwischen geleerten Straßen, die Dämmerung begann, alle Geschäfte waren bereits geschlossen. Es wurde Zeit für uns, abzureisen. Ich schätze den hohen Stellenwert, den das Judentum der Ruhe und Stille am Shabbat beimisst. Stille ist die Sprache Gottes, alles andere ist eine schlechte Übersetzung – so habe ich einmal Eckhart Tolle sagen hören. Wenn dem so ist, so wird man hier die Sprache Gottes wohl besonders gut verstehen, in der heiligen Stadt am Shabbat, wenn alles zur Ruhe kommt.

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